Anders reisen in Thailand: Von Riesen und Kaffeedörfern

Thaizeit unterwegs im Norden Thailands - auf der Suche nach Abenteuern, von denen nicht nur der Tourist profitiert. 

"Ähm, Entschuldigung, bitte bück dich, heb das Haupt oder heb das Bein", stammeln wir auf elefantisch. Frontal über den Kopf oder seitlich über das abgewinkelte Vorderbein, das ist die optimale Elefantenaufstiegsroute. Weiter geht es im Luftspagat, entgegen der Sprungrichtung, zur Landung auf ein paar Quadratmetern glatter, wackelndener Dickhaut.
Der Elefantentrainer, auf Thai „Mahout” genannt, muntert im Hintergrund zu thailändischer Gelassenheit auf. Mit Hilfe der Befehle: Gehen, Wenden, Rückwärts und Aufheben (Rüsselschwingen), auf rudimentärem Elefantenthai, und mit Unterstützung von Hand, Fuß und Gesäß, wandelt der Dschungelgigant mit uns in Richtung Urwald.
Wieder einmal unterwegs mit dem Ziel, nachhaltige Reiseangebote aufzuspüren, die zudem Erlebnisurlaub, authentisch-lokale Kultur und andersartige Reiseerfahrungen vereinen, stehen zwei Abenteuer in Nordthailand auf der Agenda: Das Amateur-Elefantenführer-Training im Elephant Conservation Center nahe Lampang und eine Reise auf den höchsten Berg Thailands, dem Doi Inthanon. Hier warten Kaffeedörfer und Bergvölker abseits der Touristenpfade.

Zum Wohl der Elefanten

Das Thai Elephant Conservation Center hat wenig gemein mit dem typischen halbstündigen Ausritt einmal um den Dschungelblock, der oft in Nordthailand als Teil von Trekking-Tourpaketen für die Masse angeboten wird. Die Einrichtung in Lampang, 1,5 Autostunden südlich von Chiang Mai, hingegen schult umfassend den Umgang mit den Elefanten und unterstützt mit dem Erlös das Fortbestehen der Tiere und der Mahouts. Vor dem Aufstiegstraining steht für jeden Besucher der Austausch mit einem Mahout auf dem Programm. Vor uns wandern drei Elefanten über den Tisch. Der mit den langen Ohren ist Afrikaner, der mit den kurzen Ohren Inder. Der Elefantenführer schiebt die Dickhäuter behutsam vor sich her und spricht dabei über die Geschichte der Tiere und die Regeln im Umgang mit den grauen Riesen. Bevor wir die echten Elefanten als Amateurtrainer selbst einen Tag lang betreuen, gibt es die Miniaturspielzeugversion als erste Trockenübung für unser bevorstehendes Abenteuer. Wir bekommen eine Karte überreicht mit dem Namen des Tieres und den wichtigsten Befehlen in der Elefantensprache. Ob alles glatt läuft, werden wir sehen, wenn der Elefant mit dem Schwanz wedelt und den Ohren wackelt, was auf Elefantisch soviel heißt wie „ich bin glücklich” – und das sind wohl die meisten grauen Riesen hier.

Tierische Massenarbeitslosigkeit

Der Elefant ist in Thailand zugleich eine der beliebtesten und bedrohtesten Tierarten. Gewürdigt wurde er bereits als Staatssymbol in Zeiten des Siam-Reiches, abgebildet auf der Landesflagge und kampfessicher geschätzt als Teil des damaligen Elefantenheeres. Verehrt wird er weiterhin, besonders als königliches „weißes” Tier oder einfach abends auf dem Wohnzimmertisch als Feierabendbier(marke). Trotz der Symbolkraft der Rüsseltiere leben von ihnen Schätzungen zufolge nur noch etwa 3000-4000 Exemplare in Thailand. 1988, als in Thailand der Holzabbau untersagt wurde, um thailändische Waldbestände zu sichern, wurden viele Elefanten sowie deren Mahouts arbeitslos. Das Holz wurde zuvor mit Hilfe der Elefanten transportiert und verarbeitet. Viele der Besitzer suchten nun verzweifelt Wege, ihr Einkommen zu sichern. Sie brachten die Tiere auf Bangkoks Straßen, um sie den Touristen vorzuführen. Elefanten und Besitzer führten jedoch im Großstadtdschungel ein klägliches Dasein. Im Thai Elephant Conservation Center hingegen finden arbeitslose Tiere und Pfleger eine neue Aufgabe in natürlicher und geschützter Umgebung, gut umsorgt und intensiv betreut. Die Einrichtung finanziert sich vor allem durch den Tourismus. Kurse zum Elefantenmahout können variabel von einem Tag bis zu mehrwöchigen Aufenthalten in Bungalows in unmittelbarer Nähe zu den einheimischen Elefantenführern gebucht werden.

Elefantenkotkneten

Gemächlich wird nun voran gestapft, getrötet und mit den Ohren und dem Schwanz gewackelt. Ganz Thai, dreht sich unser Ausflug vor allem ums Essen und die Entspannung. Mit der langen Nase inspiziert und rupft unser grauer Freund audauernd, um seinem täglichen Nahrungsbedarf von bis zu 200 Kilo Dschungelgrün gerecht zu werden. Damit auch genug Zeit dafür bleibt, gönnt sich der Vielfraß durchschnittlich nur drei Stunden Schlaf. Das viele Fressen schafft eine Menge kostbaren Elefantenkot, der, um den nachhaltigen Kreislauf zu schließen, zu handgeschöpftem Papier weiter verarbeitet und anschließend in Form von dekorativen Fotoalben oder Glückwunschkarten verkauft wird. Natürlich. Wenn schon, denn schon, sagen wir uns, als der Elefant an der „Elefantenkotpapierfabrik” anhält. Dann legen wir mal Hand an. Der Kot der Tiere, nachdem ihm die Körpergase entzogen wurden, riecht gar nicht so übel. Wir greifen zu. Mit bloßen Händen wird die Masse kräftig durchgeknetet, mit Flüssigkeit verrührt und schließlich zum Austrocknen auf einem Rahmen verteilt. Nach so viel „persönlichem” Bezug zu den Tieren lassen wir uns nun auf einer Zuschauerbank nieder, denn um den Besuchern Geschichte und Landeskultur nahezubringen, führen die Elefanten mehrmals täglich ihre Fähigkeiten vor und zeigen, wie sie damals als Arbeitstiere Baumstämme wuchteten und kunstvoll stapelten. Elefanten können bis zu bis zu 400 Kilo hiefen. Im Vergleich zur üblichen Arbeitslast gleicht der Einsatz im Elephant Conservation Center eher einem aktiven Vorruhestand. Für die Altersvorsorge und Krankenversicherung ist auch gesorgt. Wir besuchen das Elefantenkrankenhaus, in dem jedes Tier, von der Arbeiterklasse bis zum königlichen weißen Elefanten, Anspruch auf Krankenpflege hat.

Ausgelassenes Rüsselduschen

Nach unserem langen Ausflug gibt es für uns und unsere grauen Freunde eine kräftige Erfrischung. Auf dem Rücken der Elefanten schwimmen wir durch das Dschungelgewässer. Nach Laune der Tiere wird mit dem Rüssel abgeduscht und lauthals getrötet. Der Elefantenführer erzählt uns, dies sei die Lieblingsbeschäftigung vieler Tiere. Das glauben wir, denn im Vergleich zu bisherigen Trekkingtourerlebnissen spielen die Elefanten hier sehr ausgelassen, ganz ohne eindringliche Befehle, nach Lust und Laune im Wasser. Ein „tierisch” langer Tag geht dem Ende zu und es wartet bereits ein neues Abenteuer.

Verantwortlich reisen online

Hundert Kilometer weiter nördlich, in Chiang Mai, treffe ich Shane Beary, der bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten im nachhaltigen Tourismus im Norden Thailands tätig ist. 1986 gründet er seinen Touranbieter Track of the Tiger und bietet inzwischen eine breite Palette an Trekkingtouren sowie Teamentwicklungsmaßnahmen und Bildungsreisen für Unternehmen und Schulen an. Derzeit baut Shane eine Online-Plattform auf, die Responsible Tourism Alliance, die Touristen Thailands verantwortliche Reiseanbieter nahe bringen soll. Shane will vor allem auch kleinen und mitelständischen Reiseveranstaltern die Chance geben, sich online zu vermarkten. Durch den direkten Kontakt zum Kunden können die Anbeiter auf Shanes Plattform das Komissionsmodel umgehen und so wettbewerbsfähiger werden. Verantwortlicher Tourismus bedeutet für Shane vor allem, der lokalen Bevölkerungen Chancen zu verschaffen, sie in ihrer Eigenständigkeit zu stärken. „Leider profitiert oftmals der Touranbieter oder der Tourist und die Bevölkerung erhält wenig zurück”, betont Shane. Was würden wir denken, wenn Fremde täglich durch unser Wohnzimmer laufen, gucken, fotografieren und wieder gehen, wie es oftmals im Fall der Bergvölker passiert. Ein vorbildliches Reiseangebot wäre ein Tagestrip oder Homestayprogramm, das die Touristen nicht nur durch Dörfer laufen, sondern sie bei der Arbeit auf dem Feld und im Dorf selbst mit Hand anlegen lässt. Gäste und Bewohner könnten gemeinsam kochen, essen, ihre Kultur kennen lernen, immer vorsichtig als Gast unter Zustimmung der Dorfbewohner und zugleich als Teil der Gemeinschaft.

Müllrecycling fürs Bergvolk

Diesen Ansatz verfolgt auch Rachet Wapeetha, Operation and Sales Manager des Reiseanbieters Asian Oasis, zuständig für nachhaltiges Reisen im Norden Thailands. Die Lisu Lodge in Chiang Mai, eines der Resorts von Asian Oasis, generiert über vier Millionen Baht im Jahr, die direkt an die Bevölkerung, an das Lisu-Bergvolk, gehen. Ein Teil des Geldes läuft in den Gemeinschaftsfond, der für gemeinnützige Anschaffungen für die Dorfgemeinde eingesetzt wird. Gerade wurde das Geld eingesetzt für einen Laster, der Müllrecycling unterstützt. Das Projekt Earth Care Asia und die Non-Profit Organisation Himmapaan gehören ebenfalls Asian Oasis an. Earth Care Asia bietet Schulen in und außerhalb Thailands eine Vielfalt von Aktivitäten und Ausflügen, die eine Auseinandersetzung mit Themen wie globaler Erderwärmung, Treibhauseffekt, Aufforstung, Entwicklung der Lebensqualität der lokalen Bevölkerung, Wassermanagement und Recycling fördern. Die Himmapaan Foundation fördert zudem den Austausch und die Vernetzung von Unternehmen, Organisationen und Touristen, die sich für diese Themen stark machen. Da die Lisu Lodge bereits im Bekanntenkreis getestet wurde und ihren Ansprüchen gerecht zu werden scheint, suche ich mir ein anderes Reiseziel. In der Ökotourismus Brochüre Greet (Go Responsible Ecotourism and Enjoy Thailand), herausgegeben von der Tourism Authority of Thailand, werde ich fündig.

Bilderbuchidylle im Nirgendwo

Mein Reiseziel, das idyllische Bilderbuchdorf Mae Klang Luang, versteckt sich ca. 50 Kilometer von Chiang Mai, 1300 Meter über dem Meeresspiegel, inmitten von Reisterassen, auf dem höchsten Berg Thailands, dem Doi Inthanon. In der Dunkelheit rollt das Auto unseres ganz persönlichen Reiseführers, Nithart, Sohn des Bergvolkoberhauptes, in eine verzaubernde Idylle. Die Grillen zirpen, ein Bach rauscht und weit und breit nur leuchtende Reisfelder und der mächtige dunkle Dschungel. Nur ein Holzhaus ruht auf dem Reisfeld, unter sternenklarem Himmel. Der Balkon unserer sehr einladenden, großzügigen, hölzernen Unterkunft schwebt über dem Bergfluss. An unserer eigenen Hausbar, aus massiven Baumstämmen angefertigt, lassen wir mit Nithart den Abend ausklingen, bevor wir an diesem verwunschenen Ort ins Reich der Träume fallen.

Kaffee frisch vom Baum

Am nächsten Morgen werden wir zu einem ganz besonderen Frühstück eingeladen. Es gibt Kaffee frisch vom Baum, der vor unseren Augen mit Hilfe traditioneller, rudimentärer Technik über hoher Flamme geröstet und anschließend sorgfältig gemahlen wird. Erdig, nussig und aromatisch schmeckt‘s. Umsorgt von einer Gruppe Dorfbewohner fühlen wir uns wie gute Freunde, weniger wie eine Einnahmequelle. Die Einnahmen von Unterkunft und Tourbegleitung gehen zu hundert Prozent an die Dorfgemeinschaft und werden für den Lebensunterhalt und für notwendige Einrichtungen genutzt. Geld spielt keine zentrale Rolle, sagt Nithart, da sich die Bewohner von der eigenen Ernte selbst versorgen können. Dies gilt, solange der Tourismus unter der Obhut von Organisationen wie dem Communitiy Based Tourism Institut kontrolliert wird und keine riesen Bungalowanlagen entstehen, die den Wasservorrat für den Reisanbau schmälern. Abhängigkeiten von Investoren können die Selbstverwaltung der Dorfgemeinschaft kippen. Nach der gemütlichen Kaffeezeremonie steht unser erster Ausflug auf dem Programm. Auf dem Weg in den Wald laufen wir an spielenden Kindern, Hundebabys, Hühnern und Schweinefamilien vorbei. Nichts ist inszeniert. Da wir den authentischen Alltag an der Seite eines Dorfbewohners erleben dürfen, fühlen wir uns auch nicht wie Eindringlinge. Eine alte Dame schleppt schwere Holzstämme den Weg entlang. Als wir versuchen, es ihr gleichzumachen, schaffen wir es kaum, die Holzladung auch nur ein paar Sekunden hochzustemmen. Die Frau lacht mit uns. Unser Pfad führt an Erdbeerfeldern und Blumenplantagen vorbei. Uns wird erklärt, dass viele dieser Projekte unter königlicher Schirmherrschaft zur Förderung der Dorfbewohner eingeleitet wurden.

Prophezeihungen vorm Feuerkessel

Wir laufen auf einsamen Pfaden, vorbei an Wasserfällen und kleinen Dorfsiedlungen, und genießen die überwältigende Aussicht des höchsten Berges Thailands. Je höher wir laufen, um so einsamer wird es. Auf der Spitze eines Hügels sehen wir nur noch eine winzige Holzhütte. Vor der Tür sitzen ein alter Mann und eine Katze. Er spricht ein wenig mit Nirirat, der viele Angehörige der Bergvölker sehr gut kennt. Ein bisschen weiter den Berg hinunter liegen noch zwei kleine Hütten. Unser Besuch und unsere Fragen sind willkommen, sagen die zwei alten Männer, aber sie seien nicht gewohnt viel zu sprechen. Sie haben das kleine Dorf verlassen, denn der „Rummel” und die Frauen waren ihnen zu viel. Wir werden eingeladen, in einer der Hütten auf Stelzen neben dem Feuerkessel und ein paar Hühnern Platz zu nehmen und eine Schale mit einem köstlichen Brei zu teilen. Wir lassen uns die mit Limonensaft vermengte, zerstampfte, undefinierbare Waldfrucht und einen anschliessenden Reisschnaps schmecken. Dieser Ort scheint so mystisch, dass ich nicht umhin komme, einen der zwei Bewohner zu fragen, ob er mir die Hand lesen kann. So erfahren wir, dass mich auf Grund meines guten Karmas Reichtum erwartet und meine Freundin dafür eine gesunde Tochter und eine glückliche Familie. Unsere Reise neigt sich dem Ende zu. Bei dem Gedanken an mein Leben in der Millionenmetropole Bangkok und meinem vorausgesagten Schicksal vermisse ich bereits jetzt meine Reise in diese andere Welt – eine Welt, in der Geld keine Rolle spielt und ein Kaffee am Morgen über den Reisterrassen reicht, um glücklich zu sein.

Christin Grothaus


Elefant Conservation Center
Mahout and Elefant Training School Km 28/29, Lampang – Chiang Mai
Tel. 054 247 875
E-Mail: info@changthai.com

Baan Mae Klang Lunag
Mr. Nirthart Phuphaarwon Tourism Center, 68 Moo 17, Jom Thong District, Chaingmai
Tel. 089-9520983, 081-9608856 und 081-0203615

Track of the Tiger
Mr. Shane Beary 22/8 Moo 4, Mahidol Road Nonghol, Amphur Muang Chiang Mai 50000, Thailand
Telefon: 053 801 257 or 674

Asian Oasis
7th Floor Nai lert Tower  2/4 Wireless Road Bangkok, Thailand 10330
Telefon: 02-655-6246-48
Himapaan Stiftung: www.Himmapaan.com

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