Kinderzeit:

Tropische Weihnachten

In dieser Kolumne erzählt Ute Bäuchl von den Erlebnissen mit ihrem 3-jährigen Sohn in Thailand. Heute geht es um die etwas andere Weihnachtsstimmung in den Tropen.


Robinson Crusoe hatte es und auch Heidi machte es das Leben auf der Alm zuweilen schwer. Kleine Kinder, die zum ersten Mal auswärts übernachten, können ein Lied davon singen. Und sogar Elefanten bekommen es, wie man bei der Umsiedlung südafrikanischer Elefanten in den Krüger-Nationalpark beobachten konnte: Die Dickhäuter plagte die Sehnsucht so schlimm, dass sie wieder in ihre gewohnten Weidegründe zurück befördert werden mussten. Von Heimweh ist die Rede: Vom Wunsch nach Sicherheit und Geborgenheit, nach Bekanntem und Vertrautem.
Nach vier Jahren in der Ferne haben wir alle Arten von Heimweh durchlebt: Das stille Heimweh, das sich in den ersten Monaten klammheimlich anschlich, und bei mir zu einem Kloß im Hals führte. Oder die zweite Kategorie der Sehnsucht, welche die erste nur noch in einem blassen Licht erscheinen lässt und mit einem heftigen Kribbeln im Bauch verbunden ist. Diese droht mich regelmäßig zu überfallen wenn bedeutende Familienfeste – wie etwa Weihnachten – vor der Tür stehen.


Dabei kann der heilige Abend in den Tropen auch ohne Schnee und Gänsebraten so richtig Freude machen: Letztes Weihnachtsfest etwa haben wir in einem Haus am Meer verbracht. Um dem Heimweh entgegenzuwirken und trotz 40 Grad im Schatten etwas festlich-gediegene Stimmung aufkommen zu lassen, verwandelten wir die Urlaubshütte in eine wahre Weihnachtsoase: Mit Minichristbaum, roten Girlanden und vielen Kerzen. Der eigens aus den heimatlichen Gefilden eingeflogene Weihnachtsbesuch, Patenonkel Sebastian und Freundin Sonja, brachte sogar eine CD mit deutschen Weihnachtsliedern mit, die wir schon tagsüber beim Baden im türkisfarbenen Meer fröhlich mitschmetterten: „Schneeglöckchen, Weißröckchen wann kommst du geschneit?“.
Noch den Sand in der Kleidung ging es abends los mit unserem exotischen Weihnachtsritual: Erst ein viergängiges Menü mit Fisch, Papayasalat, Kokosnüssen und süßer Reisspeise im Restaurant mit Meerblick. Dann ein paar Anrufe an die Familien und Freunde in der Heimat, denen wir „Frohe Weihnachten” ins Ohr trällerten. Und schließlich kam der Höhepunkt des Abends, den wir uns eigens für unseren Sohn, Anton, ausgedacht hatten: Sebastian sollte sich als Weihnachtsmann verkleiden: Ganz authentisch mit roter Mütze, Watte für den Bart und unseren noch feuchten Handtüchern als  Mantel. Und als „thailändischer” Weihnachtsmann durfte er natürlich eine fesche Sonnenbrille tragen, damit unser Sprössling ihn nicht gleich erkennt.
Um Punkt acht klopfte es dann geheimnisvoll an unserer Bambustür: „Ho, ho, ho, hier ist der Weihnachtsmann”. Das hatte der damals zweijährige Anton noch nie gehört und klammerte sich ängstlich an mich. Doch als der – mittlerweile durch die Tropenhitze – total verschwitzte „Weihnachtsmann” eintrat und aus seiner rosa Badetasche bunt verhüllte Geschenke verteilte, war die Freude groß. Noch Tage später suchte Anton den „roten Mann” zwischen Sandburgen und hinter Palmen.
Abends dann ließen wir unter dem gigantischen Sternenhimmel die Sektkorken knallen und schlürften das lauwarme Getränk aus unseren Zahnputzbechern. Dazu gab es Christstollen und geschmolzenen Blätterkrokant, den uns Oma Christel extra aus Deutschland geschickt hatte! Einfach wunderbar.
Warum als traurig werden am heiligen Abend, wenn es doch auch unter Palmen so herrlich weihnachtlich sein kann? Dann besser das Heimweh als das sehen, was es vielleicht wirklich ist: Die große Sehnsucht nach dem inneren Zuhause, dem Ort, in dem die Träume entstehen. Einem Zurücksehnen nach der Kindheit und dem Wunsch sich geborgen zu fühlen – ganz gleich wo.
Frohe Weihnachten!
Ute Bäuchl

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