Ranong: Urlaub wie vor 20 Jahren
Im kleinen Koh Chang bei Ranong scheint die Zeit stehen geblieben zu sein
Koh Samui vor 20 Jahren, das waren Hippies und die ersten Individualtouristen, Reggaebars, leere Palmenstrände und dazugehörige Sonnenuntergänge bei Shakes, Bier und – zugegeben, manchmal etwas seltsamer Musik. Wer damals dort war, bekommt heute beim Gedanken daran feuchte Augen, und vergessen sind Junior Suite, Convenient Store, Bodyscrub und Minibar. Wer braucht Klimaanlage und Swimming Pool an einem so einmalig schönen Fleckchen Erde? Sie nicht? Na, dann willkommen in Ranong, einer der letzten Trauminsel-Regionen Thailands.
Immerhin, für die Anreise muss es nicht mehr so abenteuerlich sein wie in Zeiten, zu denen es das Wort Backpacker noch nicht gab. Ranong ist die vorletzte Stadt im Norden der thailändischen Andamanenküste und hat heute einen Flughafen, der von Air Asia angesteuert wird, und von Bangkoks südlichen Busbahnhof fahren VIP-Busse mit 24 Schlafsesseln die 600 Kilometer durch die Nacht – ungefähr im selben Tempo wie die Flieger könnte man meinen, aber weitaus bequemer selbst als die Sitze in der Businessclass. Für Nostalgiker gibt es natürlich weiterhin die Möglichkeit, mit dem Zug bis nach Chumpon an der Golfküste zu fahren und dann mit dem Minibus das letzte Stück über die Berge.
Wir entscheiden uns für den etwas weniger luxuriösen 32-Sitzer, auch weil er eine Stunde später als der VIP-Bus abfährt – wir wollen vermeiden, bereits vor Sonnenaufgang auf dem kalten Schotterplatz eines verlassenen Busbahnhofs ausgespuckt zu werden und starten so spät wie möglich. Doch die Grenzerfahrung im Morgengrauen scheint zu einem Trip auf die thailändischen Trauminseln einfach dazu zugehören, und als die Sonne sich gemütlich über Ranongs Bergkette schiebt, schlürfen wir bereits einen heißen Tee mit Gebäck an einem kleinen Straßenimbiss.
Verschlafenes Ranong
Ranong ist klein und verschlafen, nur am Fischmarkt ist gerade Hochbetrieb, auf gro-ßen Haufen liegen die Fische nach Art und Größe sortiert. Es stinkt fürchterlich, aber die Erfahrung ist es wert – wir fühlen uns bereits als richtige Individualtouristen. Wirklich aufwachen wird Ranong heute nicht mehr, dafür ist es bald auch schon zu heiß, und während verhinderte Pauschaltouristen darauf warten, dass das Einwanderungsbüro endlich öffnet um ihnen ein paar zusätzliche Wochen Paradies abzustempeln (siehe Infokasten), sitzen wir am Pier am anderen Ende der Straße und warten auf die erste Fähre zu den Inseln.
Am Pier gibt es ein Café mit Selbstbedienung, genauer gesagt Pulverkaffee und eine Thermoskanne. Daneben eine Büchse als Kasse für das Kleingeld, man ist unter sich. Andere Reisende warten schon hier, immer mehr Rucksäcke kommen in kurzen Abständen dazu. Ein paar französische Jugendliche jonglieren mit ihren Devilsticks zu Goa-Trance aus dem Rekorder – wie früher, vor 20 Jahren denken wir uns, und tatsächlich ist das auch der Werbespruch am riesigen Schwarzen Brett, auf dem die Resorts der vorgelagerten Inseln hier um Gäste werben: „Samui in den 80ern“.
Zwei Farang-Kinder spielen Fußball, ein paar vom Wetter gezeichnete deutsche Männer in verbrauchten Hawaii-Hemden, die scheinbar schon hier waren, als die ersten Hippies kamen, warten mit uns. Koh Payam und Koh Chang – wer wird auf welche Insel fahren? Wir schließen ein paar halbherzige Wetten ab, dann kommt die Stunde der Wahrheit, als zwei Boote zur Abfahrt fertig gemacht werden. Und siehe da: die Jungen stehen artig in einer Reihe für das Boot auf die Partyinsel Koh Payam, während die Älteren sich mit uns anstellen für den Kahn nach Koh Chang.
Qual der Wahl
An verlassenen Holzboot-Reedereien und offenen Lagerhallen vorbei tuckern wir durch das seichte Meer, Landzungen oder Inseln sind nie zu weit entfernt und ein paar Delfine begleiten uns hinaus. Als wir nach einer Stunde Koh Chang erreichen, heißt es: Hosenbeine hochkrempeln und am Strand der Wahl aus dem Boot springen. Wir entscheiden uns für einen der ersten Strände im Nordwesten der Insel, Contex heißt das zugehörige Resort, und die Bucht ist klein, rund und mit weißem Sand und Palmen sofort zum Verlieben. Wir werden von der Herbergsmama begrüßt, sie wird uns den Rest der Zeit mit ihren köstlichen Thaigerichten verwöhnen, wie man sie in anderen Gästehäusern mit Pflicht-Küche nur sehr selten findet – diese Insel eingeschlossen.
Unsere Hütte steht im Hang, was die gelegentlich auftauchenden, unvermeidbaren Gedanken an den Tsunami an dieser Küste vor vier Jahren für den Rest unseres Aufenthaltes verdrängt. Ohnehin war der Schaden auf Koh Chang nur minimal und die Ausmaße der Katastrophe hat man hier erst am nächsten Tag erfahren. Unsere Hütte hat ein Moskitonetz und ein Hock-Klo, aber vor allem einen herrlichen Strand und so sauberes Meerwasser, wie man es im thailändischen Golf vergeblich sucht. Ventilator gibt es keinen und Strom nur nach Sonnenuntergang. Wenn es ein ruhiger Abend ist, wird spätestens um Mitternacht der Generator abgewürgt, wenn im Restaurant noch ein paar Gäste sitzen und ihr Bier in Selbstbedienung aus der großen Kuhltruhe holen, kann es auch mal etwas später werden.
Der Herbergsvater sitzt jeden Tag an seinem Hooka-Tischchen, solange die Sonne scheint, und auch sonst ist alles hier sehr entspannt. Autos gibt es keine, selbst Mofas sind rar und Straßen sowieso. Ein Pfad führt über ein paar Hügel durch den Dschungel und eine Kautschukplantage zum Hauptstrand der Insel, in der großen Bucht, Ao Yai. Hier ist der Strand viel weiter und der weiche, weiße Sand vermischt sich mit etwas von dem schwarzen, was wohl auch ein Grund ist, warum es die Touristen nicht in Scharen herzieht. Hinter einer Palmenreihe stehen, umgeben vom geheimnisvollen Mangrovenwald, in großzügigen Abständen Bungalowresorts mit Restaurants, alles kleine Familienbetriebe.
Am Volleyballfeld vor den Sunset Bungalows versammeln sich am Spätnachmittag Einheimische und Zugezogene zum täglichen Match. Hier treffen wir Ralph und Andrea mit ihrer Tochter Leni. Die Familie aus Norddeutschland kümmert sich für das Cashew-Resort um ein paar Bungalows, Omtao heißt ihr kleines Paradies mitten im Mangrovenwald. Ralph und Andrea unterrichten ihre Gäste dort in Taichi und Yoga, seit vier Jahren sind sie hier und im nächsten Jahr ziehen sie weiter, da Leni in die Schule muss. „Hier gibt es keine richtige Schule, die Kinder müssen dazu aufs Festland“, erklärt Andrea. Außerdem sind die Züchtigungsmaßnahmen in den Schulen des ländlichen Thailand etwas zurückgeblieben – von Fremdsprachenunterricht einmal ganz abgesehen. Emails fragen sie mit dem Handy ab, das Internet sucht man in dieser Ecke des Landes vergeblich.
Auffällig viele Deutsche und Schweizer sind unter den wenigen, die sich nach Koh Chang verlaufen, überraschend viele ältere Leute, die Abgeschiedenheit und Ruhe der Insel zu schätzen wissen und den westliche Komfort nicht zu missen scheinen. Im Gegensatz zum großen Namensvetter im Golf von Thailand hat unser Koh Chang unzählige kleine Sandstrände, meist menschenleer dazu, doch mit einigen Ausnahmen nur mit dem Boot zu erreichen. Die Ostküste ist praktisch unerschlossen, und solange es dort keinen Sonnenuntergang gibt, wird es dank der noch lange nicht voll genutzten Westküste wohl auch so bleiben.
Die Insel ist unter der Obhut eines „Sheriffs“, der für die wenigen Bewohner Ansprechpartner ist, und es gibt keine Ambitionen, auf dieses Eiland mehr Touristen zu locken als es bisher der Fall ist. Es gab einmal eine Art Girlie-Bar, doch die hat man schnell auf die Nachbarinsel Payam verlegt. Man schiebt lieber eine ruhige Kugel auf Koh Chang, und wo gibt es das noch, so nah an ausgetretenen Reisepfaden. Diese Einzigartigkeit ist sicher auch ein Grund, warum die Insel im „Lonely Planet” kaum mehr als ein paar Seiten Erwähnung findet. Es gibt sie also noch, die Inselparadiese in Thailand – manchmal muss man sich nur ein paar Jahrzehnte zurückwünschen.
Info
Koh Chang Info
Contex Resort
Kleine Bucht und das beste Essen der Insel
Tel: 01-2739454, 09-5899676
Omtao Resort
Yoga, Taichi, Qi Gong unter deutscher Anleitung
Tel: 087-8847614
Hornbill Bungalows
Entspannter Resort-Style mit eigener Bucht
Tel: 077-820134
Mama‘s Bungalows
Kleine Bucht südlich vom Hauptstrand, deutsches Essen
Tel: 077-820180
Aladdin Dive Safari
Einzige Tauchschule der Insel
Tel: 077-820472
Beste Reiseinfos
bekommt man im Rough Guide (Englisch) oder bei Loose.





















