Thailand auf dem Pferderücken

Ein Erlebnisbericht aus Nordthailand von den THAIZEIT-Lesern Katrin und Torsten Fritsche

Da unsere Kinder, 8 und 10 Jahre alt, seit einiger Zeit Reitunterricht bekommen und ihre Begeisterung für Pferde sehr groß ist, hielten wir es für eine gute Idee, einmal nach Reiten auf dem Bauernhof Ausschau zu halten. Aber gibt es so etwas überhaupt in Thailand? Schnell wurden wir im Internet fündig und stießen auf die Seite der "Thai Horse Farm" in Phrao. Unsere Überraschung war groß, weil wir diese Seite in deutscher Sprache lesen konnten und schnell wurde uns klar, dass wir unbedingt dorthin müssen. Allein, wenn man sich durch die einzelnen Themen der Seite klickt, fühlt man sich in eine andere Welt versetzt, der Entdeckergeist ist sofort geweckt und man spürt in jedem Satz soviel Engagement und Einzigartigkeit, dass man schier davon angesteckt wird.

Glücklicherweise konnte uns Boris, der Gründer und Initiator von Thaihorsefarm.com, ein Angebot machen und so war es beschlossene Sache, dass wir über Silvester fünf Tage auf dem Rücken der Pferde durch den Sri-Lanna-Nationalpark im Norden Thailands reiten würden. Unter unserem Weihnachtsbaum befand sich dann dieses als Geschenk für die ganze Familie und unsere Kinder platzten fast vor Vorfreude auf dieses Abenteuer. Bei mir als Nichtreiterin meldeten sich nun aber spätestens Bedenken, wie wir nur auf so eine Idee kommen konnten. Allein im Urwald, umgeben von wilden Tieren, die Hygiene, die Pferde, all die Gefahr, die dort in der Wildnis auf uns wartete. Wie konnten wir nur? Nun gab es aber kein Zurück mehr für mich und da musste ich jetzt durch.

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In Phrao angekommen, wurden wir von Boris in Empfang genommen und verbrachten einen sehr entspannten Nachmittag mit ihm auf der familieneigenen Farm.  Meine Angst ging merklich zurück, da Boris mit so viel Empathie auf unsere Fragen einging und eine ganz besondere Ausstrahlung hat, die uns sofort in ihren Bann zog. So warteten wir auf die Rückkehr der Pferde von der vorherigen Tour. Vor uns war eine deutsche Familie mit großen Kindern und viel Reiterfahrung auf Tour gegangen. Als sie endlich kurz vor Einbruch der Dunkelheit kamen, ergriff uns sofort ihre Begeisterung, denn sie kamen aus dem Schwärmen überhaupt nicht mehr heraus. Wir verbrachten einen sehr angeregten und spannenden Abend bei sehr gutem Essen miteinander und fielen müde in unsere Betten.

Am kommenden Morgen sollte es also für uns ernst werden, alles war gepackt und abgesprochen. Doch bevor es losgehen konnte, wurden wir zu einem wunderbaren Frühstück mit frisch gebackenen Brötchen, dampfendem Kaffee, selbst gemachter Marmelade und vielen anderen Köstlichkeiten empfangen. Inzwischen fühlten wir uns gar nicht mehr als Touristen: Wir kannten die gesamte Familie, Boris und seine Frau Mila kümmern sich neben ihren eigenen Kindern auch noch liebevoll um mehrere Pflegekinder, Oma Bärbel kam auch noch auf einen Plausch vorbei und unsere beiden Reisebegleiter erzählten uns schon einmal einiges über das, was uns erwartete. Wir fühlten uns schon als einen Teil des Ganzen und alles war so selbstverständlich, dass wir eigentlich gern noch länger „daheim“ geblieben wären. Aber für uns hieß es nun, Abschied zu nehmen und unser großes Abenteuer zu starten.

Unsere Himalaya-Bergpferde standen gesattelt für uns bereit. Wir hatten über diese Pferderasse erfahren, dass sie in ganz Asien immer eine große Rolle gespielt haben und als besonders trittsicher, intelligent und gutmütig gelten. Die Thai Horse Farm leistet durch eigene Zucht einen großen Beitrag zum Erhalt dieser selten gewordenen Rasse. Ingrid, unsere Reiseführerin, die ihren gesamten Jahresurlaub auf der Thaihorsefarm verbringt und Boris in der Hauptreisezeit tatkräftig zur Seite steht, erklärte uns unseren bevorstehenden Ritt und gab vor allem mir, als Nichtreiterin, wertvolle Tipps, wie ich mich oben halten könnte. Alu, der für unser leibliches Wohl und alle anderen wichtigen Fragen des Dschungellebens zuständig war, machte sich inzwischen mit unserem Gepäck auf den Weg, um unser Nachtlager vorzubereiten.

Herrlich erfrischend war es, in den Wald einzutauchen und auf Pfaden zu reiten, die von den Bergvölkern mühsam angelegt wurden, um ihre Terrassenfelder an den Hängen zu bestellen und ihre Ernte ins Tal zu bringen. An einem kleinen Waldtempel machten wir unsere erste Rast und genossen den Augenblick der Stille und der besonderen Atmosphäre an diesem Ort. Bald kamen wir an einen Fluss und konnten die Pferde tränken, die sich das saubere Flusswasser schon mehr als verdient hatten.

Atemberaubende Landschaften

Weiter ging es am Fluss entlang auf unseren schmalen Pfaden, die teilweise recht steil werden konnten, weil wir nun schon inmitten einer atemberaubenden Berglandschaft waren. Eine unserer ersten neuen Erfahrungen war, dass uns unsere Kinder auf all das Schöne um uns herum aufmerksam machten – es war, als hätten wir die Rollen getauscht. Bisher waren wir es gewohnt, dass wir auf jeder Autotour verzweifelt versuchten, unsere Kinder auf die Schönheit unserer Umgebung aufmerksam zu machen – leider völlig zwecklos, weil sie in ihrer Gameboywelt gefangen waren. Nun öffneten sie die Augen und erlebten die uns umgebende Einzigartigkeit mit großem Staunen.

Nachmittags erreichten wir, leicht erschöpft, aber sehr glücklich, unser Tagesziel. Alu hatte in der Nähe eines Wasserfalls unser Zeltlager errichtet. Jedes Zelt war mit sehr viel Liebe eingerichtet worden, unsere Handtücher hingen bereit und ein kleines Lagerfeuer loderte bereits. Zeit für einen Willkommenstee, der allerdings dem flussgekühlten frischen Bier weichen musste. Auf ging es zum Wasserfall, Duschen war angesagt. Das Wasser kam eiskalt heruntergeschossen, für unsere Begriffe schon zu kalt, aber der Warmwasserregler der Dusche war in der Zivilisation zurück geblieben und so blieb uns nichts anderes übrig, als uns in das kalte Nass zu stürzen. Die Kinder hatten mehr als ihren Spaß bei diesem Naturbad.

Szenen wie im Winnetoufilm

Erfrischt und sauber ruhten wir uns am Lagerfeuer aus, um uns herum die Pferde und wir fühlten uns wie in einem Winnetoufilm. Eine Gruppe einsamer Indianer auf ihrer Reise in neue Jagdgründe … Alu kochte inzwischen mit großer Hingabe unser Abendessen, seine Verzierungskünste müssen an dieser Stelle unbedingt erwähnt werden, und während uns das Wasser im Mund zusammenlief, erzählte er uns seine Geschichte: Wie er als Sohn eines chinesischen Vaters und einer Lisumutter groß wurde. Seine Kenntnisse über den Dschungel und alles, was zum Leben und Überleben dazu gehört, sind unschätzbar groß und gaben uns ein Gefühl tiefster Sicherheit und Geborgenheit. In der angebrochenen Dunkelheit genossen wir einen wahrhaften Gaumenschmaus und sahen über uns die Sterne, die wir unserem Dschungelrestaurant geben könnten, einmal die Milchstraße und all die vielen anderen wären nicht genug.

Neujahr im Urwald

Unser Silvesterabend wird uns unvergessen bleiben. Selbst an den Sekt war gedacht worden, der wohltemperiert, denn flussgekühlt, zum Anstoßen von Ingrid serviert wurde. Wohlig erschöpft krochen wir in unsere Schlaflager und verbrachten unsere erste Nacht in der Wildnis. Am nächsten Morgen wurden wir mit dampfendem Kaffee und Tee geweckt, der Geruch frisch gebackener Brötchen stieg uns in die Nase. Wie man all diese Köstlichkeiten nur über einem Lagerfeuer zubereiten kann, wird uns wohl immer ein Rätsel bleiben.

Heute stand uns der härteste Tag unserer Tour bevor, unser Ziel war es, auf 1.100 Meter hinaufzuklettern und ein Lahudorf zu erreichen, in dem wir unser nächstes Nachtlager aufschlagen wollten. Ingrid und Alu kümmerten sich um alle Vorbereitungen, während wir noch unserer Körperpflege und -Hygiene nachgingen, auch das eine neue Erfahrung für unsere Kinder – so ganz ohne Badezimmer und Toilette. Sie wurde aber mit Begeisterung aufgenommen.

Immer tiefer drangen wir in scheinbar unberührte Natur ein, einmalige Aussichten boten sich an. Oft mussten wir uns ganz eng an den Rücken der Pferde schmiegen, um durch das Dickicht der Bambuswälder zu dringen. Zur Mittagszeit verließen wir plötzlich den Wald und kamen in ein Lisudorf. Kinder begrüßten uns, letzte Sivesterknaller gingen in die Luft und um uns herum war freundliche Neugier zu spüren. Im Dorfladen zischten wir erst einmal eine eisgekühlte Cola. Da es der Neujahrsmorgen war, waren wir nicht so sicher, ob wir überhaupt jemanden antreffen würden und hatten Glück, weil uns ein typisches Lisumittagessen frisch zubereitet aufgetischt wurde, welches wir sehr genossen. Gestärkt ging es auf zur letzten Etappe des heutigen Tages, die Vegetation änderte sich merklich mit jedem zurückgelegten Höhenmeter. Auf einmal ritten wir durch den schönsten Nadelwald, bisher wusste ich gar nicht, dass es so etwas überhaupt in Thailand gibt. Es roch so gut nach Kiefernnadeln und heimische Gefühle kamen auf, man hätte denken können, einen Sommertag in einem deutschen Wald zu verbringen.

Besuch bei den Bergvölkern

Im Lahudorf wurden wir herzlich begrüßt, die Kinder waren sofort schwer beschäftigt, weil sie eine kleine Hundefamilie ins Herz geschlossen hatten und sich eifrig um die kleinen Racker kümmerten. Für uns blieb vor dem Abendessen Zeit, das Dorf anzuschauen und einiges über die Lebensweise der Lahu zu erfahren. Die Lahu stammen ursprünglich aus China und waren einst geschätzte Tigerjäger. Als nomadisierende Stämme fanden sie ihren Weg bis nach Nordthailand. Hier sind sie, wie auch alle anderen Bergvölker, seit etwa 20 Jahren gezwungen, in festen Siedlungen zu leben, ihre ursprüngliche Identität geht mehr und mehr verloren. Es ist den Mitarbeitern der Thaihorsefarm ein großes Anliegen, ihren Gästen die Lebensweise der Bergvölker nahe zu bringen, was ihnen auf eine sehr sensible und behutsame Art und Weise sehr gut gelingt.

In diesem Augenblick erinnerten wir uns an unser erstes Gespräch mit Boris, der uns von verschiedenen Projekten und Ideen erzählte, welche nachhaltig zum Wohle der Bergvölker von ihm und seinen Mitarbeitern entwickelt und umgesetzt werden. Nun konnten wir sein Engagement verstehen, denn wir waren mitten unter ihnen, ihre Gastfreundschaft war großartig und ihre bescheidene Lebensweise beeindruckend. Einmal mehr wurde uns klar, in welch einer Konsumgesellschaft wir inzwischen leben und wie wir unserer Zeit hinterher hetzen, ohne den Blick für die schönen Dinge bewahren zu können. Ein unsagbar schöner Sonnenuntergang über dem Tal ließ uns unseren Alltag vergessen und wir tauchten mit all unseren Gedanken in die untergehende Sonne.

Traditionelle Dschungelfarm

Am kommenden Morgen hieß es wieder Abschied nehmen und wir machten uns auf den Weg zu unserem letzten Lager. Auf einem kleinen Umweg erreichten wir aber zuerst ein kleines Thaidorf, welches völlig verlassen zu sein schien. Bald realisierten wir aber, dass dort doch Leben herrschte, aber wahrscheinlich alle Bewohner auf ihren umliegenden Feldern waren. Auf unserem Weg zum nächsten Nachtlager konnten wir zur großen Freude der Kinder immer einmal wieder galoppieren und ritten immer weiter in die Einsamkeit hinein. Unser Ziel für heute war die „Dschungelfarm“, eine in traditioneller Pfahlbauweise errichtete Bambushütte sollte unser Lager für die kommenden zwei Nächte sein. Unser Weg endete mitten im Dschungel. Eine einzige Lahufamilie lebt hier und begrüßte uns mit heißem Tee. Wieder eröffnete sich uns eine neue Welt und wir konnten Einblick in das Leben einer Familie gewinnen, die scheinbar isoliert von jeglicher Zivilisation ihre umliegenden Felder bestellt und völlig autark ihren Lebensalltag meistert. Alu bereitete uns wie all die Tage zuvor ein weiteres Gourmetessen und mein Traum vom sportlichen Abnehmen war längst ausgeträumt, zu köstlich waren all die Leckereien, die täglich auf uns warteten.

Kochen wie die Pfadfinder

Am vorletzten Tag hatten Alu und Ingrid etwas Besonderes mit uns vor. Schon am Morgen fragten sie uns, ob wir uns vorstellen könnten, ohne jegliches Kochgeschirr inmitten von Reisfeldern eine Malzeit zubereiten zu können. So ritten wir gespannt zu den Feldern der Familie und staunten sehr, als Alu mehrere frische Bambusrohre vor uns ausbreitete und diese mit seiner Machete bearbeitete. Ingrid war die Quizmasterin und ließ uns jeweils raten, wofür die entstandenen Gefäße gebraucht werden könnten. Und so staunten wir nicht schlecht, als aus einem Stück Bambus der Reiskocher gefertigt wurde, aus einem nächsten der Wasserkocher und letztendlich auch noch ein Suppentopf entstand. Bald standen alle Gefäße mit Suppe, Reis und Wasser befüllt im Feuer und ließen uns hungrig werden. Ein Spieß mit lecker riechendem Fleisch stand inzwischen auch über dem Feuer. Alu fand ganz nebenbei noch Zeit, uns unsere Teetassen aus Bambus zu schnitzen und die Kinder bekamen noch eine Machete geschnitzt und hatten viel Spaß damit. Ein einzigartiges Mahl sorgte dafür, dass unsere staunenden Münder wieder zugingen und wir mit dem Kauen und Genießen beschäftigt waren. Ein weiterer wunderschöner Tag mit einem recht abenteuerlichen Rückritt ging zu Ende.

Ein unvergessliches Erlebnis

Als unser letzter Tag anbrach, waren wir alle schon recht traurig, dass die schöne Zeit so schnell verflogen war. Einziger Trost war der versprochene Galoppritt für den Heimweg. So ging es zurück zur Thai Horse Farm über steile und schmale Pfade, atemberaubende Aussichten, vorbei an bestellten Feldern, durch die verschiedenen Vegetationsformen, tropischer Trockenwald wird vom Dschungel abgelöst, immer weiter talwärts. So galoppierten wir also zurück in die Zivilisation, bekamen nochmals einen wunderbaren Sonnenuntergang mit Blick auf den dritthöchsten Berg Thailands, den Doi Chiang Dao, geschenkt und ließen unser Abenteuer mit deutschem Schweinebraten und leckerem Bier ausklingen.

Unser Ausflug wird uns unvergessen bleiben und steht im Moment an oberster Stelle der Kategorie „Schönster Urlaub, den wir je hatten“. Wir möchten uns bei Boris, Ingrid und Alu und natürlich allen anderen Mitarbeitern der Thai Horse Farm für ein wahnsinniges Abenteuer bedanken, bei dem wir unheimlich viel über Thailand und seine Menschen kennenlernen, eine so noch nie wahrgenommene Natur genießen und einen unschätzbar großen Reichtum für unsere Herzen mitnehmen durften.

Von: Katrin Fritsche Fotos: Torsten Fritsche

Info

Thai Horse Farm Co., Ltd.

Baan Tom Kok, Phrao, Chiang Mai

Tel. +66 (0) 86-919-3846

thaihorsefarm.com