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Bergvölkertourismus in Thailand:

Besuch im Menschenzoo?

THAIZEIT hat Anne Tisch-Rottensteiner bei ihrer wissenschaftlichen Untersuchung im Fach „Tourismus und internationale Entwicklung“ und der Befragung einer ganz besonderen Interviewpartnerin begleitet.

Unbeirrt klettert unser Pick-up den steilen, kurvigen Pfad hinauf in Richtung Berggipfel, stolpert über das Geröll, der Einsamkeit entgegen. Wir befinden uns im goldenen Dreieck Thailands, nahe Chiang Rai. In goldene Sonnenstrahlen getaucht überwältigt das Landschafszenario, mitten im Herzen der Natur erreichen wir unser Ziel. Der Pick-up rollt auf eine Ansammlung kleiner Holzhütten zu, der Heimat eines ganz besonderen Interviewpartners. Wir lassen uns auf den Holzpanelen der Hütte nieder, die über der Schlucht hängend den Panoramablick ins Tal freigeben. Unsere Gesprächspartnerin, eine Dame des Akha-Bergvolkes, erscheint mit einem Arm voller Brennholz und schon bald knistert das Feuer an diesem geheimnisvollen Ort. Das Wasser brodelt im erhitzten Kessel und beschert uns eine Teestunde, fernab von Starbucks Coffee-Shops.

Doch der fakelnde Feuerschein wirft Licht auf das T-Shirt der Akha-Dame und offenbart ein Zeichen von Zivilisation. In großen, weissen Buchstaben prangert der Schriftzug „Panasonic“ auf der Textilie.  Auf einer kleinen Holzbank im Hintergrund ruht eine ältere Frau des Bergvolkes in typisch traditioneller Akha-Bekleidung und erinnert an ein Postkartenmotiv. Mystische Tradition oder Einzug in die Moderne? Wir fragen uns, ob die Dame in Akha-Kleidung auf den nächsten Touristenbus wartet und vielleicht gerade eben in der Nachbarhütte ihren Fernseher ausgeschaltet hat.

Mystische Tradition oder Moderne?

Die Idylle verbirgt, dass wir nicht die ersten zwei Touristen hoch oben in der Akha-Heimat sind. Wir erfahren, dass hier oftmals voll beladene Tourbusse im Namen des Massentourismus einkehren, um die Touristen vor einer Aneinanderreihung von Verkaufsständen der Akha auszuschütten. Schon auf dem Weg in das kleine Dorf protzt uns eine protestantische Kirche auf dem Berghang entgegen.

Hat uns der unaufhaltbare Einzug der Moderne längst eingeholt, und ist der Bergvölkertourismus nur ein Theaterstück mit mystischem Hintergrund? Der westliche Ethiker schreit „Menschenzoo“, der sinnsuchende Backpacker giert nach Authentizität. Doch was wollen die Bergvölker?

Wir fragen die, die es wirklich betrifft:  „Die Touristen sind eine wichtige Einnahmequelle für uns. Jetzt, wo weniger Touristen kommen, können wir wenig verkaufen und keine Homestays anbieten, die landwirtschaftliche Arbeit bringt auch nicht viel ein“, berichtet die Akha-Dame. Welcher Religion gehören Sie an? „Ich bin Protestantin. Den Animismus, den Geisterglaube, habe ich abgelegt als die Missionare einkehrten.“ Wir sind entsetzt. Doch die Akha-Dame erklärt, dass der Glaubenswechsel ihr Vorteile verschafft. Sie kann ihre Kinder nun zur Schule schicken, was zuvor nicht erlaubt war, und zudem koste die Opfergabe von Tieren viel Geld, das sie nun nicht mehr aufbringen müsse. Sie fühle sich immer noch dem Animismus zugehörig, aber den Glauben trage sie im Herzen und dort könne er ihr nicht genommen werden. 

Den Glauben im Herzen

Die Frage nach dem Nutzen des Bergvölkertourismus ist vielschichtig. Peter Richards, Marketing Support and Development Coordinator vom Thailand Community Based Tourism Institute (CBT-I), betont: „Die Methode muss an die Situation angepasst werden und nicht die Situation an die Methode. Das heißt, die Touranbieter müssen ihr Konzept an die Bedürfnisse der Bergvölker anpassen. Wollen diese den Tourismus, und wie genau möchten sie ihre Kultur darstellen? Das Community Based Tourism Institute hilft den Bergvölkern, selbstbewusste Verhandlungspartner zu werden, wenn ein Touranbieter sie einbinden möchte. Neben dem kritisierten Einfluss der westlichen Kultur kann der Tourismus auch die Erhaltung der Kultur fördern, da das Präsentieren alter Traditionen bei einer Randgruppe der Gesellschaft, die sich ständig im Kampf um Anerkennung der Staatsbürgerschaft und Landrechte befindet, wieder Stolz wecken kann.

Stolz auf Tradition

Die Mirror Art Group zeigt sich als verantwortlicher Touranbieter. Als NGO setzen sie sich für die Staatsbürgerschaft der Bergvölker und viele ihrer Belange ein. Die Touristen können im Rahmen von Trekkingtouren sowie als Voluntäre die Kultur erleben. Mit den Einnahmen wird die Entwicklungsarbeit unterstützt. Auch unser Reisebegleiter, der Reiseveranstalter Natural Focus, legt wert darauf, dass die Touristen nicht nur zum Souvenirshoppen kommen, sondern auch über Nacht in den Homestays bleiben. So kann eine bessere Integration in die Dorfkultur gewährleistet und zusätzliches Einkommen gesichert werden. Einen verantwortlichen Ansatz strebt auch die Lisu Lodge an. Hier legt man besonders viel Wert auf die Kommunikation mit den Bergvölkern und vertritt das Prinzip der gleichberechtigten Verhandlungspartner.

Verantwortliche Touranbieter

Damit nicht nur die Bergvölker, sondern auch die Touristen mündige Verhandlungspartner werden, ist es sinnvoll, den Touranbieter selbst unter die Lupe zu nehmen. Wenn er keine Infos über die lokale Kultur und Bräuche geben kann, melkt er wahrscheinlich nur die Cash-Kuh. Der Tourist kann sich vorab selbst mit der Kultur auseinandersetzen.

Dieter Seegel war zweieinhalb Jahre mit einer der fünf Töchter des Dorfscharmanen, geistigem Oberhaupt eines Lisu-Dorfes, verheiratet und erhielt außergewöhnliche Einblicke vom Alltag der Lisus, über die Jagd bis hin zum Fischen mit den Händen im Dorfbach, der Kleiderproduktion, der Geisterbeschwörung, der Wiskeyherstellung, Musik, Tanz und der Opiumproduktion. Dieter Seegel versucht herauszuarbeiten, was wir von der Tradition der Lisu lernen können – Dinge, die uns in der modernen Gesellschaft verloren gegangen sind – und verarbeitet seine Ansätze derzeit in einem Dokumentarfilm und einem Taschenbuch. 

Von: Christin Grothaus Fotos: Christin Grothaus

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