Burma, Sturm, Obdachlos, Menschen, zerstört

Burma:

Keine Ruhe nach dem Sturm

Könnte Nargis der Anfang vom Ende sein?

Es muss ein harter Schlag gewesen sein, für die abergläubischen Herren in ihren grünen Uniformen: Ausgerechnet eine Woche bevor die burmesische Militärjunta über eine neue Verfassung abstimmen lassen wollte, zürnten die Götter und schickten einen Wirbelsturm, wie die Generäle ihn in ihrer 40-jährigen Zwangsherrschaft noch nie gesehen hatten. Ein Sturm, dessen Folgen sich immer noch nicht genau abschätzen lassen. Während die Junta weiter unter Schock zu stehen scheint, sind 1,5 Millionen Opfer gezwungen, sich selbst zu helfen. Optimisten hoffen, dass „Nargis“ endlich den lang erwarteten Wechsel in eine neue Zukunft eröffnen könnte. Pessimisten sagen dem Land des stillen Lächelns eine noch schlimmere Zeit voraus, geprägt von Hunger und weiteren Unruhen.

Fruchtbares Grün, endlose Reisfelder und Dörfer, die von regem Handel geprägt sind. So präsentierte sich die Landschaft, die von Hunderten, wenn nicht Tausenden von kleinen Flussarmen und Kanälen durchzogen wird, noch bis vor kurzem den wenigen Touristen, die sich ins Irrawaddy-Delta verirrten. Seit Anfang Mai ist in der einstigen Speisekammer Burmas aber nichts mehr, wie es war. Der Zyklon Nargis hat nicht nur Tod und Verwüstung hinterlassen, sondern auch einen großen Teil der Nahrungsgrundlage für ein ganzes Land zerstört.

Schlimmer als Tsunami

Es war genau eine Woche vergangen, seit der Zyklon Nargis die Wogen des indischen Ozeans aufgewühlt hatte und diese mehr als drei Meter hohe Welle mit einer zerstörerischen Wucht über die Bänke des Irrawaddyufers krachen ließ. Tausende von Menschen wurden mitgerissen, Tausende starben, Tausende wurden obdachlos. Heinke Veit arbeitet für die Europäische Kommission. Sie klingt enttäuscht und mitgenommen, als sie endlich durchkommt und mir am Telefon aus Rangun berichtet, was sie und ihre Kollegen in den letzten zwei Tagen in Erfahrung bringen konnten. „Das Ausmaß der Zerstörung ist beinahe episch und wohl nur mit der Situation nach dem Tsunami vergleichbar.“

Heinke Veits Informationen gehören zu den ersten Meldungen, die es aus dem Krisengebiet heraus über Rangun bis nach Bangkok und weiter in die Welt hinaus schaffen. Als Mitarbeiterin der Europäischen Kommission für Humanitäre Hilfe ist die Deutsche eine der wenigen Ausländerinnen, die es geschafft haben, in den ersten Tagen nach der Katastrophe ein Visum zu bekommen, um mit ihrem Team erste Abklärungen im Krisengebiet zu machen. Sie ist nicht die einzige, die beim Beschreiben des Ausmaßes der Katastrophe in Burma auf den Tsunami vor dreieinhalb Jahren zurückgreift. Wenige Tage später sprechen auch UN-Vertreter von einer Situation, wie nach dem Tsunami.

Allerdings wird bald klar, dass sogar dieser Vergleich hinkt: Denn selbst in der zuvor politisch abgeschotteten Unruhe-Provinz Aceh in Indonesien reagierte die Regierung nach der Flutkatastrophe schnell und ließ wenige Tage nach der Welle internationale Hilfe zu. Eine Entscheidung, die sich mehr als auszahlte, nicht nur unmittelbar für die Not leidende Bevölkerung, sondern auch längerfristig. Die Öffnung war wegbereitend für die Beendigung des langjährigen Bürgerkrieges in der Region.

Anfang vom Ende

In Burma herrscht zwar kein Bürgerkrieg, dafür aber nach wie vor eine grausame Militärregierung, die seit 40 Jahren das Land mit eiserner Kralle zusammenhält. Die größte Angst der Herren in grünen Uniformen ist die vor einer Öffnung und einem Machtverlust. Was ausgerechnet in diesen Tagen mit der neuen Verfassung zementiert werden sollte, könnte also durch die Folgen des Sturms aus dem Lot geraten.

„Dieser Sturm ist möglicherweise der Anfang vom Ende“, sagt etwa Tom Fawthrop, der seit über 20 Jahren unter anderem für den Englischen „Guardian“ über diese Region schreibt. Als Burmakenner sieht er vor allem innerhalb der Junta Risse, die möglicherweise zu einem Zerwürfnis führen könnten. „Es gibt eine junge Generation von hochrangigen Offizieren, denen wohl diese unvergleichliche Ignoranz der Junta diesmal zu weit gehen könnte“, sagt Fawthrop und meint, dass wohl sobald sich das Land vom schlimmsten Schock erholt hat, eine neue Protestwelle aufflammen könnte und es möglicherweise sogar zu einer Spaltung des Militärs führen könnte.

Allerdings ist dies ein vager Hoffnungsschimmer in einer Zeit, in der die Zahl der Toten noch täglich nach oben korrigiert wird und Hilfsorganisationen wie zum Beispiel die britische Oxfam vor einer zweiten Todeswelle durch Seuchen und Hungersnöte warnt. Die im schlimmsten Fall bis zu eineinhalb Millionen Menschen das Leben kosten könnte.

Schweigen um zu helfen

Doch die Wut der Leute in Burma auf das VersDoch die Wut der Leute in Burma auf das Versagen ihrer Regierung ist groß. Helfer, die im Krisengebiet mit Überlebenden gesprochen haben, berichten fast einstimmig davon, wie offen die Leute die Generäle kritisierten und wie außergewöhnlich klare Worte in diesen Tagen fallen würden. In einem Land, in dem Kritik bisher den Gang ins Gefängnis bedeuten konnte, sind dies deutliche Zeichen für einen möglichen Umbruch. Allerdings ist die Junta nicht zu unterschätzen. „Sie hat schließlich ihre Brutalität schon allzu oft bewiesen und wird wohl auch diesmal nicht einfach nachgeben“,  sagt Tom Fawthrop.

Rodolphe Imhoof, der Schweizer Botschafter für Myanmar, will sich zu möglichen politischen Folgen nicht äußern. Zu heikel ist die Situation im Moment und die diplomatische Kommunikation mit der Militärregierung gleicht einem Eiertanz. Man will ja kein Geschirr zerschlagen und als Vertreter der neutralen Schweiz möglichst viel erreichen für die humanitäre Hilfe. So war denn das Ziel seiner Reise nach Rangun in erster Linie die Sicherstellung der Hilfslieferungen: „Wir haben Kochutensilien, Material für die Wasseraufbereitung und Notunterkünfte gebracht. Wir wollen damit unsere humanitäre Tradition wahrnehmen“, sagte er in einem Interview und unterstrich deutlich, dass die Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern keine politische Agenda verfolge.

Eine Haltung, die zum jetzigen Zeitpunkt durchaus Sinn ergibt. So sagt auch Tom Fawthrop: „Die Angst der Junta vor zu viel Einfluss von außen, beispielsweise von den USA ist so groß, dass sie lieber ihre Leute sterben lassen als Hilfe zuzulassen.“  Wer also in diesem Fall schnell helfen will, schweigt besser.

Ein Sturm mit Folgen

Doch genau diese Tatsache ist es wohl, die so wütend macht und andere Staaten wie zum Beispiel auch Deutschland zu anderen Überlegungen bringt. So forderte zum Beispiel die deutsche Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul, dass man sich über den Willen der burmesischen Regierung einfach hinwegsetzen solle: „Die internationale Gemeinschaft hat die Verantwortung und das Recht, Menschen in Not zur Seite zu stehen, auch wenn die eigene Regierung sich dagegen sträubt.” Sie ist mit dieser Ansicht nicht alleine und unterstützt beispielsweise auch Frankreich oder Großbritannien, die sich ähnliche Schritte überlegen.

Wie immer sich die Situation auch entwickeln wird in Burma: Sicher ist, dass der Wirbelsturm Nargis noch weitere Diskussionen über die Politik des Helfens nach sich ziehen wird. Klar ist leider auch, dass das burmesische Volk schon jetzt teuer bezahlen muss. Wie auch immer seine Zukunft aussehen wird.

Von: Pascal Nufer Fotos: Pascal Nufer

Info

SPENDENMANGEL IN BURMA

  

Während die Reisebüros Burma schon wieder im Programm haben und die Touristen praktisch nur auf einige Ausflüge in der Umgebung Ranguns verzichten müssen, ist die Situation für die Wirbelsturmopfer nach wie vor existenziell.

Sämtliche Hilfsorganisationen bemängeln das historisch einmalig geringe Spendenaufkommen. Abgeschreckt durch die Blockade der Junta halten Spender sich zurück, da sie befürchten, Gelder könnten in die falschen Hände geraten. Doch einige internationale Hilfsorganisationen arbeiten schon seit Jahren mit Einheimischen im Lande zusammen und garantieren, dass jede Spende auch wirklich bei den Notleidenden ankommt.

Folgende Organisationen sind in Burma (Myanmar) etabliert und benötigen weiterhin dringend Geldspenden:

 

Ärzte ohne Grenzen Deutschland

www.aerzte-ohne-grenzen.de

 

Ärzte ohne Grenzen Schweiz

Haben seit mehreren Jahren Projekte in Burma

www.msf.ch

 

Rotes Kreuz Förderation

www.drk.de (Deutschland)

www.redcross.ch (Schweiz)

 

Glückskette

Unterstützt diverse Organisationen vor Ort

www.glueckskette.ch

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