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TYPISCH THAI:

KUNST AUF LASTWAGEN UND BUSSEN

Wer THAIZEIT regelmässig liest, kennt unsere Kolumne „Typisch Thai“. Wer es noch nicht weiss: es gibt auch ein Buch darüber. Über die kurzweiligen Auszüge kann man staunen oder lernen - meist auch schmunzeln. Heute geht's um Malerei auf Automobilen und deren Bedeutung.

Ein Lastwagen hebt selten die Stimmung, aber in Thailand wird im Verkehr Leichtigkeit gegen Grimmigkeit gesetzt. Bus, LKW, Tuk-Tuk und Songthau (Minibus) erfreuen das Auge durch Grazie, Farbe und Kunst. Die handbemalten Karosserien zeigen die gesamte Spannbreite thailändischer Illustrationen. Manche streben dabei nach hoher Kunst, meistens aber handelt es sich um stilisierte Folklore oder die eigene Interpretation ausländischer Grafik. Betrachten Sie jeden Stau einfach als Galerie!

Aussehen mag wichtig sein, aber der Inhalt ist es auch. Da für jeden Unfall die Geister verantwortlich sind, zahlen die Fahrer mit speziellen Dekorationen eine Sonderprämie für göttlichen Schutz. Das Chassis-Metall wird zum Schrein, Fahrerkabinen gleichen Altären, und Bolzen in Talismanform sorgen für den Zusammenhalt des Fahrzeugs.

Lastwagen-Kunst trägt wie Tempel-Ornamentik, Lack-Schränkchen oder Fruchtschnitzereien "Lai Thai" zur Schau, eine Bildsprache traditioneller Muster mit unendlichen Anwendungsmöglichkeiten. Lai Thai ist eine ebenso geniale Entdeckung wie die klassische griechische Proportion oder das zu komplexen Gebilden verschachtelte Paisley-Muster, und es erlaubt ebenfalls vielfältige Variationen. Hergeleitet aus der Pflanzen- und Tierwelt, kann Lai Thai zu komplizierten, weit ausgedehnten Strukturen vergrößert oder auf wesentliche Motive reduziert werden, wobei das "Kanok" (Flamme) mit Blättern und Sprossen sowie Federn und Fischschuppen verwoben ist.

 

MANDALAS ZUM SCHUTZ

Die Inspirationsquelle für die Gestaltung der Metallbolzen an den Lastwagen ist eine Blütenform. Die vierblättrige Blume Pradschamjaam verspricht nicht nur als Bindeglied zwischen seinem hölzernen Aufbau und den Metallstreben Sicherheit, vielmehr ist sie in dem Wörtchen Jaam (Wache) selbst enthalten. Das Blumenornament wird durch weitere Blütenblätter zu Stern- und Zackengebilden vergrößert und ziert bemalte Türstürze, Fensterrahmen oder Gepäckträger aus Draht. Heutzutage wird es auch zur Darstellung der Endhaltestellen auf den U-Bahn-Plänen von Bangkok verwandt. „Pradschamjaam symbolisiert die Wächter der vier Himmelsrichtungen des Universums“, erklärt Vithi Phanichphant. „Es ist ein Mandala, das alles an Bord beschützt. Man kann es sogar auf thailändischen Kleidern wiederfinden.“

Interessanter Nebeneffekt: Mit Handtaschen verhält es sich genauso wie mit Lastwagen. Ein Grund dafür, dass thailändische Damen die Produkte von Louis Vuitton zum Schutz ihrer Kostbarkeiten bevorzugen, mag die vierblättrige stilisierte Blume sein, die Teil des zum Markenzeichen avancierten Musters ist. Als das Monogramm LV vor hundert Jahren in Frankreich erstmals auftauchte, war Orientalisches gerade der letzte Schrei und die Blume Pradschamjaam möglicherweise eine der Inspirationsquellen. 

Busse & LKWs: Reinkarnation eines Bootes 

Die Platten aus Chrom oder Aluminium, die vorne oder an den Seiten eines Lasters zu finden sind, zeigen sowohl sakrale als auch profane Gaben. Sie stellen Lotosblumen oder juwelenbesetzte Ringe dar, während eine Naga-Wasserschlange daran erinnert, dass Busse und LKWs als Reinkarnation eines Bootes betrachtet werden.

„Das ist bei allen gleich – der Geist eines Fahrzeugs sitzt vorne im oberen Teil“, sagt Vithi. Deshalb wird die Fahrerkabine mit Girlandenschmuck und bunten Schals, die die Reisegöttin Mae Janang besänftigen sollen, genauso behandelt wie der Bug eines Boots. Jede Kabine repräsentiert den Berg Meru. Buddha steht an der Spitze der Hierarchie der Chrom-Götter. Truck-Enthusiasten erkennen auf den Fahrzeugen Charaktere wie den Affenkrieger Hanuman, den mythischen Schwan Hongsa, den Vogel Garuda oder den Schutzengel Thephanom wieder. In das zu beiden Seiten eines LKWs angebrachte Schild ist jeweils ein Streitwagen mit Pferden eingraviert, die den Sonnengott Surija befördern. Eine Seite des Fahrzeugs kann anstelle des Sonnengottes auch den Streitwagen des Mondgottes Phra Chan zeigen, was der üblichen Paarung von Sonne (Gold) und Mond (Silber) bei den Gaben auf Altären oder für eine weltliche Macht entspricht. „Man kann den Wagen des Sonnengottes überall sehen".

Auf jedem beliebigen LKW, Bus oder Songthau befindet sich an einer Stelle eine knallbunte Landschaft in westlicher Perspektive, die eine idyllische Hütte in Szene setzt. Die Buddhafigur auf einem Taxi ist z.B. nicht traditionell stilisiert, sondern häufig lebensnah dargestellt. Woher kommt dieser abrupte Wechsel zum europäischen Stil? „Die Idylle stammt aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, als Landschaftspostkarten auftauchten“, sagt Vithi und bemerkt, dass es dieselbe Veränderung auch in der thailändischen Kunst gebe. „Die mit Stroh gedeckte Hütte stammt aus der westlichen Landschaft, die in den sechziger Jahren groß in Mode war.“ Weil sie Naturdarstellungen bis dahin nur als mythische Dekoration in Tempeln kannten, war die neue Ästhetik für die Thais eine Offenbarung. Die in grellen Farben gemalten Hütten mit Bergbach sind zu einem populären Allgemeingut geworden. Diese Landschaften erscheinen auf Lanna-Schirmen und Lackschachteln genauso wie auf den Kulissen für Puppen- und Likay-Theater. Manchmal wird als Symbol moderner Ambitionen anstelle der Hütte ein Vorstadthaus dargestellt.

VON NATURDARSTELLUNG BIS MANGA

Dauerhafte Präsenz beweist hingegen eine andere Pop-Ikone, die von vielen LKW-Schmutzfängern finster dreinblickt: Das gemalte Konterfei von Al Pacino, Hauptdarsteller des Streifens Serpico, in dem er korrupte Polizisten auffliegen lässt. Dieser Wink mit dem Zaunpfahl gilt den Ordnungshütern und warnt sie davor, für die Nichtahndung üblicher Vergehen wie Übergewicht und rücksichtslose Fahrweise Bestechungsgelder zu kassieren.

Die Kunst auf Lastern und Bussen passt sich ständig veränderten Lebensbedingungen an. Helden, dekorative Muster und Talismane aber sorgen weiterhin für Schönheit und Sicherheit im Straßenverkehr. Zumindest ist das die Meinung aller Thais, die in LKWs und Bussen am Steuer sitzen.

Von: Philip Cornwel-Smith Fotos: John Goss & Philip Cornwel-Smith

Info

Typisch Thai: Alltagskultur in Thailand ist im Buchhandel erhältlich. Sie können die englische Version bei River Books bestellen.

 

info@remove-this.magazin.in.th; Web: riverbooksbk.com

 

"Very Thai" von Philip Cornwel-Smith – River Books - B995 – Hardcover mit Fotos von John Goss und Philip Cornwel-Smith

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