Das schweizer Botschafter-Paar:

Mit Herz und Seele in Thailand

THAIZEIT stellt vor: Die Botschafter der Schweiz in Thailand, Kambodscha, Laos und Myanmar – das Ehepaar Schraner/Burgener


Christine Schraner Burgener und ihr Ehemann Christoph Burgener sind seit 2009 als Botschafter der Schweiz in Thailand. THAIZEIT sprach mit ungewöhnlichen Pa

Ein Botschafter-Ehepaar ist eine ungewöhnliche Sache. Gab es das schon einmal?


Er: Nein, es ist weltweit einmalig, dass ein Botschafterehepaar auf demselben Posten wirkt. Es gibt zwar noch ein Botschafterehepaar aus England in Afrika, aber das ist ein anderes Modell. Wir teilen uns den Botschafterposten fifty-fifty. Wir teilen uns auch den Lohn. Wir haben dafür die Zuständigkeiten, die zuvor bei einem Botschafter lagen, unter uns aufgeteilt: Meine Frau ist als Botschafterin für Thailand zuständig, ich bin für Kambodscha, Laos und Myanmar verantwortlich.
Sie: In der Praxis arbeiten wir aber beide zu 100 Prozent, auch wenn wir durch die Teilung nur halbe Stellen haben. Daher ist dieses Modell auch für den Arbeitgeber so interessant: Er bekommt zwei zum Preis von Einem. Bei Reisen meines Mannes nach Phnom Penh, Vientiane oder Yangon bleibe ich in Bangkok und kann alle Aufgaben wahrnehmen. Und er hat als Botschafter viel mehr Zeit für Kambodscha, Laos und Myanmar, als das in der Vergangenheit möglich war.
Er: Alle gewinnen bei dieser Regelung: Die Regierung bekommt mehr fürs Geld, unsere beiden Kinder (14 und 11) haben immer ein Elternteil zu Hause und auch für uns als Ehepaar ist es perfekt. Die Regelung hat sich bislang sehr bewährt.

Wie kam es in Ihrem Fall dazu?

Er: Wir hatten beide parallel klassische Karrieren gemacht: Angefangen am Zürcher Gericht, wo wir uns auch kennengelernt hatten, dann Diplomatenprüfung, dann Praktikum an der Botschaft, Dritter Sekretär, Zweiter Sekretär, Stellvertreter des Missionschefs, und jetzt Botschafter. Wir hatten auch in der Vergangenheit schon oft Job-Sharing praktiziert. Die Sektion Menschenrechtspolitik in der Schweiz haben wir im Job-Sharing geleitet, in Dublin arbeiteten wir als Erste Mitarbeiter des Botschafters auch nach diesem Konzept. Sie: Wir mussten für diese Regelung kämpfen, denn es gab eine Verordnung, dass versetzbare Beamte nicht Teilzeit arbeiten durften. Da mussten wir dann durch die Instanzen, bis zum Minister, und wir konnten alle Entscheider überzeugen: Die Verordnung wurde geändert.

Hatten Sie sich um Thailand und die Nachbarländer gezielt beworben?

Sie: Ja. Das war unser Traumposten. Thailand eignet sich ideal für unser Modell durch die Seiten-Akkreditierungen. Und es ist eine sehr spannende Herausforderung. Außerdem gibt es hier die Schweizer Schule, die einen sehr guten Ruf genießt. Und persönlich habe ich Asien sehr gern, weil ich in Japan aufgewachsen bin, wo mein Vater zehn Jahre lang für Swiss-Air tätig war.

Wie haben Sie sich geeinigt, wer wofür zuständig sein wird?

Er: Das hat sich so ergeben, entsprechend unserer Charaktereigenschaften. Im entwickelteren Thailand sind viele soziale Kontakte gefragt, was meiner Frau sehr liegt. Die Nachbarländer erfordern Reisetätigkeit und Entwicklungsarbeit, und das ist etwas für mich. Sie: Thailand ist wirtschaftlich natürlich viel bedeutender, daher war es auch im Sinne der Außenministerin, hier eine Frau walten zu lassen und so ein Signal für die Frauenförderung zu setzen. Dennoch interessiere auch ich mich für die Entwicklungen in Kambodscha, Laos und Myanmar, insbesondere, weil wir ja beide vorher im Menschenrechtsbereich gearbeitet haben.

Stichwort Birma. Sind Sie angesichts der zarten Entwicklungen bereits leicht optimistisch oder lieber zurückhaltend?

Er: Wer in Myanmar optimistisch war, lag bisher immer falsch. Leider sind in den letzten zwanzig Jahren alle Optimisten enttäuscht worden. Ich bin versucht, optimistisch zu sein, lasse aber Vorsicht walten, denn große Fortschritte erwarten wir so schnell nicht. Dennoch: Wenn ich nicht an Fortschrittsmöglichkeiten glaubte, wäre ich ja gelähmt in meinen Handlungen. Die Schweiz ist sehr interessiert daran, was im Augenblick in Myanmar passiert. Nach Zyklon Nargis haben wir viel Entwicklungsarbeit geleistet. Der Staat hat rund 5 Millionen Franken und die Schweizer Zivilgesellschaft 30 Millionen investiert und unter anderem 40 Klassenräume gebaut. Es gibt heute Hoffnungen auf kleine Veränderungen in die richtige Richtung und auf diese muss man sich stürzen, um nichts unversucht zu lassen. Vor allem geht es um eine gerechtere Verteilung in Myanmar, derzeit wandern 80 Prozent der Einnahmen im Land an das Regime. Gemeinsam mit der EU und den USA stehen wir derzeit zu den Sanktionen gegen das Regime. Wir beraten auch schweizerische Unternehmen dementsprechend und warnen vor erheblichen Imageschäden, sollten direkte Geschäfte abgewickelt werden. China, Indien und auch Thailand hingegen beteiligen sich nicht an den Sanktionen und weiten ihren Einfluss immer stärker aus, was der Westen bislang nicht pariert.

Wie ist die Situation in Laos?

Er: Es gibt noch immer Vorbehalte bei den Menschenrechten, zum Beispiel erfüllen Presse- und Versammlungsfreiheit keine westlichen Standards. Allerdings ist die Regierung hier viel offener, ein schnelleres Fortkommen ist möglich. Die Schweiz unterstützt die Entwicklung des Landes mit 12 Millionen Franken, allerdings ist die schweizerische Wirtschaft mit Investitionen noch sehr zurückhaltend. Im Juni nächsten Jahres wird in Zürich eine Investitionskonferenz stattfinden, auf der wir für ein Engagement in Laos und Kambodscha  werben wollen.

Und Kambodscha?

Er: Die politische Situation ist nicht in jeder Hinsicht  zufriedenstellend, insbesondere die Menschenrechtssituation muss scharf beobachtet werden. Aber es gibt auch positive Entwicklungen, zum Beispiel ein Projekt von zwei Schweizern, die eine Firma für Internet-Programmierung gegründet haben und zwanzig Kambodschanern einen Arbeitsplatz bieten. Und dann gibt es noch den Grenzkonflikt mit Thailand. Hier setzen wir auf eine einvernehmliche Lösung. Unser Vorgänger in Bangkok sitzt jetzt im UNESCO-Komitee, das sich mit diesen Fragen beschäftigt.

Wie schätzen Sie die politische Situation derzeit in Thailand ein? Wie ist Ihre Einschätzung zum Verbotsverfahren gegen die Demokraten?

Sie: Es ist eine grundlegende Versöhnung aller beteiligter Parteien erforderlich. Dazu sollte, wie in jedem Versöhnungsprozess, die Wahrheit über alle Vorkommnisse der letzten Jahre auf den Tisch kommen. Zur Zeit befindet sich die Politik ist einer Sackgasse, auch und insbesondere angesichts des Verbotsverfahrens betreffend die politischen Parteien. Das Dilemma: Die Verfassungsrevision in diesem Punkt scheint schwierig durchsetzbar zu sein, bevor die Wahlen stattfinden. Wichtig ist, wie immer, dass die Gerichte unabhängig arbeiten können. Ich glaube, dass das Land einen Neuanfang braucht, um nach vorne zu kommen. Parteiverbote führen in der Rege nicht zum Ziel. Aber das muss das Gericht unabhängig entscheiden und wir kommentieren Gerichtsentscheide grundsätzlich nicht. Aber die unruhigen Zeiten in Thailand sind für mich auch ein Zeichen des Demokratisierungsprozesses. Jetzt muss gelernt werden, unterschiedliche Ansichten zu akzeptieren. Sicher ein manchmal schmerzhafter Prozess, den wir in Europa nur zu gut kennen. Den Zeigefinger zu erheben, wäre fehl am Platz. Dennoch: Ich bin optimistisch für das ganze Land, weil ich denke, dass Thailand ein großes Potential hat und auch schon viel erreicht hat. Die Thais werden das nicht alles aufs Spiel setzen.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung der schweizerisch-thailändischen Wirtschaftsbeziehungen?

Sie: Die Schweizer sind bei Investitionen auf einem hervorragenden Platz sechs. Das Handelsvolumen konnte 2010 gesteigert werden. Wir liefern Maschinen, pharmazeutische Produkte und Uhren und beziehen landwirtschaftliche Produkte und ebenfalls Maschinen. Gute Wirtschaftsbeziehungen zwischen unseren Ländern sind von beiden Seiten gewünscht, wie der Abschluss des Luftverkehrsabkommens im letzten Januar zeigte. Wir wollen auch ein Freihandelsabkommen im Rahmen der EFTA (Europäische Freihandelsassoziation, besteht aus Island, Norwegen, Liechtenstein und der Schweiz) abschließen. Der Entscheid über die Wiederaufnahme der Verhandlungen liegt zur Zeit auf der Thai-Seite. Bis zur Realisierung der AFTA im Jahre 2015 werden wir ziemlich sicher Freihandelsabkommen mit Singapur, Malaysia, Indonesien, Vietnam und den Philippinen abgeschlossen haben. Daher liegt es sicher auch im Interesse Thailands, mitzuhalten.

Gibt es aus Ihrer Sicht viele Probleme im Visa- und Konsularwesen?

Sie: Sicher gibt es bei uns die üblichen Probleme. Aber die Schweiz folgt den Schengener Regeln, es gibt keine Willkür. Für uns ist bei Visafragen der Aspekt des Frauenschutzes allerdings ein sehr wichtiges Thema.

Gab es in letzter Zeit Austausch hochrangiger Delegationen zwischen Thailand und der Schweiz? Ist so etwas geplant?

Sie: Wir hoffen, dass im nächsten Jahr die Außenministerin kommen kann. Allerdings wird sie voraussichtlich zu dieser Zeit auch Präsidentin sein und viele Aufgaben im Inland wahrnehmen müssen, sodass es fraglich bleibt, ob es zeitlich klappen wird. Aber wir hatten Thailands Außenminister Kasit Piromya in diesem Jahr in Bern, es wurde intensiv über Migrationspolitik gesprochen. Und in Genf findet traditionell ein guter Austausch am Rande von UN-Sitzungen statt. Außerdem ist die Königliche Familie Thailands eng mit der Schweiz verbunden. S.M. König Bhumibol Adulyadej lebte 17 Jahre in der Schweiz und I.K.H. Prinzessin Maha Chakri Sirindhorn kommt häufig zu Besuch. Die guten Beziehungen werden gepflegt.

Wie sieht der Austausch im Bildungswesen aus?

Sie: Es gibt einen regen Austausch, das Studium in der Schweiz ist in Thailand beliebt. Wir stellen pro Jahr drei Stipendien für Thailänder zur Verfügung und wir haben viele Thais, die unsere Hotelfachschulen besuchen. Schweizer Handwerk und thailändische Gastfreundschaft – eine unschlagbare Kombination! Außerdem gibt es natürlich die Schweizer Schule in Bangkok, die wir in Kooperation mit Deutschland betreiben. Geplant ist neu, dass Schüler hier auch den englischen IB-Abschluss machen können. Er: Auch eine burmesische Geologin ist Stipendiatin in der Schweiz. Und für Banker aus Laos ist eine Ausbildung in der Schweiz geplant. In Laos soll demnächst eine Börse eröffnet werden – eine gute Entwicklung, die wir unterstützen.

Wie viele Schweizer leben in Thailand, Kambodscha, Laos, Myanmar?

Sie: Registriert sind 6.300 Schweizer, vielleicht lebt insgesamt die doppelte Menge hier in Thailand. Ich empfehle die Registrierung, da wir in Krisenzeiten, wie jüngst erlebt, täglich per SMS und E-Mail Kontakt halten. Man kann sich auch für einen kurzen Zeitraum anmelden. Außerdem haben wir jährlich rund 120.000 Schweizer als Urlauber in Thailand. Er: Im Kambodscha haben wir 120 Schweizer, in Laos sind es 100 und in Myanmar 60. Ich reise sehr regelmäßig in die Länder, um sichtbar und ansprechbar zu sein. Wir haben aber auch Honorarkonsuln in Phnom Penh, Vientiane und Yangon.

Macht Ihnen die Arbeit in Myanmar Spaß?

Er: Das ist das Schönste für einen Diplomaten! Eine sehr spannende Aufgabe. Ich arbeite mit Netzwerken, es gibt heimliche Treffen, Kontakte zu den Generälen ... Das ist Diplomatie pur.

Sind Sie persönlich gern in Thailand? Sind Sie schon viel in Thailand gereist?

Sie: Ja. Wir pflegen intensive Kontakte mit Land und Leuten. Ich lerne Thai, das liegt mir, da ich bereits das tonale Japanisch spreche. Natürlich gibt es viele offizielle Anlässe, zu denen ich erscheinen muss. Aber ich versuche auch, mich möglichst viel unters Volk zu mischen, auf die Straße zu gehen. Mit dem Fahrrad nach Thonburi, Streetfood an der Sukhumvit. Wir fördern auch kleine ländliche Projekte, zum Beispiel eine Reismühle im Isaan. Zur Eröffnung hatte das Dorf mich eingeladen und ich habe drei Tage mit den Menschen dort gelebt. Wir haben die ganze Nacht Isaan-Tänze getanzt und gefeiert. Aber wir kümmern uns auch um die Flüchtlingslager und diese besuche ich selbst. Ich glaube, wir Schweizer haben unsere Erfahrung mit der Asylproblematik gemacht und können hier Denkanstöße für Thailand liefern.

Wo machen Sie privat Urlaub?

Sie: In dieser Region auf jeden Fall. Wir lieben Koh Samet und Koh Chang. Zu Weihnachten reisen wir vielleicht nach Krabi. Im letzten Jahr waren wir mit der ganzen Familie in Myanmar – kein Fünf-Sterne-Urlaub, sondern ganz einfach, real und untouristisch.

Von Mark Sonntag


Über Christine Schraner Burgener Seit 2009 Botschafterin der Schweiz in Thailand, vorher bereits in Marokko und Dublin tätig. In Bern u.a. Stellvertretende Direktorin der Direktion für Völkerrecht, Generalsekretärin der Internationalen Humanitären Ermittlungskommission und Koordinatorin für Terrorismusbekämpfung.  Jahrgang 1963. Deutsche Schule in Tokyo, Gymnasium in Winterthur, Lizentiat der Rechte der Universität Zürich. Verheiratet, hat gemeinsam mit Christoph Burgener zwei Kindern: Justine (1996) und Vincent (1999). Hobbys: Lesen, Kochen, Geige, Schwimmen. Sprachen: Deutsch, Französisch, Englisch, Japanisch Über Christoph Burgener Seit 2009 Botschafter der Schweiz in Kambodscha, Laos und Myanmar, vorher bereits in Algerien und Dublin tätig. In Bern wirkte er u.a. als Berater des Außenministers sowie als Koordinator für Außenpolitik. Jahrgang 1962. Matura am Kollegium Brig/VS, Lizentiat der Rechte der Universität Fribourg. Hobbys: Lesen und Schach.

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