Der Tiger Tempel in Kanchanaburi:

Streichelzoo im Namen Buddhas

Was als Refugium für Tigerwaisen begann soll sich zur schamlosen Ausbeutung der geschützten Tiere gewandelt haben: Im Tiger Tempel wird vor allem der Touristenbetrieb aufrecht erhalten, so der Bericht einer Tierorganisation – auch mit illegalen Mitteln.


Es war einmal ein Tigerbaby, das hatte seine Mutter an einen Wilderer verloren. Man brachte es zu einem Tempel, dessen Vorsteher das kleine Tigerchen behutsam aufzog. Ihm erging es in diesem Tempel nahe dem Dschungel so gut, dass die Leute noch ein oder zwei weitere verlassene Tigerbabys zu den Mönchen brachten. Auch als die Tiger zu stattlichen Jungtieren heranwuchsen, waren sie immer noch so zahm, dass sie den Menschen nie etwas zu leide tun würden. „Die Obhut der Mönche, ihre Gesänge und Gebete haben die wilden Tiger zahm gemacht!“ sagten die Leute und es pilgerten immer mehr Menschen von Nah und Fern zum Tiger-Tempel, um die glücklichen Tiere zu sehen, anzufassen und sich an so viel Glück zu freuen ...
Soweit das Märchen des Wat Pa Luangta Bua Yannasampanno im Kanchanaburi-Distrikt, besser bekannt als Tiger Temple. Dass es so zumindest heute nicht mehr der Wahrheit entspricht, hat vor ein paar Wochen die gemeinnützige Organisation Care For The Wild International (CWI) in einem 25-seitigem Bericht ausführlich dokumentiert. Der Report stützt sich auf mehrjährige Untersuchungen von eingeschleusten Mitarbeitern, die dort als Tierpfleger arbeiteten und so einen Einblick in den Alltag der Raubkatzen gewinnen konnten. Die Vorwürfe von CWI aus den gewonnenen Erkenntnissen lauten nicht nur auf Tierquälerei, sondern auch auf illegale Zucht und verbotenen Handel mit geschützten Tieren.

LEICHTFERTIGE TOURISTEN

Kritisiert wird auch die leichtfertige Gefährdung unzähliger Touristen einschließlich kleiner Kinder, die dort auf Bauch und Rücken der ausgewachsenen Raubkatzen für Urlaubsfotos posieren. Nicht ohne vorher eine Verzichtserklärung auf der Eintrittskarte unterschrieben zu haben: „Falls etwas passiert, haben Sie die Schuld – nicht der Tiger“ erklärt eine Reiseleiterin ihrer Gruppe vor dem Eingang zum Tempel. Im Inneren laufen die harmlosen Tigerbabys frei unter die Zuschauer, die für Fotos mit den ihnen Schlange stehen. Noch länger ist die Wartezeit im Tiger-Canyon wo immer nur ein Besucher zur Zeit hinter die Absperrung darf – eine Wäscheleine – um mit dem Tier zu posieren. „Ich habe hier zehn Tiger ohne Ketten. Kleine Leute wirken auf die besonders anziehend. Bitte gehen sie nach hinten“, sagte ein Helfer freundlich zum Vater neben uns der mit seinem Kleinkind ganz vorne an der Absperrung stand. Auf Handzetteln und einer eigenen Internetseite beschreibt sich der Tempel als Heim für herrenlose Tiger, die ansonsten keine Überlebensmöglichkeit hätten. Dies mag anfangs so gewesen sein, doch längst sprechen alle Indizien dafür, dass der Tempel heute eigens Tiere züchtet. Und mit einer Farm im benachbarten Laos austauscht um ausreichend Tiere für seine tägliche Touristenshow zur Verfügung zu haben. Ein lukratives Geschäft bei etwa 500 Besuchern am Tag, die jeweils 300 Baht (sechs Euro) Eintritt bezahlen und weitere 1.000 Baht (20 Euro) für eine Fotosession. Viel Geld in Thailand, doch für das „unglaubliche Gefühl, einem echten Tiger gegenüber zu stehen“, wie eine amerikanische Touristin sagt, nur ein kleiner Obolus.

FREILASSUNG KEINE OPTION

Aufkeimenden Zweifel an der Haltung der Tiere in ihren kleinen Betonparzellen versuchte der Tempel offenbar bereits vor einigen Jahren zu ersticken, indem er den Bau einer von einem Wassergraben umgebenen Tigerinsel ankündigte. Dort sollen die Tiere für ihre zukünftige Auswilderung vorbereitet werden. Abgesehen davon, dass die Abmessung der Insel nach internationalen Richtlinien maximal für drei Tiere Platz bieten würde, ist eine Freilassung der Tiger in die Wildbahn nach Erkenntnis internationaler Studien „keine realistische Option, da die Raubkatzen durch ihre Gewöhnung an den Menschen eine Gefahr für sich selbst, die Bevölkerung und Nutztiere darstellen würden“, klärt Guna Subramaniam uns auf, Leiter der CWI in Südostasien: „Es gibt mindestens dreimal mehr Tiger in Gefangenschaft als in freier Wildbahn. Wer wirklich die Art erhalten will, muss dafür sorgen, dass der Tiger sich in Freiheit fortpflanzen kann, nicht im Käfig.“ Erstaunlich bleibt die Tatsache, dass es trotz der Hundertschaften an Besuchern jeden Tag bisher tatsächlich keine größeren Zwischenfälle gab, bei denen Touristen von den Tigern ernsthaft verletzt wurden. Ist doch etwas dran an der kitschigen Vorstellung, der buddhistische Alltag im Kloster mache die Tiere friedliebend? Die Antwort ist ernüchternd: „Unsere Fahnder haben festgestellt, dass die Fügsamkeit der Tiger durch eine rücksichtslos erzwungene Dominanz der Pfleger erreicht wird“, berichtet Guna Subramaniam: „Die Tiere werden regelmäßig gequält und missbraucht, um sie gefügig zu machen. Dies geschieht unter anderem durch Schlagen mit Holzbohlen und Quetschen der Hoden. Die Tiger sind angstgesteuert.“ Bekanntlich ist es mit dem Tierschutz in Asien nicht weit her und die Mönche verhalten sich wahrscheinlich nicht brutaler als es Usus ist in diesem Teil der Welt. Doch muss der Tempel sich die Frage gefallen lassen, warum die ausgewachsenen Tiger rund 20 Stunden des Tages in ihre wenige Quadratmeter großen Parzellen gepfercht werden. Mit den Touristeneinnahmen hätte man längst bessere Bedingungen schaffen können. Ein Versuch der thailändischen Behörden sich den Raubkatzen anzunehmen scheiterte in der Vergangenheit, so Guna Subramaniam: „Der Tempel hat zwar keine Konzession zur Tigerhaltung oder Zucht. Doch man sah keine Möglichkeit die Tiere andernorts unterzubringen und erlaubte dem Tempel so, sie zu behalten. Unter der Auflage, keine Tiger zu züchten.“ Woran er sich laut CWI nicht hält.

NEUES HEIM BEREITS VORGESCHLAGEN

Immerhin: Die Behörden hätten bereits eine bestehende Regierungseinrichtung als neues Heim vorgeschlagen. Und tatsächlich gibt es andere Einrichtungen, die das Wohl der Tiere in den Vordergrund stellen. Wie so oft ist aber vor allem die Verantwortung des Einzelnen gefragt. Oder die der Unternehmen: Ein dänischer Reiseveranstalter hat den Tempel nach Veröffentlichung des Berichts aus seinem Programm genommen. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht keine leichte Entscheidung, ist der Tempel doch die zweitgrößte Attraktion der Region nach der Brücke am Kwai.

Alexander Heitkamp


Tiger Temple Kanchanaburi www.tigertemple.org Care For The Wild International www.careforthewild.org

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