Der Bokeo Nationalpark in Laos:

Hochseilakt zwischen Baumkronen

Die Gibbon Experience im Bokeo Nationalpark im Osten Laos bietet ein einmaliges Erlebnis unter Menschenaffen – und vielen anderen Tieren.


Hoch in den Wipfeln der Urwaldriesen schwingen sie sich von Baumkrone zu Baumkrone und man kommt sie nur ganz selten zu Gesicht – dafür kann man sie um so besser hören. Denn Gibbons turnen nicht nur wie Weltmeister, sie singen dabei auch noch wie Star-Tenöre. Im Bokeo Nationalpark in Laos kann man die selten gewordenen scheuen Menschenaffen noch ganz nah erleben. „Gibbon Experience“ heißt das Projekt, das die Lust auf Abenteuer und die Freude an der Natur auf gute Art und Weise kombiniert.
Es ist ein Abenteuer, das einem gleichzeitig das Gefühl gibt, etwas Gutes zu tun. Schon lange bevor wir die Gibbons wirklich selber das erste Mal hören, nehmen wir ihre Rufe wahr. Und zwar aus den Berichten schwärmender Touristen, die uns überall auf unserer Reise durch Südostasien mit leuchtenden Augen von der sagenhaften „Gibbon Experience“ erzählen. Also sind wir in den Westen von Laos gereist, um selbst einmal unter die Gibbons zu gehen. Uns reizte nicht nur das einmalige Dschungelabenteuer. Auch das Konzept der Initianten überzeugte. Mit ihrem Projekt bieten die Betreiber den Einheimischen eine alternative Einnahmequelle zur verbreiteten Brandrodung und schützen damit den Wald.

100 Meter über dem Boden

Und so setzen wir uns also in einem Dorf Namens Houayxay in einen Geländewagen und fahren mit einer kleinen Gruppe in den tiefen Dschungel. Nach dreieinhalb Stunden holpriger Fahrt kommen wir in ein kleines Dorf am Ende der Strasse. Dort wartet eine andere Gruppe, die die Gibbon Experience bereits hinter sich hat. Wir wissen nicht so recht, was wir von den durchgeschwitzten, schmutzigen, mit Moskitostichen übersäten Gestalten halten sollen, die nach drei Tagen wieder aus dem Wald gekommen waren. Ihre strahlenden Gesichter machten uns aber Hoffnung. Erwartungsfroh nehmen wir also Abschied von der Zivilisation und machen uns auf den Weg ins Ungewisse. Nasse Füsse haben wir schon nach 20 Metern, als wir durch unseren ersten Bach waten müssen. Klatschnass sind wir nur wenig später, als uns der Bokeo Nationalpark mit einem Regenguss begrüsst. Nach einer Stunde erreichen wir das Basislager, wo jeder von uns einen Klettergurt erhält. Diesen sollten wir in den nächsten drei Tagen stets tragen, denn bei der Gibbon Experience bewegt man sich vor allem in der Luft fort. Zu diesem Zweck wurde im Dschungel ein Netz von Stahlkabeln gezogen, entlang denen man von Baumkrone zu Baumkrone gleiten kann. Auch wenn die Kabel vor allem als nüchternes Fortbewegungsmittel gedacht sind: 400 Meter weit über ein 100 Meter tiefes Tal zu gleiten, ist auch ein wunderschönes Gefühl.

Im Bett mit Monstern

Doch zunächst gilt es Quartier zu beziehen. Unser Baumhaus ist eine private Honeymoon-Suite für Zwei. Zu erreichen ist sie über drei Kabel, die gängige Längeneinheit bei der Gibbon Experience. Ihre Lage einmalig: rund zehn Meter über dem Boden und mit freiem Blick auf den Wald. Das Haus ist bescheiden, aber liebevoll gemacht. Es besteht aus einer kleinen Plattform mit Dach, ohne Wände, dafür mit Badezimmer und fließend Wasser im unteren Stock. So spektakulär hatten wir noch nie geduscht. Die Aussicht ist fantastisch. In der Abenddämmerung beginnen die Tiere den Wald mit ihrem Zirpen und Surren zum Leben zu erwecken. Wir lauschen und genießen das schmackhafte Abendessen, das uns ein Helfer vorbei bringt. Der Sonnenuntergang ist romantisch, aber kurz. Schlagartig ist es stockfinster und uns wird bewusst, wie allein wir sind, von Millionen von Tieren einmal abgesehen. Langsam wird uns mulmig. Es gibt Leute, die es lieben mitten im dunklen Wald zu schlafen. Wir gehören nicht dazu. Wir haben jene Art von Angst, die kleine Kinder haben, wenn sie glauben, unter ihrem Bett seien Monster – nur vermuten wir Monster nicht nur dort, sondern von allen Seiten. Schnell verziehen wir uns unter das dicke Moskitonetz. Die Nacht ist lang, der Schlaf leicht und die Nerven dünn. Der Kopf voller Fragen: Was war das für ein Geräusch? Was krabbelt da an meinem Kopf vorbei? Wieso schüttelt plötzlich unser Baum? Was für Tiere gibt es denn hier überhaupt?

Blind im Dschungel

Selten waren wir so froh über den Sonnenaufgang wie heute und zum ersten Mal heißen uns die Gibbons auf ihre Art in ihrem Revier willkommen. Wovon wir vorher so viel gehört hatten, dürfen wir nun selber erleben: Der wunderbare, freundliche Gesang der Gibbon-Affen. Andächtig sitzen wir im Bett, blicken über den Nebelwald und lauschen ihrem Konzert. Erst versuchen wir die Tiere zu sehen, nur kurz einen Blick zu erhaschen. Doch im Dschungel, das stellen wir schnell fest, sind wir Menschen blind und darum hörten wir einfach zu. Einige aus unserer Gruppe versuchen mit einem Führer die Gibbons aufzuspüren, bei einem Baumhaus, hören wir später, waren sie sogar vom Bett aus zu sehen. Den wunderbaren Gesang zu hören, reichte uns aber völlig aus.

Vergnügliches Abenteuer

Unseren ersten Tag, der im Dschungel begann und der im Dschungel enden wird, verbringen wir auf einer Entdeckungstour. Ein Führer bringt uns zu einem Baumhaus, das alle anderen Häuser nochmals übertrifft. Das Kabel dorthin beginnt einfach mitten im Wald. Doch als wir aus dem Grün heraus fliegen, tut sich unser Blick auf und wir sehen nur den Baum, der wie ein Leuchtturm mitten aus einem breiten Tal herausragt. In der Krone thront das Baumhaus, wir steuern geradewegs darauf zu. Wir wollen den Platz am liebsten gar nicht mehr verlassen, doch auf uns wartet noch ein satter Fußmarsch durch den Wald. Der Weg führt einen Bach entlang voller Blutegel, die stets versuchen irgendwie an nackte Haut zu kommen – und dies auch erstaunlich oft schaffen. Einmal entdeckt, lassen sich die ansonsten harmlosen Viecher aber gut wegschnippen. Unsere zweite Nacht gefällt uns besser, als die erste. Wir haben uns ein wenig eingelebt und können nun die einmalige Stimmung genießen. Trotzdem: Am nächsten Tag sind wir froh, aus dem Wald wieder herauszukommen. Es ist anstrengend, heiss, feucht, aber auf jeden Fall überwältigend. Eine unglaubliche Erfahrung, ein Abenteuer, ein Vergnügen. Am Ende sind wir es, die eine neue Gruppe begrüßen. Wir sind durchgeschwitzt, schmutzig, mit Moskitostichen übersät. Doch wir strahlen wie die Maikäfer.

Sascha Schmid


Die Gibbon Experience dauert drei Tage. Es gibt zwei Versionen. Die Classic Experience ist die gemütlichere Variante. Die Waterfall Experience ist anspruchsvoller, führt aber tiefer in den Dschungel zu einem Wasserfall. Jeden Tag startet abwechslungsweise eine der beiden Touren mit maximal acht Personen. Früh Buchen ist Pflicht. Die Gibbon Experience beginnt in Houayxay, gleich an der Grenze zu Thailand. Von Chiang Kong aus erreicht man Houayxay nach einer kurzen Überfahrt über den Mekong. Vorsicht: In Houayxay gibt es keine Geldautomaten. Also genügend Bares mitbringen. In der Regenzeit kann es vorkommen, dass die Strasse zum Dorf nicht befahrbar ist, so dass man unter Umständen erst vier bis sieben Stunden laufen muss. Die Kleidung sollte unbedingt dschungeltauglich sein. Gutes Schuhwerk, lange Hosen und ein langes Hemd sind empfehlenswert, vor allem wegen der Moskitos. Man muss damit rechnen, dass die Kleider sehr schmutzig werden. Ich musste mein Shirt in den Müll werfen, weil es nicht mehr sauber zu kriegen war. www.gibbonx.org

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