Yaowawit:

Schule, Hotel und Zapfsäule

Mitten im Busch von Südthailand hat ein Graf aus Deutschland ein Internat samt Hotel gegründet.


Um sich die Umrisse von Thailand als einen Elefantenkopf vorzustellen, braucht es beim Blick auf die Landkarte nicht viel Fantasie. Nord- und Zentralthailand bilden den Kopf, Südthailand den Rüssel. Auf dem Rüssel liegt das Örtchen Kapong. Ein Fleck hinter Khao Lak. Etwas außerhalb von Kapong befindet sich das Internat Yaowawit.
Nach Yaowawit führen verschiedene Pfade. Aber nur ein Weg. Er führt über Asphalt, durch unendliches Grün, vorbei an Felsen, die wie Wolkenkratzer aussehen. Irgendwann taucht zwischen Busch und Bäumen ein großes Krankenhaus auf. Schräg auf der gegenüberliegenden Straßenseite zweigt eine Schotterpiste nach Yaowawit ab. Zwei Kurven und einen steilen Anstieg später ist das Ziel erreicht.
Willkommen im Dschungel.

Ein Ort der Zukunft


Die Pfade, auf denen die Bewohner nach Yaowawit gekommen sind, kann man nicht sehen. Die Großen brachte die Neugier, die Lust auf eine neue Erfahrung. Die Kleinen trug das Schicksal herbei. Wo sie aufwuchsen, fehlte es an Geld oder Liebe. Trotz ihrer unterschiedlichen Vergangenheit basteln die Bewohner von Yaowawit an einer gemeinsamen Zukunft. Gäste sind dabei gerne gesehen.
Gleich hinter dem Eingangstor lassen sich die Bastelarbeiten beobachten. Dort führt eine  Treppe von der Lobby ins Restaurant. Eine Art überdachte Terrasse, der Blick geht ins Grüne.
Zu Tisch warten: Sabine Kraus, seit Mai 2011 Managerin des Projekts Yaowawit. Vincent, Absolvent einer Hotelschule in Montreux und für ein halbes Jahr Direktor des Hotels Yaowawit. Und Boat. Der Junge lebt seit vier Jahren im Internat Yaowawit. Er begrüßt den Gast und nimmt anschließend – attestiert von Vincent – die Bestellung auf: "What would you like to eat?".
"Boat wird gerade in Gastronomie unterrichtet", sagt Sabine Kraus und ordert Grünes Curry. "Thank you", sagt der junge Kellner und eilt in die Küche.

Ein Graf ließ bauen, eine Prinzessin unterstützt


"Boat hat keine Eltern mehr und ist bei seinem Onkel aufgewachsen", erzählt Kraus. Der alte Mann habe selbst kaum Geld zum Überleben gehabt und brachte den Jungen aufs Internat. Hier bekommt er Kleidung, Essen und ein Bett, Schulunterricht und – "What would you like to eat?" – Training in einem praktischen Fach. Boat ist eines von 120 Kindern im Alter zwischen vier und 18 Jahren, die in Yaowawit betreut werden.
Wie Boat stammen alle Schüler aus schwierigen Familienverhältnissen. Die Eltern sind arm, einige drogenabhängig, viele überfordert und gewalttätig. Manche sind einfach nicht mehr da – Opfer des Tsunamis, der nicht weit von Yaowawit entfernt im Dezember 2004 mit tödlicher Wucht aufs Land prallte.
Es waren die schrecklichen Ausmaße dieser Katastrophe, die den deutschen Unternehmer Philipp Graf von Hardenberg dazu veranlassten, zu helfen. Er ließ die Schule bauen und das umliegende Land bestellen.
Bei den Bauarbeiten wurde nicht gezögert: 2006 öffnete Yaowawit. Das Projekt ist als "Public Welfare School" staatlich anerkannt und wird von der "Children’s World Academy Foundation" getragen. Zu deren Unterstützern zählt unter anderem Thailands Prinzessin Maha Sakri Sirindhorn.

Der Start in ein neues Leben – für die Chefin und die Schüler


Ein Julimorgen, 8.30 Uhr: Der Morgenappell ist beendet, 120 Kinder stürmen in ihre Klassenzimmer. Gerade haben sie nach altem Brauch die thailändische Flagge gehisst und unter einem großen Hallendach das Tagesprogramm besprochen. Wie immer wurde auch einige Minuten geschwiegen und meditiert. Kräfte sammeln im Schneidersitz.
Sabine Kraus hatte sich in der hintersten Reihe dazugesetzt und mitgesammelt. Jetzt hockt sie in der Lobby und trinkt einen Frühstückskaffee. Die 49-Jährige hat ihre  Jeans ein bisschen hochgekrempelt und trägt ein grünes T-Shirt. Ihre Flip-Flops hat sie am Eingang abgestreift. Wäre sie so bei ihrem alten Job erschienen – ihre Sekretärin und der Assistentenstab hätten sie wohl wieder nach Hause geschickt.
Kraus hat eine Karriere hinter sich. Sie war Marketingchefin bei großen Lebensmittelherstellern, arbeitete in London und Istanbul, betreute Projekte in Moskau und Stockholm.
Nach über zwei Jahrzehnten im Geschäft nahm sie sich 2004 eine Auszeit und bereiste die Welt. "Ich war in Nepal und habe die Kinder dort gesehen. Rotznasen! Hatten nichts zu spielen und haben trotzdem gelacht", erzählt sie. Vom Himalaya blickte sie auf ihr Leben. "Da kam mir der Gedanke, Kindern zu helfen; etwas Sinnvolleres zu machen, als Schokolade und Joghurt verkaufen."
Sieben Jahre später sitzt sie im thailändischen Dschungel. Über ihr brauen sich dicke Regenzeitwolken zusammen. Ihr Luxus besteht aus einer Tasse Instantkaffee. Wahrscheinlich wird sie heute nass werden. Sabine Kraus, die sich mehrere Projekte und Schulen angeschaut hat, sagt: "Yaowawit, das ist es!"

Praktikum im Dschungel

In den Klassenzimmern hat unterdessen schon der Unterricht begonnen. Während bei den älteren Schülern Mathe und Wissenschaft auf dem Stundenplan stehen, lernen die Kleinsten spielend Englisch. In kleinen Gruppen sitzen sie um Tische herum und malen. Neben den Zeichnungen, die sie mit Farbe ausfüllen, stehen englische Begriffe. Auf die Fremdsprache wir in Yaowawit Wert gelegt. Unterrichtet werden die Kinder von thailändischen Lehrern und freiwilligen Helfern. Im Juli waren es insgesamt fünf "Volunteers": Katja, Sophie, Julia und Ben aus Deutschland und Jodie aus Hongkong. Einige sind nur für ein paar Wochen da, andere blieben ein halbes Jahr. Für die jungen Helfer ist der Job eine wertvolle Erfahrung – außerdem schmückt eine wohltätige Arbeit in einem fremden Land jeden Lebenslauf. Dass sich in Yaowawit Frosch und Gecko Gute Nacht sagen und die Unterkunft schlicht ist, macht den Jungs und Mädchen nichts aus. Nach der Arbeit mit den Kindern, die  meistens über das Lernen hinaus geht, sind sie abends müde. Der Zusammenhalt in der Gruppe ist gut, und wenn sie doch mal Lust auf Abwechslung haben, bekommen die Volunteers einen Wagen gestellt und düsen nach Khao Lak.

Urlaub in Yaowawit: Abenteuer Leben

Um die Unterstützung von freiwilligen Helfern müsse sie sich keine Sorge machen, sagt Sabine Kraus. Anfragen gebe es genügend. Auch Fachleute wie Vincent, der Hoteldirektor auf Zeit, finden dank einer Kooperation mit der renommierten Hotelfachschule in Montreux den Weg nach Yaowawit. Nur an Leuten, die Thai und Englisch beherrschen, mangele es noch, so Kraus. Und dann soll Yaowawit natürlich auch Gäste anlocken. Dschungel statt Strand, ein einziges Restaurant, die nächste Bar eine Stunde entfernt: Pauschaltouristen stellen sich das Urlaubsparadies bestimmt anders vor. Für Reisende, die in Thailand nicht nur Abschalten wollen, ist der Busch-Trip dagegen das Richtige. Der Kontakt mit den Kindern bietet einen unverstellten Blick auf die Lebensrealität der Landbevölkerung. „Viele Gäste übernehmen nach ihrem Aufenthalt bei uns eine Patenschaft für ein Kind“, sagt Sabine Kraus.

Das 25 Meter lange Prachtstück

Komfort kommt auch nicht zu kurz. Die Zimmer in Yaowawit sind einfach und sauber, die Betten bequem. Warmes Wasser, Klimaanlage und W-Lan laufen zuverlässig. Das Bewusstsein, im Dschungel zu wohnen, macht bescheiden. Wer trotzdem mal den Fernseher anschalten möchte oder einen DVD-Abend braucht, dem steht eine Lounge offen. Und dann gibt es da ja noch das Prachtstück von Yaowawit…     25 Meter lang ist der Pool. Vom Becken aus der der Blick auf grüne Berge, direkt daneben, unter einem Strohdach, lässt es sich in der Poolbar fläzen. Es ist, als wüchsen zwischen den Bananenstauden und Mangoteenbäumen auch Glücksmomente in Yaowawit. Am Fuß der Dschungelberge liegen Reisfelder, Kräutergärten, Fischteiche und Gemüseplantagen. Die Ernte wird selbst eingefahren. Ein Teil wird verkauft, ein anderer Teil landet direkt auf dem Tisch. Natürlich lässt man hier nicht die Kinder schuften. Aber an allen Arbeitsprozessen sind sie beteiligt. Lernen für die Zukunft. Besucher dürfen mitlernen.

Mit der Firma ins Grüne

Sabine Kraus will den Gästen aber noch mehr bieten. Zum Beispiel Touren durch die Umgebung: Abstecher nach Khao Lak, Krabi oder Pkuket. Eine Flussfahrt durch den Dschungel. Der Besuch des Tempels Bang Riang, wo sich ein spektakulärer Ausblick auf riesige Statuen bietet. Die Erkundung der Felsen und Höhlen. "Das bietet sich vor allem auch für Unternehmen an, die ihre Seminare mal in einer anderen Umgebung abhalten möchten", sagt die Marketing-Expertin.      Sie, die Kinder und die Helfer: Egal auf welchen Pfaden sie nach Yaowawit gefunden haben, alle haben Großes vor in der Zukunft. Dieser Geist ist ansteckend. Yaowawit, die Zapfsäule: Wer Energie braucht, kann sie hier tanken.

Christoph Stockburger


Yaowawit School and Lodge 29/55 Moo 1, Maw Kapong www.yaowawit.com Tel. +66 (0) 822838355 lodge.yaowawit@gmail.com

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