Bangkok: Die Schatztaucher im Mekong

Mit selbstgebastelten Taucherglocken trotzen mehrere Familien dem Chao Praya ihren Lebensunterhalt ab. THAIZEIT hat sie bei der Arbeit auf dem Fluss begleitet.

Mit 370 Kilometern Länge ist der Chao Phraya zwar nicht der längste Fluss Thailands, neben dem Mekong aber der wichtigste. Er ist der wasserreichste im Land und bildet mit seinem riesigen Transportnetz für Kähne, Boote, Fähren und Wassertaxis eine wichtige Verkehrsader. Als „Venedig des Ostens” war Bangkok einst bekannt, als viele der Khlongs (Kanäle) noch nicht für den Straßenbau zugeschüttet waren.

Wie eine Schlange windet sich der Chao Phraya durch Bangkok und gibt der Hauptstadt jenen Charme, den Touristen so mögen. Ein romantisches Abendessen auf dem Fluss gehört ebenso zum klassischen Besuchsprogramm wie eine Klongfahrt - zum Beispiel mit dem "Klong Guru".

Weniger bekannt hingegen ist, was der Chao Phraya noch zu bieten hat. Wer jetzt an Styroporschachteln und Plastiktüten denkt, ist dem Gewässer noch nicht auf den Grund gegangen. Ein Taucherparadies mit klarem Wasser und guter Sicht ist hier nicht vorzufinden. Dennoch gehen täglich Männer in die Tiefe und verdienen sich damit ihren Lebensunterhalt. Entlang des „River of Kings”, wie die Engländer den Fluss aufgrund seiner historischen Bedeutung gerne bezeichnen, Mitten im Stadtgebiet Bangkoks, gibt es gut ein Dutzend Schatztaucher, die sich ihren Lebensunterhalt damit verdienen, an den verschiedensten Stellen im Fluss nach Schätzen zu suchen. Ob altes Teakholz, verschiedene Metalle, Taue, Keramiken oder alte Glasflaschen, alles, was sich in Geld umsetzen lässt, gehört zum Beutegut. Gegenüber dem Klong Toei Hafen liegt, in einer Flussschleife eingebettet, Phra Pradaeng, ein Landkreis der Provinz Samut Prakan. Die knapp fünf Kilometer lange und bis zu vier Kilometer breite Halbinsel wird oft als „Grüne Lunge” Bangkoks bezeichnet und lädt zu wunderbaren Fahrradtouren ein. THAIZEIT hat dort zwei Schatztaucher besucht und mit ihnen gesprochen.

Seit 5 Generationen

Der „Senior” ist Khun Khai. Er gibt sein Alter mit Mitte 30 an, schaut mit seiner sonnengegerbten Haut und seiner schmächtigen Figur aber älter aus. Seit 18 Jahren taucht er an sechs Tagen in der Woche das ganze Jahr hindurch nach Brauchbarem in dem Gewässer und hat schon so manchen Fund geborgen. Er ist Schatztaucher in der fünften Generation und stolz auf seinen Beruf. Sein Arbeitstag beginnt morgens um acht Uhr und endet oft erst bei Sonnenuntergang. Zusammen mit seinem Sohn Khun Gae bildet er ein Team; während der eine taucht muss der andere an Bord die Sauerstoffzufuhr überwachen und darauf achten, dass keine Komplikationen auftreten. Voller Stolz ruft Khun Khai seinen Sohn, und dieser kommt mit einem typischen Klongboot vorgefahren. Darin befindet sich die Tauchausrüstung, bei deren Anblick das Abenteuer Tauchen noch an Spannung gewinnt. Tauchen....eben nicht im Meer rund um die Thailand-Inseln, sondern im Chao Phraya River. Ausserdem im Boot: Mit einem Betonring beschwerte, selbstgebaute Tauchglocke, die das nötige Gewicht verschafft um tief genug absinken zu können. Die Tauchglocke wird über einen Kompressor und einen Schlauch mit Sauerstoff versorgt.

Arbeit mit Tiefgang

Bis zu 20 Meter tief taucht Khun Khai, nur bekleidet mit einer Badehose und seiner Tauchglocke. Maximal 60 Minuten kann er auf dem Grund nach etwas Verwertbarem suchen, dann muss er wieder auftauchen. Sehen kann er unter Wasser gar nichts, schon nach wenigen Zentimetern ist die Sicht gleich null. Bei einem Probetauchgang verschwindet der Taucher im Braun des Flusses, lediglich Luftblasen lassen erahnen, wo er sich befindet. Unter Wasser, so erklärt Khun Khai, wird es dunkel, kalt und leise. Lediglich das eigene Atmen und das Dröhnen von Schiffsschrauben ist zu hören. Kommen die Schiffe nahe, wird der Lärm unerträglich und die Taucher verlassen ihre Position.

Essenziell: der Tastsinn...

In dieser schlammigen und dunklen Unterwasserwelt muss man sich allein auf seinen Tastsinn verlassen. Ein Fund ist ein Glücksfall und das Graben im Schlamm des Flusses birgt einige Gefahren. Die Hornzellen der Nägel weichen durch den ständigen Wasserkontakt auf, das Kratzen und Freilegen der Fundstücke aus dem Schlamm führt dazu, dass sich die Nägel ablösen. Ohne Handschuhe grabend sind Schnittwunden oft unvermeidlich. Erst letzte Woche hat sich Khun Khai an einer großen Eisenplatte tief in die Hand geschnitten, was ihn aber nicht davon abhielt, die Platte noch am selben Tag zu bergen. Dafür wurde an dem Stück Eisen eine Leine mit einem Stück Holz als Markierung für den Fundort befestigt. Als Nächstes wurde ein größeres Boot geholt, auf dem ein Seilzug angebracht ist. Damit bergen die Taucher ihre Fundstücke und laden sie auf das Boot. Anschließend werden die Stücke nach Gewicht verkauft.

Der Fluss als Zuhause

Je nach Glück und Fundstücken verdient Khun Khai zwischen 10.000 und 20.000 Baht pro Monat. Genügend für den Lebensunterhalt seiner Familie, weniger sollte es aber auch nicht sein, wie er gleich betont. Der letzte Dezember war ein sehr guter Monat: Die beiden Taucher konnten einen alten Anker heben und für 20 Baht per Kilo verkaufen. Das hat ihnen zu Beginn des Monats rund 20.000 Baht und etwas Entspannung eingebracht. Der Großvater hat einmal in Saphan Phut eine große Kiste mit mehreren Kilos Gold gefunden. Khun Khais wertvollster Fund war bisher eine Buddhaschale, deren Verkauf ihm mehr als 40.000 Baht eingebracht hat. Ob er mit dem Tauchen aufhören würde, wenn er auch eine Box voller Gold finden würde?

Gold oder Knochen

Khun Khai lächelt und sagt voller Überzeugung: „Der Chao Phraya ist mein Zuhause! Seit über 18 Jahren tauche ich hier fast täglich und habe immer Glück gehabt. Wir sind ein gutes Team, der Maenam und ich, etwas anderes kann ich mir gar nicht vorstellen! Nur einmal habe er unter Wasser Angst bekommen, als er eine Kiste geöffnet und darin Knochen ertastet hatte. Plötzlich bekam er keine Luft mehr und fühlte sich kraftlos. Ganz schnell legte er die Kiste wieder auf den Grund zurück, besänftigte die Unterwassergeister mit einer Respektsbekundung, einem sogenannten Wai, und tauchte nach oben. Seitdem sucht er nicht mehr so gerne unter der Sathornbrücke.

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