Birma Spezial:

Wolfgang Heinze
Wolfgang Heinze

Grosse Hoffnungen

Wolfgang, halb Birmese, halb Deutscher – in Birma geboren, in Deutschland aufgewachsen – lebt seit drei Jahren in Thailand, wegen der Nähe zu seiner zweiten Heimat. Durch seine Mutter, die nach wie vor in Birma lebt und zahlreiche Aufenthalte, kennt er das von Militärdiktatur, Bürgerkrieg und Naturkatastrophen gebeutelte Land sehr gut. THAIZEIT traf den sympathischen 31-jährigen, um seine persönliche Sicht auf das Land zu reflektieren.


Wolfgang, Du bist sozusagen zwischen zwei sehr unterschiedlichen Kulturen aufgewachsen. Fühlst Du Dich mehr deutsch oder mehr birmesisch?


Manche sagen, ich sei typisch deutsch. Andere wiederum finden ich sei sehr asiatisch oder birmesisch. Ich kann es nicht sagen. Ich denke ich habe von beiden Kulturen bestimmte Werte und Verhaltensweisen verinnerlicht. Manchmal kann ich mich auch mit keiner der beiden Kulturen identifizieren. Ich bin einfach ich!

Sprichst Du birmanisch?


Ich spreche kein birmanisch, sondern Kachin. Meine Mutter gehört dem Volk der Kachin an, die ihre eigene Sprache haben und im Norden Birmas leben. Es gibt in Birma offiziell mehr als 130 verschiedene Ethnien, die teilweise andere Schrift und Sprache haben. Darunter zum Beispiel die Karen, die auch in Thailand ansässig sind und besonders bei Touristen als „Longneck Hilltribes“ bekannt sind. Leider werden viele dieser Minderheiten verfolgt und ausgegrenzt. Viele Organisationen sprechen sogar von Völkermord in den Grenzgebieten.

Wie ist dein Standpunkt zum Tourismus angesichts der vielen Probleme in Birma?


Wer verantwortlich reist, das heißt beispielsweise nicht in staatliche Hotels geht, auf lokalen Märkten einkauft, der tut den Menschen auf jeden Fall etwas Gutes. Meine eigenen Erfahrungen waren sehr positiv. Die Menschen freuen sich über Touristen, stellen sie doch fast die einzige Verbindung zur Außenwelt dar. Das Internet – sofern es überhaupt Strom gibt – ist sehr restriktiv und Informationen beziehungsweise generell Einflüsse aus dem Ausland werden so gut wie möglich fern gehalten. Mein Eindruck war auch, dass vor allem westliche Touristen beliebt sind, da sie für westliche Werte, wie Demokratie und Meinungsfreiheit stehen. Werte, die faktisch in Birma nicht existieren.
Unter diesen Gesichtspunkten glaube ich, dass der Tourismus auf beiden Seiten Positives bewirkt: Der Reisende erfreut sich an der reichen Kultur, wunderschönen Landschaft  und aufgeschlossenen Menschen, und die Einheimischen können neben der Erweiterung ihres Horizontes auch finanziell profitieren.

Was sind die Unterschiede zwischen einer Reise in Birma und einer Reise in Thailand?


In Birma fühlt man sich um mindestens 30 Jahre zeitlich zurück versetzt. Es ist eine komplett andere Welt. Das Land ist touristisch natürlich viel weniger erschlossen, unberührter, ruhiger. Die Menschen sind wenig aufdringlich, wollen einem nicht wie in anderen Ländern ständig etwas verkaufen. Ich würde sagen, dies sind alles Vorteile, die ein „anderes Erleben“ ermöglichen. Dann spielt die Geschichte des Landes natürlich eine große Rolle. Durch die Kolonialisierung der Briten findet man viele ältere Leute, die sehr gut englisch sprechen. In Thailand ist es die junge Generation. Die Abschottung des Landes in den letzten 50 Jahren hat nur wenige ausländische Einflüsse zugelassen, was die ursprüngliche Kultur bewahrt hat.

Wie ist Deine Sicht auf die politische Situation? Hast Du Hoffnung oder einen Traum?

Ich glaube fest daran, dass man all die Probleme bewältigen kann. Birma ist in zahlreichen Rankings in Bezug auf Bildung, Gesundheit, Soziales und Menschenrechte am untersten Ende mit dabei. Es kann also nur bergauf gehen. Ich bin außerdem davon überzeugt, dass die Wahlen im kommenden Jahr die politische Landschaft verändern werden. Ich erhoffe mir durch diesen Transformationsprozess eine Stärkung der individuellen Freiheiten der Bewohner Birmas. Aber das geht nicht von heute auf morgen. Demokratisierung ist immer ein langwieriger Prozess, der auch Rückschläge in Kauf nehmen muss. Eine große Hoffnung der Burmesen ist natürlich die beliebte Politikerin und Friedens-Nobel-Preisträgerin Aung San Su Kyi, die aber aufgrund des erneut auferlegten Hausarrestes nicht an den Wahlen teilnehmen kann.

Welche Rolle spielt das Ausland?

Der Einfluss ausländischer Staaten bleibt diskutabel. Die bisherigen Sanktionen haben sehr wenig gebracht, da sie mit Hilfe von Staaten wie China, Singapur und Thailand unterwandert werden. Birma verfügt über reichhaltige Bodenschätze, wie Erdöl, Gas und hochwertige Edelsteinvorkommen. Im März dieses Jahres wurde ein 2,9-Millionen-US-Dollar-Abkommen zwischen Birma und China unterschrieben, der die Konstruktion einer Ölpipeline nach China besiegelt hat. Auch nach Thailand ist bereits die dritte Gaspipeline gerade im Bau. Durch diese jährlichen hohen Geldeinträge finanziert sich das Militärregime. Die Devisen landen schließlich auf den Konten der Generäle in Singapur.

Weitere Artikel zum Birma-Spezial

"Helfen kann man überall" Verständnis schaffen Juwel in der Krone des Empires

Tamina Duscha


Unabhängige Zeitung aus Bangkok www.irrawaddy.org Daw Aung San Suu Kyi‘s Website www.dassk.org

Wie gefällt dir dieser Beitrag?

Keine Bewertung

Deine Meinung ist uns wichtig! Bewertung abgeben


Weitere interessante Artikel