Interview mit Dr. Tarisa Watanagase:

Die mächtigste Bankerin

Dr. Tarisa Watanagase war 35 Jahre für die thailändische Zentralbank (Bank of Thailand) tätig – die letzten vier Jahre als ihre Präsidentin. Anlässlich ihres bevorstehenden Ruhestandes haben wir sie nach ihrer aktuellen Einschätzung gefragt.


Sie hat viel erreicht in ihrer Amtszeit: Angriffe von Finanzspekulanten wurden abgewehrt, die hohe Inflation konnte stabilisiert werden, die Auswirkungen der Finanzkrise wurden dank schneller Reaktion abgefedert. Außerdem hat sie verschiedene neue Finanzgesetze mit teilweise dramatischen Veränderungen umgesetzt. So ist die Zentralbank jetzt komplett unabhängig von der Politik. Wir bitten die Präsidentin zwei Tage vor ihrem Ruhestand um eine Einschätzung der Lage.

Frau Dr. Tarisa, wie ernst ist die Lage in Thailand verglichen mit den Herausforderungen der Vergangenheit?


Die Lage ist stabil, nicht zu vergleichen mit 1997. Die Asienkrise war natürlich die schlimmste Situation im finanziellen und wirtschaftlichen Bereich. Heute ist die Lage eine ganz andere und die Situation ist gut. Viele Reformen zeigen Wirkung. Die Wirtschaft war kaum betroffen von der Weltfinanzkrise 2008. Wir hatten zwei Quartale negatives Wachstum, aber seit dem zweiten Quartal 2009 wurde alles wieder aufgeholt. Eine schnelle Erholung und alle Indikatoren zeigen heute in die richtige Richtung.

Wie sieht es mit der politischen Krise aus? Viele Unternehmen investieren wieder, aber andere zögern noch.


Ich kann versichern, dass Investitionen hier gut aufgehoben sind. Die Wirtschaft und der Tourismus haben sich nach den Unruhen schnell wieder normalisiert. Wir erwarten eine sehr gute touristische Hochsaison. Der Konsum ist dank der starken Wirtschaft stabil geblieben. Und auch dank der sehr niedrigen Arbeitslosigkeit von nur 1,2 Prozent. Auch die Investitionen in Thailand sind auf einem sehr guten Niveau, sogar höher als vor den Unruhen.
Das Vertrauen der Bürger und auch der ausländischen Investoren ist zurück. Für eine Weile war der Fall Map Ta Phut ein Problem, doch auch hier ist die Ungewissheit beendet. Wir haben ein starkes, stabiles Fundament. Die Exporteure haben sich an die Nachfrage des Weltmarkts angepasst. 2015 kommt die ASEAN-Wirtschaftsgemeinschaft, der komplette ASEAN-Markt mit mehr als 500 Millionen Menschen ist dann eine Wirtschaftszone. Eine tolle Aussicht für die thailändische Wirtschaft. Das macht Thailand als Markt und Investitionsstandort sehr attraktiv. Die starke Währung ist hier keine Hinderung. Thailand könnte ein asiatischer Hub werden, in der Automobilindustrie sind wir es schon.

Brauchen wir das Freihandelsabkommen ASEAN-EU?

Es würde sicher nicht schaden. Wir haben Freihandelsabkommen mit China, Japan, Australien und vielen anderen Regionen. Das hat sich ausgezahlt. Wir exportieren allerdings schon heute mehr als 11 % unserer Waren in die Eurozone, stärkster Markt hier ist Deutschland. Das ist fast soviel wie nach China, unserem größten Markt. Die Situation ist also gut, kann aber durch ein Freihandelsabkommen mit der Eurozone noch besser werden.

Die Situation ist überraschend gut. Dennoch: Könnte das Eigenmarketing Thailands verbessert werden?

Ja. Die Auswirkungen der politischen Unruhen sollten besser kommuniziert werden – für ausländische Investoren, Politiker und auch Touristen. Die regelmäßigen Besucher unseres Landes verstehen die Situation, zum Beispiel dass nur Bangkok von den Unruhen betroffen war, nicht aber Phuket. Und sie wissen die Schönheit des Landes und den Charme der Menschen hier zu schätzen. Aber alle, die sich hier nicht so gut auskennen, sollten wir besser informieren.

Welche Aussicht haben Sie für die thailändische Zukunft?

Unser Wirtschaftssystem ist dank vieler Reformen erwachsen geworden. Wir müssen nun auch politisch erwachsen werden. Wir wollen von einem Schwellenland zu einem entwickelten Land aufsteigen, dafür müssen wir noch an der Effizienz und Langzeitproduktivität arbeiten. An der Infrastruktur, der Logistik, zum Beispiel. Wir müssen von der Straße auf die Schiene umsteigen! Unsere Landwirtschaft ist stark, wir gelten als die Küche der Welt, aber wir müssen auch hier die Effizienz verbessern. Das Bildungssystem muss dringend verbessert werden. Gesellschaftlich muss einiges passieren! Die Arbeiterklasse hat nicht genug am Wachstum partizipiert. Zusammenfassend würde ich sagen, dass wir auf kurze Sicht gut dastehen, auf lange Sicht müssen wir aber noch viel erreichen.

Mark Sonntag


Am 3. August hatte Dr. Tarisa bereits auf einem Wirtschaftsgespräch in der Residenz des Botschafters Dr. Hanns Schumacher vor führenden Vertretern der deutschen Wirtschaft in Thailand über die Situation der Wirtschaft in Thailand referiert. Der Botschafter nutzte die Gelegenheit, um sich bei der scheidenden Präsidentin der Zentralbank zu verabschieden. Außerdem überreichte er die DVD „Hochbahn nach Siam“ über die mehr als 150 Jahre bestehenden thailändisch-deutschen Beziehungen. Seit dem 1. Oktober 2010 ist Dr. Tarisa Watanagase im Ruhestand. 

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