Kambodscha:

Die Helden von Kratie

THAIZEIT begab sich in Kambodscha auf die Suche nach den letzten Delfinen des Mekongs.


Viel mehr als seine Rückenflosse gibt er nicht von sich Preis, der bedrohte Orcaella brevirostris. Man kann es ihm nicht verübeln, denn der Mensch hat es nie besonders gut mit ihm gemeint. Die Reise nach Kratie zu den letzten im Mekong lebenden Flussdelfinen bietet eine spannende Abwechslung zu Phnom Penhs wachsendem Jet-Set-Tourismus.
Die brüllende Hitze hält die Hotelgäste im Salzwasser-Pool des Blue-Lime-Hotels fest – ein ultramoderner Sichtbetonbau und die zurzeit vielleicht angesagteste Bleibe Phnom Penhs. Französische Touristinnen in bester Champagnerlaune waten durchs hüfthohe Wasser und stecken sich gegenseitig Frangipani-Blüten ins Haar. Wer die Garküchen auf den Straßen Phnom Penhs verschmäht,  kriegt im Blue Lime Coq-au-vin serviert. Innerhalb der Hotelmauern ist das Paradies ungetrübt. Die Männer mit Vorzeigekörper trinken Anchor-Bier aus Flaschen, während sie ihren Laptop auf den Knien balancieren. Sie sind im Paradies gelandet. In einem, in dem alles einen Dollar kostet. Die Taxifahrt, das Essen, ein Bier. Außerhalb der Hotelmauern halten einen die Trümmer eines bäuerlichen Utopias in Atem, die Armut und ansteckende Lebensfreude eines Landes, das zu den 50 Ärmsten der Welt zählt und einen der besten Plätze auf dem internationalen Korruptionsindex besetzt.

Khmer Pop, Bruce Lee und braunroter Staub – auf dem Weg in die Provinz


Eine halbe Million Motorräder gibt es in Phnom Penh. Auf einen kleinen Honda passen hier im Schnitt zwei Erwachsene, ein Kleinkind plus abenteuerliche Frachten wie eine Matratze oder ganze Garküchen. Mein Motorbike-Fahrer manövriert uns durch das frühmorgendliche Verkehrschaos, welches ein System kennt, das sich als Westler nur schwer durchschauen lässt. Es ist sechs Uhr morgens, Phnom Penhs Ofenhitze ist ein Frühaufsteher, der Fahrtwind schon jetzt schweisstreibend. Wir fahren an den Busbahnhof, von wo ich den ersten Bus nach Kratie erwischen will: Kratie, Heimat der Irrawaddy-Flussdelfine, die letzen ihrer Art.
Es herrscht geschäftiges Treiben. Rucksacktouristen stehen orientierungslos vor Bussen mit Destinationsangaben in Khmer. Mädchen verkaufen Zeitungen, ein Mann in Uniform dirigiert die Busse mit Hilfe seiner Trillerpfeife. Das T-Shirt hat er hoch über seinen runden Bauch geschoben – ein Phänomen, das man in Kambodscha öfters antrifft und wahrscheinlich dazu dient, sich der angestauten Hitze zu entledigen.
Im Bus läuft ohrenbetäubender Khmer-Pop. Auf dem kleinen Bildschirm über dem Fahrer schlagen sich ein paar Männer die Köpfe blutig. Minen explodieren. Menschen werden zerfetzt. Eine Mischung aus Bruce Lee und Killing Fields. Mein Sitznachbar bietet mir ein hart gekochtes Ei an. Für die kommenden sechs Stunden unserer Reise gilt sein Interesse dem Gemetzel auf dem Bildschirm, während der Bus in Richtung Nordosten ruckelt. An uns vorbei flitzen kleine Rosskutschen, Reisfelder und Kautschukplantagen, alles in den braunroten Staub in der Farbe der Wasserbüffel getüncht, die hin und wieder den Verkehr lahm legen.

Kratie – Ausgangspunkt fürs Dolphin-Watching


Der Mekong, der sich gemächlich gegen Süden wälzt, eine Uferpromenade, ein Markt, der verblasste Charme kolonialer Bauten und in der Ferne ein Hügel mit einem Tempel – das ist Kratie, viel mehr ist da nicht. Ein beschauliches, beinahe charmantes Städtchen, in das sich bis vor kurzem höchstens ein paar Aussteiger verirrten. Viel anders ist das auch heute nicht. Doch seitdem das kambodschanische Fischereiministerium und der WWF das Gebiet nördlich von Kratie zur Schutzzone des bedrohten Irrawaddy-Delfins erklärt haben, ist das Städtchen zum Ausgangspunkt für Expeditionen zu den Fluss-Delfinen avanciert. Während der Trockenzeit dümpeln diese in ein paar wenigen tiefen Flussabschnitten rund 30 Motorrad-Minuten nördlich der Stadt beim Dorf Kampi. Knapp 80 Tiere sind es heute nur noch. Das war nicht immer so. Nicht nur im Mekong sondern auch im kambodschanischen Tonle Sap, dem größten See Südostasiens, wimmelte es einst von Irrawaddy-Delfinen. Zum drastischen Schwinden der Tiere haben unter anderem Stehnetze und illegale Fischereimethoden beigetragen – und Pol Pot. Seinem Regime fielen nicht nur zwei Millionen Alte, Kranke und Intellektuelle zum Opfer, sondern auch der Orcaella brevirostris: Er wurde als lebendige Zielscheibe für Übungszwecke missbraucht und sein Fettgewebe zu Brennsprit verarbeitet, mit dem man Öllampen speiste.

Schnaubende Plattnasen – der Orcaella brevirostris

Auf dem Rücksitz des Daelims von Sun, einem WWF-Mitarbeiter aus der Umgebung, gehts weiter nach Kampi. Im Dorf angekommen steigen wir in einen kleinen Kahn, der uns über den Mekong schaukelt. «Dolphin-Watching» ist Ökotourismus. 9 Dollar kostet ein Boot für eine Stunde, das Geld wird unter den Bewohnern der umliegenden Dorfgemeinden verteilt. Auf dem Boot nebenan starrt eine Handvoll Touristen wie gebannt aufs Wasser. Sie haben sich unter das winzige Sonnendach des schmalen Kahns gedrängelt, den Zeigefinger am Auslöser, schussbereit. Wir warten darauf, dass dem einen oder anderen Säuger die Luft ausgeht und er sich wohl oder übel unserer Linse aussetzen muss. Irgendjemand summt die Strophe aus David Bowies «Heroes»: «I wish you could swim, like the dolphins, like dolphins can swim…» Und dann ist da plötzlich ein seltsames Schnauben. Zwei Rückenflossen stechen aus dem Wasser, gefolgt von Rufen des Entzückens und von unzähligen missratenen Schnappschüssen, auf denen nichts weiter als die braune Brühe des Mekongs zu sehen ist. Knapp eine Sekunde dauert das Szenario und, platsch – weg sind die Delfine, abgetaucht in die Tiefen des Mekongs. Nach rund zehn Flossen-Präsentationen zeigt sich eines der Tiere besonders wagemutig: Es streckt seinen Kopf aus der Suppe, der so platt ist, als wäre es mit großer Wucht irgendwo dagegen geprallt. Sun weiß mehr über die anatomische Eigenart des Irrawaddy-Delfins, die auf einen Eimer zurückgehen soll. Der erste Flussdelfin, so erzählt man sich, sei aus einem jungen Mädchen hervorgegangen, das sich aus Scham einen Kübel über den Kopf stülpte und sich im Mekong ertränkte. Ihr Schicksal wurde vom geldgierigen Vater bestimmt, der sie mit einer Python vermähle, in der Annahme, dass es sich bei der Schlange um einen betuchten Naturgott handelte. Doch in der Hochzeitsnacht verschlang der vermeintliche Deus die Braut. Die Eltern konnten dem Biest in letzter Minute den Bauch aufschlitzen und ihre Tochter retten, die sich nicht anders zu helfen wusste als sich einen Topf über den Kopf zu stülpen und in den Mekong zu springen. Die Naturgötter hatten Mitleid mit der Gedemütigten und schenkten ihr ein neues Leben als Flussdelfin.

Rückenflossen als Identitätskarten

Das Büro von WWF an Kraties Uferpromenade ist mit PCs ehrwürdigen Alters und einem geschmückten Plastik-Altar ausgestattet. An den Wänden hängen Fotos von Rückenflossen, die meisten davon tragen den Vermerk „dead“. Die Flossen gelten als Identitätskarte der Delfine, anhand deren die schwindende Anzahl der Tiere geschätzt werden kann. Besonders hoch ist die Jungtier-Sterblichkeit. 13 Jungtiere sterben durchschnittlich pro Jahr. Congdon teilt sich das Büro mit Verné Dove, einer australischen Veterinärin, die an den toten Jungtieren rum schnippelt und nach Antworten sucht. Etwa in den auffälligen schwarzen Flecken am Hals der Tierleichen. Diese werden von Bakterien verursacht, die Lebewesen mit schwachem Immunsystem befallen. Dove führt die Immunschwäche auf die Verschmutzung des Mekongs durch Pestizide, Malariakiller und Quecksilber zurück – letzteres ein Produkt des Amalgam-Verfahrens, wie es zur Gewinnung von Gold in laotischen Minen nördlich des Flusslaufs angewendet wird. «Hast Du sie spucken gesehen», fragt Dove, als ich mit Sun ins Büro zurückkehre. Regelrechte Spuckwettbewerbe sollen sich die Flussdelfine liefern, wenn ihnen danach ist. Habe ich nicht. Immerhin: Wenn ich auf dem Display meiner Kamera einen meiner Schnappschüsse maximal aufblase, lässt sich irgendwo im Braun des Mekongs eine verpixelte Rückenflosse erkennen – eine, die den Vermerk „dead“ noch nicht trägt.

Nicole Ochsenbein


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