Mount Kinabalu:

Borneo aufs Dach gestiegen

Eine Besteigung des Mount Kinabalu in Borneo bedeutet, sich vom Dschungel in dünne Luft zu kämpfen.


Es ist 5:45 Uhr. Ich bin um die 55, habe ein kaputtes Knie und bin gerade dabei, im Staate Sabah eine hohe Bergspitze im tropischen Norden Borneos zu erklimmen. Ich rede hier nicht von irgendeinem Berggipfel, sondern vom Mount Kinabalu, der mit seinen 4110 Metern fast so hoch ist wie der ganzjährig schneebedeckte Mont Blanc in den Französischen Alpen. Der graue Berg ist fröstelnd kalt und die Luft ist dünn. Ich zittere und meine Hände sind bereits taub vor Kälte. Gerade mal 4 Kilometer hinunter ins Hochland liegt der grüne, feuchte, insektengefüllte Regenwald. Das Zuhause der rothaarigen Orang-Utans und der gelben Doppelhornvögel.
Bereits seit 3 Uhr morgens klettern wir in dunkler Stille. Mittlerweile sind wir umgeben von Schiefer, der aus abhängenden mondgrauen Felsbrocken herausragt. Ein ziemlich unheimlicher, kalter, beängstigend ruhiger und nicht sehr einladender Ort. Mit beiden Händen dicke feste Seile umklammernd, hangeln wir uns weiter den 100 Meter steilen Berghang entlang. Schritt für Schritt höher und höher zum Gipfel über den Wolken.


Mein Kletterkompanion Vladimir schiebt sich in seiner orangenfarbenen Windbreaker-Jacke und mit einer Sonnenbrille, wie sie bevorzugt von Drogenschmugglern getragen wird, an mir vorbei und murmelt dabei schimpfend „merde, alors, zut!“ auf Franzörisch vor sich hin. „Ich hasse klettern, aber ich liebe die Berge!“, sagt er. „Du fühlst dich nirgends so allein wie auf einem Berg.“ Er arbeitet  für eine Feinschmecker-Tierfutter-Fabrik in Paris und wählt immer wieder aufs neue das abgeschiedene Hinterland Asiens für seinen Jahresurlaub.

Akute Höhenkrankheit


Zwei Mitglieder unseres Kletterteams, junge Singapur-Chinesen, AIG-Versicherungsvertreter, mit verkehrtherum aufgesetzten Nike-Baseballkappen, haben schlimme Kopfschmerzen, ihnen ist schwindelig und sie sind kurz davor, sich zu übergeben. Archibald C. Wong, einer von ihnen, sagt: „Es begann mit wirklich schmerzhaften Blähungen, dann Durchfall und Übergeben. Das nennt sich Höhenkrankheit oder AMS (Acute Montain Sickness).
Auf einem Berg besonders über der sogenannten „Todeszone“ (ab 7.000Meter) ist es oftmals fatal. Das beste Heilmittel gegen AMS heißt: Steig so schnell wie möglich wieder vom Berg ab! Die noch vorhandene Dunkelheit schwindet langsam und ein grauer Sonnenaufgang zusammen mit einem beißend kalten Wind nähert sich schnell vom Südchinesischen Meer. Hoch über Sabah stehend, dem malayischen Staat in Nordborneo, angrenzend an Kalimantan und Indonesien, thront Mount Kinabalu, der halb so hoch ist wie das beliebteste Bergsteigerobjekt – Himalayas mächtiger Mount Everest (8.800Meter).

Wachsender berg


Mount Kinabalu enstand vor 10 Millionen Jahren und zählt zu den jüngsten nicht-vulkanischen Bergen. Mit seinen hohen breiten Platten aus grauem Granit wächst der Berg fünf Millimeter pro Jahr. Vor 150 Jahren unternahm Sir Hugh Low, ein britischer Kolonnialoffizier und Naturalist, erstmalig den Versuch, diesen Dschungelberg zu bezwingen. Low und seine Mitstreiter benötigten zwei Wochen anstrengenden Aufstiegs durch dickes Buschwerk, bis sie Laban Rata auf 3.000 Meter Höhe erreichten. Eine vollständige Gipfelbesteigung wurde 1888 von einem anderen Engländer geschafft, dem Zoologen John F. Whitehead. Alpinismus, insbesondere in extremen Höhen, kann gefährlich sein. Unfälle passieren und Leute stürzen insbesondere bei Anstiegen auf den Achttausendern Lambha Pahar (K2), Annapurna, Everest und sogar vom Viertausender Mont Blanc ab. Der am meisten bestiegene und sicherste Berg ist der Mount Kinabalu. Jedes Jahr besteigen den Berg 3.000 Menchen ohne Unfälle. „Das macht durchschnittlich 100 Bergsteiger pro Tag“, so unser Reiseführer. „Aber dennoch ist der Berg über 4.000 Meter hoch und sollte mit dem entsprechenden Respekt behandelt werden. Insbesondere droht Gefahr, wenn es sehr windig ist und dadurch die eigene Sicht eingeschränkt wird.“
Unsere Trekkingtour beginnt im Kota Kinabalu Park, einem anerkannten UNESCO Weltkulturerbe. Das Basecamp befindet sich auf einer Höhe von 2.500 Metern. Dort muss man seinen Pass sowie Fotos vorlegen und die Besteigungsgebühren zahlen, in denen der obligatorische Führer bereits inbegriffen ist. Jedoch wird nur erfahrenen Bergsteigern erlaubt, über die 2.500 Meter Grenze zu klettern – und dabei gilt dasselbe wie beim Mount Everest: Ohne Erlaubnis kein Aufstieg! Neben der Parkverwaltung des Kinabalu Parks finden Kletterer komfortable Bungalows und ein Restaurant im schweizerischen Stil vor, in dem man köstliche einheimische Spezialitäten serviert bekommt. Wenn man schon mal da ist, sollte man unbedingt die wilden Sabah-Pilze probieren!
Nach dem Abendessen, sobald das Basecamp vom abendlichen Nebel eingehüllt wird, fühlt man sich von einer wunderbaren Einsamkeit umgeben. Es ist kühl im Hochgebirge und gelegentlich sind die Schreie wilder Tiere und das intensive Summen der Insekten im Wald wahrnehmbar. Der Holzbalkon des Restaurants bietet eine wunderbare Sicht auf Low‘s Peak, wenn diese vom Mondlicht beschienen wird.

Schreie wilder tiere

Tag 1: Timphon Gate, der Eingang zum Mount Kinabalu Trail. Die ersten 6 Kilometer des 14 Kilometer langen Gipfelpfades zur Laban Rata Hütte sind zunächst geradlinig und bereits gut eingelaufen. Als erstes trifft man auf längere Wegestrecken mit steilen hölzernen Treppen, gefolgt von sanften Granitplatten, die mit Seilen und Leinen versehen sind, um sich daran festzuhalten. Entlang des roterdigen Pfades gibt es sechs einfache Rastplätze, um benötige Pausen einzulegen. Der Aufstieg zum Laban Rata wird  auf 4-5 Stunden geschätzt, je nach eigener Fitness und Kondition. Mein einheimischer Sabah „Sherpa“ Guide Dawan, wiederholt immer wieder sein Motto: Langsam, aber sicher – Mister Johannes, denken sie daran, langsam, aber sicher!“ Das ist vielleicht der einzige Weg, um es bis zum Gipfel zu schaffen, besonders für die etwas beleibteren Stadtbewohner, dessen einzige sportliche Bewegung das Bewegen der Computermouse entlang des Büroschreibtisches ist. Der schlängelnde Pfad führt durch eine Bergvegetation bestehend aus langen Rhododendrons, hellen roten wilden Orchideen und pinken insektenfressenden Schlauchpflanzen. Der 750 qm große Kinabalu Nationalpark beherbergt bis zu 4.000 Pflanzenarten, viele von denen sind nirgend wo anders zu finden als hier. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass es hier mehr als 600 Arten Faun gibt. Das ist mehr als die Summe aller vorkommenden Faunarten in Afrika.

Einzigartige flora und Fauna

Es ist kein Spaziergang in und durch den Park, das kann ich Ihnen sagen! Auf dem Mont Blanc gibt es eine Seilbahn (Telepherique), welche Sie die Hälfte des Berges hinauf bringt. Den Kinabalu bringen sie nur ihre eigenen Beinmuskeln hinauf. Das ist ungefähr vergleichbar mit einem 5 Stunden non-stop Cardiotraining auf einem California WOW Fitnessgerät. Aber ohne Klimaanlage! Laban Ratas Basecamp auf 3.314 Meter erinnert mich an die rustikalen Raststätten in den Schweizer und Österreichischen Alpen. Das weiße 3-Etagen-Haus steht majestätisch auf einer Base an der Bergseite. Keine Straßen, keine Tourbusse, keine Autos, keine sportlichen Geländewagen und keine Pick-up-Trucks. Es gibt nur einen Hubschrauberlandeplatz für Notfälle und zum Rettungstransport. „Hotel“ Laban Rata ist kein besonders luxuriöses Bergresort, aber ein Berghostel mit  simplen, an ein Studentewohnheim erinnernden Unterkünften, Elektrizität und heißem Wasser. Die immer gut besuchte Cafeteria bietet einfache warme Mahlzeiten und Frühstück an. Das Beste ist aber der einzigartige Sonnenuntergang, der für ein tolles digitales Kodakmoment sorgt, in dem man viele polyglotte oohs, aahs und das Klicken der Kameras hört. Tag 2: Ein unbarmherziger Weckruf um 2 Uhr morgens, gefolgt von einem leichten Frühstück. Um 3:05 Uhr starteten wir unseren letzten „Angriff“ auf den Berg. Bis zu den sanften Granitpisten sind die Steilhänge dank solide gezimmerter Holztreppen schnell geschafft. Was folgt, sind gesicherte Seile und steile Felsvorsprünge. Es ist pechschwarz und man kann nur das Flackern der Stirn-  und Taschenlampen wahrnehmen, die als einziges auf Wanderer hinweisen, die an stabilen Seilen festhalten und sich an den Felsvorsprüngen entlang hangeln. Die schnelleren Gruppen überholen die langsameren. Es gibt keinen Small Talk, keine Mobiltelefone. Das einzige, was zu hören ist, sind tiefe Ein- und Ausatmungen und ein Husten. Der Himmel wird langsam dunkelgrau und die Konturen des Berggipfels zeichnen sich langsam ab. 5:54 Uhr erreichen wir den Gipfel. Ein einsamer Platz ohne jegliche Vegetation. Nur ein paar Felsen und ein großes metallenes Schild gesichert mit Kabeln. Der Wind hier oben ist schneidend kalt. Während wir über Borneo stehend in die Weiten schauen, tasten wir alle mit unseren Handschuhen nach unseren Digitalkameras, um ein sich nahezu aufdrängelndes Foto zu schießen. Während Vladimir sein deutsches LEICA Fernglas auspackt, gratuliert mir Dawan, mein Guide. Im Gegensatz zu mir dachte er nicht, dass ich bis zur Spitze durchhalten würde. „Vlad“ lächelt und wiederholt die Worte von Sir Edmond Hillary „We kicked the bugger off“.

Eisiger wind auf einsamen gipfel

Irgendwo über dem Südchinesischen Meer geht die Sonne auf. Noch mehr Gipfelfotos, Click, click, click, Voila! Aber ich selbst bin zu steif vor Kälte, um mehr Knöpfe zu drücken. Mit 50 + warnt mich mein Körper, mal einen Gang runter zu fahren, denn es ist zu kalt, zu hoch. Es ist Zeit, ein wenig zurückzutreten. Der Abstieg ist eine kniebrecherische fünfstündige Kletterübung, die hauptsächlich aus hüpfen, treten, ausweichen besteht. Wieder im Mount Kinabalu Park angekommen kann man sich in der Parkverwaltung  eine Urkunde, ganz nach dem Motto„Ich habe den Mount Kinabalu erklommen“, aushändigen lassen. Übrigens, nach der 18-stündigen Kletterung bietet sich zur Behandlung all der schmerzenden Muskelgruppen ein gutes langes Thermalbad in einer natürlich heißen Schwefelquelle im Poring Resorts an – in der Bergarbeiterstadt Sandekan. Trotz des länger andauernden Muskelkaters, der mich nach der Expedition für eine Woche wie eine Ente laufen ließ, fühle ich mich mittlerweile trainiert genug, um den Mount Everest, den K2 oder auch den Kilimanjaro zu besteigen.
Wenn es dafür irgendwelche Sponsoren gibt, lasst es mich wissen.

Johannes Lindgren, Übersetzung: Agnes Deblond


Anreise
Mount Kinabalu ist zwei Stunden von Kota Kinabalu, der Hauptstadt von Sabah, im nördlichen Teil Borneos, entfernt. Von Bangkok aus fliegen täglich die Airlines Malaysian Airlines oder Air Asia nach Kuala Lumpur mit einem jeweiligen Anschlussflug nach Kota Kinabalu.

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