School for Life in Thailand:

Kleine Zwerge mit großem Lebensmut

Die School for Life hilft Kindern Thailands, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. THAIZEIT im Gespräch mit Professor em. Dr. Jürgen Zimmer, dem Gründer der Schule des Lebens und weiteren tatkräftigen deutschen Helfern.


„Ich werde sterben. Natur nimm deinen Lauf.“ In ein Krankenhaus wollte die 86 Jahre alte Gisela Zimmer nicht, als der Arzt ihr mitteilte, dass ihr die Leukämie nur noch wenige Monate lassen würde. Anstelle der Bettruhe organisiert die starke Frau an ihren letzten Wochen ein Wohltätigkeitskonzert in der größten Stadtkirche Lindaus. Doch wenige Tage vor dem Ereignis verlässt Frau Zimmer diese Welt.
Das Konzert wird zur Beerdigungsfeier, auf der sich tausend Menschen und hundert Musiker verabschieden, und zugleich 20.000 D-Mark für einen guten Zweck hinterlassen. Die Spende, die den Abschluss eines Menschenlebens markiert, ist zugleich Quelle für neues Leben, das Leben der aus extrem armen und schwierigen Verhältnissen stammenden Waisenkindern. Ihr Sohn, Prof. Dr. Jürgen Zimmer, gründet mit den Spendengeldern die School for Life, Schule des Lebens, für thailändische Kinder, die sich das Recht auf eine Zukunft zurück erobern wollen.

Cob lebte in einer Kiste


Die Widerstandskraft und der starke Lebensmut der oft mehrfach traumatisierten Kinder sind das wohl beeindruckendste Merkmal der Schule. Eingesperrt in eine Kiste lebte der kleine Cob nach dem Tod seiner Eltern. Die Großmutter war überfordert. Er konnte nicht sprechen, wusste nicht wie er die Toilette benutzen sollte und war kaum lebensfähig, als er von der School for Life aufgenommen wurde. Auf dem Gelände der Schule, in den Bergen nördlich von Chiang Mai im königlichen Forst, schob Cob wochenlang ein Fahrrad vor sich her und erkundete Schritt für Schritt die große weite Welt. Eines Tages kletterte Cob auf einen Hügel, schwang sich auf den Sattel und raste den Abhang hinunter. Sein Selbstvertrauen wuchs mit der Zeit. Heute ist er Führer seiner Familiengruppe, lebensfroh, sozialisiert, und sein Trauma ist Vergangenheit.

Jimmy aß rote Erde


Der kleine Jimmy kam mit roter Haut in die School for Life, und erst als man eines Tages sah, wie er hinter einem Pickup auf dem Boden hockte und die rote Erde an den Reifen ableckte, erschloss sich die Ursache für seine „Hautkrankheit“. Jimmy hatte sich genau richtig verhalten, so der Doktor, denn die rote Erde lieferte ihm wichtige Mineralstoffe, als er versuchte, im Wald zu überleben. Langsam begann Jimmy in der School for Life, wieder normale Nahrung anzunehmen. Heute ist er ein lebensfroher, gesunder, lebhafter Junge. Ein Mädchen riss sich vor lauter Selbsthass die Haare aus, nachdem es als vermeintliche Diebin verachtet und mit Steinen aus ihrem Dorf vertrieben wurde. In der School for Life hat sich die Kleine voll integriert und zeigt sich wieder mit voller Haarpracht. 

Laut UNESCO Schulkonzept von Weltklasse

Das Bildungskonzept von Jürgen Zimmer, der mit einem Bein in Thailand steht, als Professor emeritus und Gründer der Internationalen Akademie für innovative Pädagogik, Psychologie und Ökonomie, und mit dem anderen an der Freien Universität Berlin, wurde inzwischen von der UNESCO als „much needed world class innovative effort in the field of education“ und als „…new standard of educational excellence for the world community of the 21st century“ eingeschätzt. Im Vordergrund der Schule steht der Bezug zum wirklichen Leben. Ein Kind aus sehr armen Verhältnissen hat in Thailand oft nicht die Chance, in den ersten Arbeitsmarkt zu gelangen, aber es kann das Schichtensytem mit einem oft verkannten Potential durchbrechen: dem Unternehmensgeist eines Straßenkindes, so Jürgen Zimmer. Er sieht die Kinder als Risikonehmer, die morgens aufwachen, nicht genau wissen, wie sie den Tag überstehen sollen und es dennoch schaffen, kleine einkommensgenerierende Maßnahmen zu entwickeln. „Kinder, die auf sich allein gestellt leben mussten, haben gelernt, kreativ und innovativ Probleme zu lösen. Wir wollen dieses Potential fördern. Leider meint mancher Pädagoge, solche Ideen unterbinden zu müssen, weil nun gerade Mathematik auf dem Lehrplan steht.“

Lektion Fischteich

Die staatlich anerkannte, private Social Welfare School orientiert sich an dem thailändischen Lehrplan, sodass die Kinder ihren Highschool-Abschluss erwerben können. „Sie lernen aber auch Probleme in der Wirklichkeit außerhalb des Klassenraumes zu erkennen und zu lösen. Nehmen wir an, wir brauchen pro Monat einige hundert Kilo Fisch für die Küche“, erklärt Jürgen Zimmer, „dann stellt sich die Frage, woher bekomme ich im Norden so viel Fisch? Die Kinder legten als Antwort einen Fischteich an und nutzten zugleich Kenntnisse der angewandten Mathematik, Biologie und Chemie. Sie werden zu Problemlösern. Wie mache ich die Fische ‚glücklich‘, so dass sie viele Junge bekommen und gut wachsen? Wie hoch sind meine Investitionskosten und meine Erträge? Wie bekomme ich das Wasser sauber, wenn Pumpen zu teuer sind? Die Kinder lösten dieses Problem mit Hilfe kleiner Reisfeldfische, die kostenlos das Wasser reinigten. Doch dann kamen die Schlangen und fraßen die Fische, und das Lernen ging weiter“, berichtet der Gründer der Schule. Vor allem verantwortliches, nachhaltiges Handeln wird in der School for Life groß geschrieben. Dies zeigt sich auch in den anderen Teilen des Lehrplans, zum Beispiel in der organischen Landwirtschaft, dem Recycling oder dem kulturell sensitiven Tourismus. Die Gäste lernen von den Kindern, die ihnen die thailändische Kultur nahebringen, kochen mit ihnen und erkunden die Natur. Die Kinder lernen Englisch und den Umgang mit Besuchern. Viele Deutsche unterstützen die Schule. Maria, derzeit Praktikantin in der School for Life, resümiert: „Kindern aus armen Verhältnissen wird hier ein liebevolles Zuhause und eine Bildung nah am Leben und seinen Herausforderungen ermöglicht. Lernen in praktischen Projekten und realen Lernfeldern gibt den Kindern die Möglichkeit, selbständig nach Lösungen für Probleme zu suchen.“ Neben deutschen Praktikanten und vielen deutschen Patenschaften wird die School for Life durch ein jährlich organisiertes Workcamp junger Deutscher unterstützt.

Junge Deutsche zeigen Einsatz

Die 26-jährige Anne studiert Tourismus und internationale Entwicklung und organisierte für die Kinder im vergangenen August erneut ein dreiwöchiges Workcamp, das junge Leute motivierte, ordentlich anzupacken. Unter anderem wurden ein Dach gedeckt, ein Weg angelegt, eine Sportolympiade und ein Indianertag veranstaltet, es gab eine Nachtwanderung und eine Dschungeltour. Die Workcampteilnehmer sprechen über ihre Erlebnisse: Christiane, 20 , studiert nahe Hannover Betriebswirtschaft: „Mich erstaunt das selbstständige Verhalten der Kinder. Auf einer Wanderung haben uns die kleinen Mädchen an die Hand genommen und durch den Dschungel geführt und sich sehr aufmerksam und liebevoll um die Gruppe gekümmert. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass sich Kinder in Deutschland in so jungen Jahren schon so verantwortlich zeigen.“ Markus, 20, studiert in Freiburg Medizin: „Die Kinder sind hier sehr stark mit der Natur verbunden, sind ständig von all ihren Freunden umgeben und haben zahlreiche Sport- und Freizeitmöglichkeiten. So eine Kindheit wünscht sich doch jeder. In Deutschland fängt ein Kind an zu weinen, wenn es nicht das neuste Spielzeug bekommt. Hier fängt ein Kind vor Freude an zu springen, wenn es einen Käfer im Wald findet.“ Sandra, 23, Workcamp-Teilnehmerin, studiert soziale Arbeit in Köln: „Ich finde es wichtig, dass wir die Kinder nicht als Problemfälle sehen, sondern als normale Kinder. Ich habe eine Tanzgruppe organisiert und im Indianerprojekt haben wir die Kinder geschminkt, mit ihnen Schmuck gebastelt und ein Tipi gebaut. Die Kinder hier sind richtig kreativ. Ich kann von ihnen eine Menge lernen, deswegen kann ich von dieser Arbeit auch nie genug bekommen.“ Ingmar, 26, studiert in Hamburg Außenwirtschaft: „Das Betreuungskonzept bewundere ich. Die Kinder leben gemeinsam in verschiedenen Familien auf dem Gelände und haben Ersatzmütter und -väter anstelle einer anonymen Internatsleitung.“

Indianerspiele

Die School for Life hinterlässt weiterhin in Thailand und weltweit Spuren. Es entstand eine zweite School for Life im Jahre 2005, dem Jahr des Tsunamis, als Antwort auf den Hilfeschrei einer Lehrerin in einem Dorf namens Namkem: die Beluga School for Life (THAIZEIT berichtete). Auf Bali wurde in Anlehnung eine Green School mit streng ökologischem Ansatz errichtet. Die Gebäude sind nur aus Bambus gebaut, und es wird ausschießlich die Energie des Wassers genutzt. Außerdem gibt es eine School for Life in Tansania und Anfragen aus weiteren Ländern. Es zeigt sich also ein erkennbares Bestreben, Armut weltweit auf nachhaltige Weise zu bekämpfen.

Christin Grothaus


WIE KÖNNEN SIE HELFEN? Patenschaften Ein Kind braucht für Lebensunterhalt und Bildung im Monat 70 Euro, ein vergleichbarer Internatsplatz in Deutschland kostet 2.000 Euro. Betriebe und Schulen können ebenfalls Patenschaften übernehmen. Besuch Gäste können in Bungalows auf dem Schulgelände unterkommen, mit den Kindern gemeinsam kochen, Ausflüge unternehmen und Natur und Kultur einmal fernab vom Massentourismus authentisch erleben. School for Life Workcamp August 2010, Anmeldung unter www.workcamps.kolping.de Spendenkonto Hilde Robinsohn Stiftung Verwendungszweck: Schule des Lebens Berliner Sparkasse BLZ 10050000 Kto. 2040010036 www.school-for-life.org

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