Slash in Bangkok:

Lebende Legende und Computerheld

Der Gitarrengott geht Solopfade. Ohne Zigarette, aber mit Herzschrittmacher.


Die unendliche Geschichte des Rock’n’Roll: Eine Band findet sich, macht Musik, die Leute mögen sie, die Band nimmt ein Album auf, die Leute kaufen es, die Band gibt Konzerte, die Leute kommen, sie werden Fans, die Band geht wieder ins Studio, nimmt ein Doppelalbum auf, die Fans lieben es, es werden immer mehr Fans, die Band gibt Konzerte in Fußballstadien auf allen Kontinenten, ausverkauft, MTV, Sex, Drogen, ganz viele Drogen, die Fans lieben die Band, aber die Band hasst die Band, das Ego des Sängers so groß wie ein Fußballstadion, Streit, Anwälte statt Roadies, Entzugskliniken, der Gitarrist steigt aus, ein Album floppt, schließlich: Trennung.

Die unendliche Geschichte des Rock’n’Roll am Beispiel Guns’n’Roses. Dem letzten dicken Ding des 20. Jahrhunderts. Axl Rose, Slash, Duff McKagan, Matt Sorum und die unterwegs verloren gegangenen Izzy Stradlin und Steven Adler: Ein König und seine Fürsten beherrschten die Welt. Das war vor 20 Jahren.

Und heute? Heute spielt Slash in Bangkok. Er hat sein erstes Soloalbum veröffentlicht und ist auf Welttournee. Mit McKagan, Sorum und Stradlin bildete er in den vergangenen Jahren Velvet Revolver, also Guns’n’Roses ohne Rose. Die Band feierte Respektserfolge. Im Nebenberuf ist Saul Hudson, so der bürgerliche Name Slahs, Computerheld. Bei Guitar Hero kann man in seine Haut schlüpfen, das Videospiel ist ein Verkaufsschlager.
In die Haut von Slash schlüpfen, das bedeutet, einen Herzschrittmacher tragen. Mit 35 bekam er das Gerät eingepflanzt. Er hat es überlebt, so wie er das Koks, das Heroin, den Wodka und Axl Rose überlebt hat. Heute ist er sogar Nichtraucher. Für sein Soloalbum hat er Freunde ins Studio eingeladen, von Fergie, der Schönen von den Black Eyed Peas bis zu Lemmy Kilmister, dem Biest von Motörhead. Zusammen mit Fergie ist er in der Halbzeitpause des Super Bowl aufgetreten.
Slash ist gut im Geschäft.

Der Vorteil von Lederhosen


Er war ja immer irgendwie sympathisch. Ein Mann der Tat, ohne große Worte. Gib ihm eine Gitarre, stell ihn auf die Bühne, dann ist er zufrieden – das ist auch die Quintessenz seiner fast 500 Seiten dicken Autobiografie. Der schweigsame Held erzählt darin von seinem jahrelangen Junkie-Dasein und gibt dem Leser einen Backstage-Pass für die alten G’n’R-Tage. Am Ende steht die Erkenntnis, dass es eine Wiedervereinigung der Band so schnell nicht geben wird und man Slash auch bitteschön nicht darauf ansprechen darf, sollte man ihm auf der Straße begegnen.
Außerdem wird folgende Weisheit notiert: Pinkelt man sich nach einem Alkoholexzess selbst an, ist es ratsam, Lederhosen zu tragen. Zitat Slash: "Sie vergeben Dir schneller als Jeans". 

Die Show in Bangkok: Slash steht auf der Bühne und alles ist wie immer, also Zylinder, Sonnenbrille, Gitarre, Krauselocken, Lederhosen. Das ganze Kostüm eben. Nur ohne Zigarette. Um ihn herum stehen vier andere Musiker, der Rhythmusgitarrist und der Drummer erledigen präzise und unspektakulär ihren Job, der Bassist scheint einfach nur glücklich zu sein, mit Slash spielen zu dürfen und wirft Plektren ins Publikum als bekäme er für jedes Teil einen Dollar. Myles Kennedy, der Sänger, klingt nach Axl Rose und sieht ihm auch ein bisschen ähnlich, aber seinen Part gibt er brav mit der von ihm erwarteten Zurückhaltung. Die Regel lautet: Der Slash ist der Star. Und so gibt es an diesem Abend 21 Songs mit 21 Gitarren-Soli. Myles Kennedy kann sich ein leises Lächeln nicht verkneifen, als er die Bühne zum zwölften Mal für Slash und sein Gitarrengewitter räumen muss.

Glückseligkeit im Mosh Pit

Auf der Set-Liste stehen Velvet-Revolver-Songs und Stücke vom neuen Album und natürlich ein paar Guns’n’Roses-Klassiker. Es dauert, bis das Publikum zum ersten Mal Lärm macht, aber der Moment ist dann umso großartiger: Einer Gitarrensolo-Version von dem Titelstück aus Der Pate entschlüpft Sweet Child of Mine. Mehr Glückseligkeit im Mosh Pit herrscht nur beim allerletzten Stück des Abends: "Take me down to the Paradise City/ Where the grass is green and the girls are pretty/ Oh won’t you please take me home".
Paradise City steht immer noch, aber die Bewohner haben sich geändert. Statt blanken Brüsten werden in den vorderen Reihen Mobiltelefone in die Höhe gehalten, einer filmt sogar mit seinem iPad. Nicht auszudenken, was die Kuttenträger früher mit diesem Typen angestellt hätten. Auf der Facebook-Seite von Slash erscheint unterdessen hinter jedem Eintrag ein eigens für den Star erfundenes Emoticon – wohl eine Reminiszenz an seinen Job bei Guitar Hero.
Der Slash aus Fleisch und Blut ist sich treu geblieben. Er ist der Sohn, den Keith Richards niemals hatte. Macht keine großen Worte und lässt die Saiten sprechen. Zum Schluss des Konzerts noch eine Durchsage am Mikrofon: Danke Bangkok, du warst natürlich "fucking awesome".  

Christoph Stockburger

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