Thailand:

Zwischen Armut und Zuversicht

Die Situation der Menschen im ärmsten Teil Thailands – und wie diese nachhaltig verbessert werden kann. Zwei private Initiativen, die teilweise mit deutschem Geld finanziert wurden, machen Hoffnung.


Bangkok ist die glitzernde Metropole eines sich rasch entwickelnden Schwellenlandes, das in den Gewerbegebieten rund um die Hauptstadt und an der Ostküste leistungsfähige Industrien angesiedelt hat und fast 16 Millionen Touristen im Jahr mit seiner reichen Kultur und den traumhaften Stränden im Süden des Königreichs anzieht.
Thailand positioniert sich nun als Drehscheibe für den Handel der neuen ASEAN-Gemeinschaft plus China und Indien und investiert dafür stark in die Infrastruktur. Das ist eine hervorragende Entwicklung – die die traditionelle Lebensgrundlage des Landes in den Schatten stellt: die Landwirtschaft. Thailand ist zwar nach wie vor der wichtigste Reisexporteur der Welt, allerdings trägt dies kaum noch zum Bruttoinlandsprodukt bei. Die gesamte Landwirtschaft macht weniger als zehn Prozent des BIP aus.
Dennoch lebt jeder dritte Thai nach wie vor von der Landwirtschaft, die meisten von ihnen im ländlichen Nordosten des Landes. Hier ist die Welt nicht so glitzern wie in Bangkok – im Gegenteil. Die Region das den Sprung ins Industriezeitalter noch nicht geschafft. Insbesondere in den Grenzregionen zu Laos und Kambodscha herrscht teilweise große Armut.

Armut und Landflucht

Wie vor tausend Jahren leben die meisten Menschen im Nordosten von der Landwirtschaft, hauptsächlich vom Reisanbau. Der typische Reisbauer bewirtschaftet mit seiner Familie zwei bis drei Hektar Land und konsumiert den Großteil seiner Ernte selbst. Der Überschuss wird für durchschnittlich rund 500 Euro verkauft – das ist oft das gesamte Jahreseinkommen für eine vielköpfige Familie auf dem Land. Die Bauern stehen vielen Problemen gegenüber: Die Fruchtbarkeit der Böden nimmt ab, die Preise für Reis sind niedrig. Alternativen fehlen, der Bildungstand der Landbevölkerung ist sehr niedrig. Die meisten Familien befinden sich seit Jahren in einer Schuldenspirale. Die Jugend wandert ab und mit ihr die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Dennoch gibt es Möglichkeiten auf ein gutes Auskommen aus der Landwirtschaft, auch im Nordosten Thailands. Zwei private Initiativen, die mit deutschen Geldern unterstützt werden, machen es vor: Die Thai-German Development Foundation und die Progressive Farmers Association. Beide wurden beziehungsweise werden von der Deutschen Welthungerhilfe und der deutschen Entwicklungshilfe gefördert. Der Macher hinter beiden Organisationen ist Montri Gosalawat. Er hat für sein Engagement für die deutsche Entwicklungsarbeit in Thailand bereits das Bundesverdienstkreuz erhalten.

Besuch von Bundestagsdelegation und THAIZEIT

Auf Einladung von Montri Gosalawat haben eine Bundestagsdelegation und die THAIZEIT die Arbeit der beiden Organisationen in Ubon Ratchathani und Mukdahan besichtigt. Die ASEAN-Parlamentariergruppe des Deutschen Bundestages unter Leitung von Dr. Thomas Gambke wollte einen Einblick bekommen, wie die teilweise mit deutschen Steuergeldern unterstützten Maßnahmen den Menschen nachhaltig geholfen haben. Der Vertreter der Deutschen Botschaft, Dr. Thomas Multhaup, überreichte bei der Gelegenheit einen Scheck über eine Million Baht. Das Geld aus Mitteln der Kleinstprojektförderung der deutschen Botschaft Bangkok wird für den Bau einer weiteren Lagerhalle für Jasmin-Reis verwendet, die durch die steigenden Mitgliederzahlen der Progressive Farmers Assocation erforderlich ist.

Mehr als 10.000 Bauern geholfen

Seit fast 25 Jahren unterstützt die gemeinnützige Progressive Farmers Association (PFA) hilfsbedürftige Bauern in einer der ärmsten Regionen Thailands, dem Dreiländereck zwischen Thailand, Laos und Kambodscha. Insbesondere in den nordöstlichen Provinzen Ubon Ratchathani und Amnat Charoen ist die PFA aktiv, um mit nachhaltigen Entwicklungshilfeprojekten das Leben der Bevölkerung dauerhaft zu verbessern. Die Progressive Farmers Association ist eine Genossenschaft mit heute mehr als 600 Mitgliedern, die mit Mitteln der deutschen Entwicklungshilfe und der Deutschen Welt-hungerhilfe gegründet wurde. Seit 1986 hat die PFA über 10.000 Bauern geholfen, ihre Lebensverhältnisse eigenständig zu verbessern. Die Genossenschaft ist heute einer der größten Produzenten von Jasmin-Reis in Thailand. 2010 haben die 557 Bauern aus 123 Dörfern fast 3.000 Tonnen organischen Jasmin-Reis nach Europa exportiert. Das Prinzip der PFA heißt Initialhilfe. Mit Kleinkrediten und konkreter Anleitung werden Projekte gefördert, die anschließend selbständig weiterlaufen und dauerhaft Einkommen generieren. Eine besonders erfolgreiche Initiative sind die Bank-Projekte, zum Beispiel die Reis-Bank. Da der Preis für Reis zur Ernte am niedrigsten ist, bekamen die Bauern immer diesen niedrigsten Preis. Die PFA-Genossenschaft kauft den Reis jetzt zu höheren Preisen von ihren Bauern und lagert diesen ein. Zu einem späteren Zeitpunkt kann der Reis dann zu einem höheren Marktwert gehandelt werden. Durch dieses einfache Konzept und die Investition in Reislager konnten die Erträge der Bauern dauerhaft um bis zu zehn Prozent angehoben werden.

Mikrokredite als Initialförderung

Die Büffel-Bank ist ein ähnliches Projekt. Die wenigsten Bauern in den armen Provinzen Thailands besitzen eigene Traktoren oder andere landwirtschaftliche Maschinen. Zur Ernte müssen diese gemietet werden. Oder es werden Büffel eingesetzt – allerdings besitzen viele Bauern auch keinen Büffel. Die PFA stellt Bauern durch Mikrokredite finanzierte, fruchtbare Büffelkühe zur Verfügung, die zur Ernte eingesetzt werden und sich darüber hinaus vermehren. Das erste Kalb und die geraden Nummern des Nachwuchses behalten die Bauern, die ungeraden Nummern gehen zurück an die PFA, die diese aufzieht, schult und wiederum neuen Bauern zur Verfügung stellt. So entsteht ein positiver Kreislauf, der zu verbesserten Erntebedingungen und höherem Einkommen führt. Erwünschte Nebeneffekte: Büffel können verkauft werden und verdoppeln mit rund 400 Euro Erlös beinahe das Jahreseinkommen durch Reisanbau. Außerdem kann der Reis mit Bio-Kompost gedüngt werden, was wiederum die Einnahmen erhöht – denn organischer Reis kann teurer verkauft werden. Im Augenblick sind 1.500 Büffel für die PFA im Einsatz. Die PFA unterrichtet die Bauern auch in neuen landwirtschaftlichen Ansätzen. Zum Beispiel durch Fischzucht in den zur Regenzeit überfluteten Reisfeldern. Die Fische pflegen und düngen die Felder quasi nebenbei und dienen im Anschluss als wertvolle Nahrungsquelle. Ein anderes Beispiel ist die Aufforstung durch Gummibäume. Mehr als 2.000 Hektar der Nutzbäume sind mit Krediten der PFA angelegt worden und bringen mit der Gummiernte ein gutes Einkommen für die Bauern. Der Waldbestand hat sich in der Region dadurch um 20 Prozent erhört und trägt so zum Klima- und Erosionsschutz bei. Das neuste Beispiel für Entwicklungshilfe ist eine Rückbesinnung auf alte kulturelle Fähigkeiten: Seidenproduktion. Die PFA fördert die Seidenproduktion und schult die Jugend in den erforderlichen handwerklichen Voraussetzungen. Das Ziel ist es, den jungen Menschen dieser Region durch eine breitere Palette von Erwerbsmöglichkeiten eine bessere Perspektive für die Zukunft zu erschließen – und die Abwanderung in die Städte zu stoppen. Auch die Thai-German Development Foundation setzt auf Kleinkredite und Hilfe zur Selbsthilfe. In vielen kleinen Einzelprojekten, oft unterstützt durch die Deutsche Welthungerhilfe, wird Bauern die Möglichkeit gegeben, sich neue Einkommen zu erschließen. Zum Beispiel durch Kredite für Tierzucht oder eine Reismühle. Ein besonderer Schwerpunkt des Thai-Ger Fund sind die Förderung von Kindern und Jugendlichen, Frauen und ethnischer Minderheiten. Im Rahmen der Reise nach Ubon Ratchathani und Mukdahan habe ich Bauern getroffen, die sich dank der Organisationen einen bescheidenen aber ausreichenden Lebensunterhalt erarbeiten können. Ich habe die genossenschaftlich organisierten Bauern getroffen, die bereits einiges erreicht haben, aber auch einzelne Familien, die im Grenzgebiet zu Laos mit bloßen Händen dem trockenen Boden eine kleine Ernte abtrotzen. Hier ist die Entwicklung stehen geblieben und es herrscht Armut und vielfach auch Hoffnungslosigkeit. Aber überall da, wo die PFA und der Thai-Ger Fund aktiv sind, ist es etwas besser. Und es kehrt Zuversicht zurück.

Mark Sonntag


Progressive Farmers Association (PFA) 1986 gegründet, unterstützt die Organisation hilfsbedürftige Bauern in den nordöstlichen Provinzen Ubon Ratchathani und Amnat Charoen als Genossenschaft mit mehr als 600 Mitgliedern. Die PFA wurde mit Mitteln der deutschen Entwicklungshilfe und der Deutschen Welthungerhilfe gegründet und ist heute einer der größten Produzenten von Jasmin-Reis in Thailand. Vorstand (Auswahl) Ob  Thongkaimook (Präsident) Montri Gosalawat (Generalsekretär) Progressive Farmers Association 73 Prathetturakit Road, Ubon Ratchathani 34130 Tel. +66 (0) 4548 1145 E-Mail pfa_pfb_th@hotmail.com Spendenkonto: TMB, Trakarnphutphon Branch, Ubon Ratchathani, Konto-Nr.: 329-2-61283-9 Thai-German Development Foundation (Thai-Ger Fund) Die gemeinnützige Hilfsorganisation wurde 1983 gegründet, um durch Projekte im ländlichen Raum Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Die private Stiftung arbeitet unabhängig von Regierungen und fördert die landwirtschaftliche Entwicklung im ärmsten Teil Thailands. Die Deutsche Welthungerhilfe unterstützt die Projekte der Organisation finanziell mit dem gemeinsamen Ziel, die Armut in Thailand zu verringern und die Lebensqualität zu erhöhen – insbesondere für Not leidende Bauern in abgelegenen Gebieten. Thai-Ger Fund engagiert sich vornehmlich in Kleinprojekten, die konkret Einkommen generieren. Dabei achtet die Organisation auf Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Auch die Bereiche Bildung und Minderheitenschutz haben eine hohe Priorität. Auch die Deutsche Botschaft Bangkok unterstützt den Thai-Ger Fund. Vorstand Apilas Osatananda (Vorsitzender) Montri Gosalawat (Geschäftsführer) Pimpa Wongvorakul (Generalsekretär) Poonsri Thongkaimook Napaporn Landy Rolf Kröll Pichai Tinsuntisook Thai-German Development Foundation 49/12-13 Viphavadee Rangsit Soi 22, Chatuchak, Bangkok 10900  Tel. +66 (0) 2938 6760-2 E-Mail info@tgf.or.th, www.tgf.or.th Spendenkonto: Bangkok Bank, Zweigstelle Pradipat, Konto-Nr.: 1134300092

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