Thailands Star-Regisseur:

Was Joey auf die Palme bringt

Apichatpong Weerasethakul ist Thailands berühmtester Regisseur und größtes Enfant Terrible. THAIZEIT hat den Filmemacher interviewt und stellt ihn in einem Porträt vor.


Einen Interviewtermin mit Apichatpong Weerasethakul zu bekommen ist mindestens so schwer, wie sich dessen Namen auf Anhieb zu merken. Aber mit etwas Geduld kann beides klappen. Und wie viele andere Thailänder hat sich auch Herr Weerasethakul dankbarerweise einen für westliche Zungen bequemen Spitznamen zugelegt: Joey.
Joey sei schwer zu erreichen, viel unterwegs, heißt es bei ersten Anfragen für ein Gespräch. Von anderen hört man, Joey sei immer noch erschöpft von den aufregenden Maitagen in Cannes und Bangkok. Er meditiere jetzt viel, sei erstmal untergetaucht.
Im Juli taucht er plötzlich auf. Ja, ein Interview sei möglich, vielleicht sogar ein Treffen. Näheres in Kürze. Ein paar Tage später muss alles ganz schnell gehen. Herr Weerasethakul sei jetzt am Flughafen von Bangkok, seine Maschine gehe in einer Stunde, er müsse verreisen, unklar wie lange, aber bevor er davonschwebe habe er Zeit für ein Gespräch. Ein Interview. Jetzt. Oder nie?
„Joey, wo steht Ihre Goldene Palme?“ Die Stimme am anderen Ende des Hörers ist sanft, im Hintergrund krächzen Flughafenlautsprecher. „Sie steht auf meinem Esstisch. Wenn ich zurückkomme, werde ich sie auf eine Party mitnehmen müssen und deshalb habe ich sie dort platziert, damit ich sie nicht vergesse.“

Gute Erfahrungen in Deutschland


Am Apparat ist Apichatpong Weerasethakul, geboren am 16. Juli 1970, die Eltern sind Ärzte. Er wächst im Nordosten von Thailand auf und studiert Architektur. Mitte der Neunziger geht er nach Amerika um an der Kunsthochschule von Chicago ein zweites Studium abzuschließen. Mit 29 gründet er seine eigene Filmproduktionsfirma: Kick the Machine. Der Durchbruch als Regisseur gelingt ihm 2002 mit Blissfully Yours. Der Film wird bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes mit dem Prix un certain regard prämiert. Es bleibt nicht sein einziger Erfolg an der Croisette.  
In Deutschland ist er ebenfalls gerngesehener Gast. Aus den Töpfen der Filmförderung der Berlinale wurden 60.000 Euro für die Produktion von Onkel Boonmee bereitgestellt. Joey erinnert sich aber nicht nur deswegen gerne an die Besuche in der deutschen Hauptstadt. „Ich kann nicht beurteilen, wie den Zuschauern in den Kinos meine Filme gefallen haben“, sagt er, „aber bei den Festivals wurde ihnen viel Neugierde und Interesse entgegengebracht.“
Er schätze die ausgeprägte Filmkultur, die in Deutschland herrsche. Ihm gefallen die Werke von Werner Herzog und Rainer Werner Fassbinder, die „alten Sachen von Wim Wenders – die neuen nicht so.“ „Als ich in Berlin Filmworkshops gehalten habe, erlebte ich bei den jungen Teilnehmern eine Aufbruchstimmung. Sie wollen die Vergangenheit hinter sich lassen und neue Wege gehen. Wobei ich zugeben muss, dass die neuen Filmemacher noch nicht an die alten Meister herankommen.“

Ärger mit der Zensur

Seine Filme mögen verträumt und sperrig sein, aber im Gespräch kommt Joey auf den Punkt. Klare Ansagen, nicht nur wenn man ihn nach seiner Meinung zum deutschen Kino fragt, sondern erst recht, wenn es um die Verhältnisse in seiner Heimat geht. „In Thailand herrscht eine strenge Zensur und die Leute sind immer noch ziemlich obrigkeitshörig“, sagt er. Die thailändische Zensurbehörde ist Joeys Intimfeind. 2006 verschnibbelte sie ihm den Film Syndromes, in dem vier Szenen als „empfindlich“ eingestuft wurden und in Thailand nicht gezeigt werden durften. Entfernt werden mussten Sequenzen, in denen ein Buddha-Mönch Gitarre spielt, Mönche eine fliegende Untertasse fernsteuern, zwei Ärzte sich küssen und einen Drink zu sich nehmen. Damals kam es zum Eklat. Eine ranghohe Mitarbeiterin der Behörde war der Ansicht, dass thailändische Kinobesucher „ungebildet“ seien und Vorgaben bräuchten. Niemand wolle einen Weerasethakul-Film sehen, sagte sie: „Thailänder mögen Komödien, wir wollen lachen.“ Joey fand das nicht witzig. Als Antwort gründete er die Free Thai Cinema Bewegung. Angesichts der Zensurvorschriften wurde er barsch: Er schäme sich dafür, ein Thailänder zu sein, ließ er verlauten.

Elf Stunden zwischen Himmel und Hölle

Die Anerkennung, die dem Regisseur in der Heimat verwehrt blieb, holte er sich in Frankreich. Dort liegt am Mittelmeer ein sicherer Hafen für ihn. Bereits in der Vergangenheit war Joey in Cannes erfolgreich, bekam Preise in Nebenkategorien und saß selbst in der Jury. 2010 kletterte er an der Goldenen Palme dann auf seinen bisherigen Karrierehöhepunkt. Dafür musste er einen hohen Preis zahlen.       Der Weg von der Hölle in den Himmel dauert ungefähr elf Stunden. So lange braucht ein Flugzeug für die Strecke von Thailand nach Frankreich. Hier die Straßenschlachten zwischen Rothemden und Regierungssoldaten, dort der rote Teppich und die Schlacht am kalten Büffet. „Als ich nach Cannes gereist bin, war ich sehr besorgt um meine Familie. Zugleich stand ich in der Pflicht, einen Film vorzustellen, an dem viele Leute hart gearbeitet haben. Ich hatte Gefühle, die schwer zu beschreiben sind“, sagt Joey. Das sollte sich nach dem Gewinn der Goldenen Palme  nicht ändern – im Gegenteil. „Ich war irgendwie niedergeschlagen, als ich mit dem Preis heimgekehrt bin und sich die politische Lage noch nicht wirklich beruhigt hatte. Es war, als würden wir den Erfolg zwischen Toten feiern.“ Vollends verwirrte ihn schließlich, dass Minister der Regierung einen Empfang zu seinen Ehren gaben.  „Das war seltsam“, sagt Joey. Er habe die Chance genutzt, um über die freie Meinungsäußerung zu sprechen. „Eine  heikle Geschichte“, meint er,  „diese Leute schmeißen eine Party für mich und ich kritisiere sie. Aber sie gaben sich diplomatisch und haben die ganze Zeit gelächelt.“ Die sanfte Stimme am Hörer sagt: „Ein typisches Beispiel für die Widersprüchlichkeit, die die Kultur meines Landes kennzeichnet.“

Beistand aus der Presse

Diese Widersprüchlichkeit führte beinahe so weit, dass der bekannteste thailändische Film nicht in Thailand zu sehen war. Seine schlechten Erfahrungen hinderten Joey zunächst daran, die Mühen einer Veröffentlichung von Onkel Boonmee auf sich zu nehmen. Dann zeigte er den Film probehalber in einem Kino und war über die Reaktionen erfreut: „Die Leute haben den Film sehr gemocht, es war für sie eine Abwechslung zu dem, was sie sonst gewohnt sind.“ Schließlich fand der berühmte Onkel doch noch den Weg in die Kinos, wenn auch nur in einigen Städten. Und nicht nur Joey wünscht sich mehr Alternativen zu den üblichen Blockbustern, auch die Bangkok Post haute für Boonmee auf die Pauke: Man sei es der Zukunft des Kinos schuldig, diesen Film anzuschauen, hieß es in einem Kommentar.  Eine bessere Zukunft liegt nach Ansicht von Joey aber noch in weiter Ferne: „Es wird noch lange dauern, bis im thailändischen Kino politische Filme gezeigt werden können. Ich wünsche mir sehr, zur Generation zu gehören, die die Chance bekommt, sich frei zu äußern.“ Die Palme auf seinem Esstisch wird in dieser Zeit nicht verfaulen. Aber ob sie Früchte trägt, ist eine andere Frage. Lesen Sie auch das Interview mit dem Produzenten und "Lindenstraße"-Erfinder Hans W. Geißendörfer.

Christoph Stockburger


Kino Onkel Boonmee kommt in Deutschland im Herbst 2010 in die Kinos. Kunst Apichatpong Weerasethakul dreht auch Kurzfilme und Videoinstallationen, schafft Skulpturen und schreibt Essays. Der Filmexperte James Quandt hat eine Sammlung mit Texten über und von Joey herausgegeben. 

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