Unruhen in Thailand:

„KEINE SCHWARZ-WEISS-MALEREI, BITTE!“

Fragen an den deutschen Botschafter in Bangkok, Dr. Hanns Heinrich Schumacher, zu den politischen Unruhen in Thailand.


Herr Dr. Schumacher, die Botschaft befand sich direkt im Krisengebiet, war zeitweise geschlossen. Sie waren sogar in Ihrer Residenz eingeschlossen – wie haben Sie die letzten Wochen erlebt?


Ich war zu keinem Zeitpunkt gefährdet. Es war erkennbar, dass Ausländer und ausländische Einrichtungen wie Botschaften niemals Teil oder Ziel dieser innerthailändischen Auseinandersetzung waren. Die Schließung der Botschaft war notwendig, nachdem die Sathorn Road durch das Militär geschlossen und auch in der Soi Nüng Barrikaden aufgebaut wurden und kurzzeitig Kämpfe stattgefunden haben. Das war natürlich ein bisschen nervenaufreibend. Die drei Botschaften, die hier von der Blockade betroffen waren, die deutsche, die dänische und die österreichische, hatten immer eine sehr enge Zusammenarbeit. Deswegen kann ich sagen, ohne auf Einzelheiten eingehen zu müssen: Eingeschlossen waren wir nie. Es gab immer sichere Wege, um zumindest die Botschaftsbediensteten hereinzurufen, die einen grundlegenden Betrieb der Botschaft sicherstellen konnten. Unser Notkonsulardienst in der französischen Botschaft hat bestens funktioniert. Also: In der Krise hat sich die ganze Mannschaft hervorragend bewährt! Ich bin allen sehr dankbar und froh, dass es vorbei ist.

Wie hat die deutsche Community in Thailand auf die Situation reagiert?


Offen gesagt: Überwiegend besonnen. Wir freuen uns über einen positiven Zuspruch. Besonders geholfen hat uns die erstmalige Anwendung der neuen, internetbasierten Deutschenliste. Ich möchte noch einmal alle, die in Krisenzeiten an Kontakt mit der Botschaft interessiert sind, bitten, sich über unsere Website Bangkok.diplo.de in die neue Internetversion der Deutschenliste einzutragen. Auch diejenigen, die sich früher einmal per E-Mail an die Botschaft in die alte Deutschenliste eingetragen hatten, müssen sich für die Internetversion der Deutschenliste neu anmelden, da wir die alten, per Hand geführten Listen technisch leider nicht in die Internetliste übernehmen können. Mit dem neuen Online-System waren wir in der Lage, regelmäßige Informationen an die deutsche Community in Thailand zu geben. Wir werden in Zukunft dieses System verstärkt nutzen, um nicht nur in Krisenzeiten nach außen hin zu informieren und zu kommunizieren.

Wie sollte sich ein deutscher Expat in Bangkok jetzt verhalten? Wie soll er sich Thailändern gegenüber verhalten, die seine politische Meinung wissen wollen? Haben Sie da einen Ratschlag?


Also: Die meisten Deutschen hier kennen Thailand doch weit besser als ich. Da zögere ich, Ratschläge zu geben. Es gilt doch überall auf der Welt: Als Gast sollte man vermeiden, sich selbst zu stark mit der innenpolitischen Diskussion zu identifizieren. Jeder kann seine eigene Meinung haben und jeder kann im Kreise seiner deutschen Freunde darüber diskutieren. Man sollte jedoch sehr vorsichtig damit sein, im Land selbst nach außen eine eigene Position zu beziehen. Dies kann, wie wir im Fall des britischen und des australischen Staatsangehörigen gesehen haben, zu ernsten Konsequenzen führen. Die Sicherheit geht vor, Zurückhaltung und die Beachtung der Sicherheitshinweise sind oberstes Gebot. Zu Eiferern, die meinen, sie müssten hier eines der Lager unterstützen, halte ich Distanz.

Sollte man derzeit gewisse Gebiete meiden? Besteht eine erhöhte Gefahr in Bangkok? Ist Thailand als Reiseland für Urlauber sicher?


Unsere Reisehinweise sind meines Erachtens erschöpfend – von Nord- bis Südthailand. Nachdem die Ausgangssperre am letzten Mai-Wochenende aufgehoben wurde, raten wir von Reisen nach Bangkok und in den Norden Thailands nicht mehr dringend ab. Für den touristischen Süden hat es ohnehin nie beschränkende Hinweise gegeben. Wir waren unter den EU-Ländern diejenigen, die sich immer gegen eine Verschärfung der Hinweise für ganz Thailand ausgesprochen haben. Niemand kann irgendwo in der Welt Urlaubern eine Sicherheitsgarantie geben – was übrigens auch für Deutschland gilt. Wer sich informiert und sich nicht unnötig in Gefahr begibt, ist nach menschlichem Ermessen sicher. Und jeder muß auch für sich selbst entscheiden, wo er hinfährt. Diese Verantwortung kann man letztlich nicht staatlichen Stellen übertragen.

War das Einschreiten der Armee in Bangkok nun eine Befreiungsaktion gegen Militante oder die Niederschlagung der Demokratiebewegung? Halten Sie das Vorgehen der Regierung insgesamt für angemessen?


Sie wissen selbst, dass die Bewertung des Krisenmanagements der Regierung in der internationalen Presse  divergiert. Ich habe mich im Deutschlandfunk dazu geäußert, weil mir einige Urteile, auch in der deutschen Presse, überzogen erschienen. Eine friedliche Demonstration ist nach dem bemerkenswerten Kompromissangebot des Premierministers mit dem Angebot, Neuwahlen abzuhalten, aus den Fugen geraten und gewalttätig geworden. Es ist das Recht einer jeden Regierung, in einer solchen Situation Sicherheit und Ordnung wiederherzustellen. Die eigentliche Räumungsaktion am 19. Mai ist erkennbar durchgeführt worden mit der Vorgabe, Menschenleben zu schonen. Über Ausschreitungen und Übergriffe hat es eine intensive parlamentarische Debatte gegeben, in der Regierung und Opposition ihre Positionen darstellen konnten. Ich hoffe sehr, dass es die versprochenen unabhängigen Untersuchungen wirklich geben wird.
Die Demonstrationen haben erneut gezeigt, wie tief die thailändische Gesellschaft gespalten ist. Der Aufruf zu einer „nationalen Versöhnung“ muss nun auch mit konkreten Aktionen untermauert werden – ein Anspruch, der sich aber auch an die Opposition richtet! Mit der Kompromisssuche kann man diese Regierung nicht alleine lassen.

Worum geht es hier? Ist es ein Verteilungskampf zweier verfeindeter Eliten? Oder geht es um unterschiedliche Interpretationen von Gerechtigkeit und Demokratie?


Mein Vorgänger, Dr. Brümmer, der ja mehr Erfahrung in Asien hatte als ich, sagte bei seiner Verabschiedung: „In allen asiatischen Ländern, in denen ich als Botschafter nach vier Jahren wieder gegangen bin, wusste ich mehr über das jeweilige Land. In Thailand weiß ich weniger als vorher.” Die thailändische Gesellschaft ist wenig transparent und in ihren Entscheidungs- und Machtstrukturen für Außenstehende sehr schwer zu verstehen. Deswegen habe ich auch in meinen Interviews immer davor gewarnt, diesen Konflikt schwarz-weiß zu malen. Damit wird man der Sache nicht gerecht. Aber die Schablone „die arme Landbevölkerung kämpft gegen die reiche Machtelite in der Stadt” – so ist es definitiv nicht.
Drei Probleme sind, etwas verkürzt, meiner Ansicht nach ursächlich für diesen Konflikt. Das erste, kurzfristige, ist sicherlich, dass die thailändische Armee 2006 mit einem Militärputsch in einen demokratischen Prozess eingegriffen hatte. Ich habe das immer kritisiert: Meine Reden sind ja auf der Website veröffentlicht. Vor allem die Landbevölkerung, die mehrheitlich die TRT-Partei von Thaksin Shinawatra gewählt hatte, fühlt sich um ihre Stimme betrogen. Das ist ein ernstzunehmendes Gefühl. Dabei muss man aber auch anmerken, ohne dass ich diesen Putsch in irgendeiner Weise rechtfertigen kann, dass Thaksin selbst als ein vom Volk gewählter Vertreter seine ihm verliehene demokratische Legitimität durch eigenes Verhalten in der Regierungsverantwortung beschädigt hat. Das Ausmaß an Korruption und anderen Fehlern, die offenbar wurden, hat sicher nicht dazu gedient, das Vertrauen in ihn als Premierminister zu stärken. Trotzdem: Es war ein Eingriff in einen demokratischen Prozess. Und das Gefühl von Teilen der Bevölkerung, ihrer demokratischen Stimme beraubt worden zu sein, ist ernst zu nehmen. Wobei ich aber hinzufüge: Die Regierung Abhisit ist eine demokratisch legitimierte Regierung und letztlich durch Koalitionswechsel zustande gekommen. Das ist meine persönliche Meinung und auch die Position der EU und ihrer Mitgliedsstaaten.  Ihre Bewältigung der Wirtschaftskrise im Interesse des ganzen Landes war beispielhaft. Wer immer dafür verantwortlich war, das Angebot Abhisits von Neuwahlen im November abzulehnen, war politisch kurzsichtig und muss sich fragen lassen, welche Ziele wirklich verfolgt werden sollten!
Wichtiger sind zwei andere Sachverhalte: Thailand zahlt ganz eindeutig einen sehr hohen Preis für gesellschaftliche Reformen, die man seit mindestens 20 – 30 Jahren verzögert hat. Diese Gesellschaft ist sehr verkrustet und wenig transparent. Und wenn Entscheidungs- und Machtstrukturen wenig transparent sind, werden diejenigen, die sich von ihnen ausgenommen fühlen, immer ein Gefühl der Ohnmacht verspüren und sich irgendwo ein Ventil suchen. Und der dritte Grund ist sicherlich das subjektive Empfinden des Auseinanderklaffens der Einkommensstruktur. Das Gefühl, die Kluft zwischen Arm und Reich sei zu groß geworden, ist häufig anzutreffen. Wieder muss ich hinzufügen, und das zeigt die Komplexität des gesamten Sachverhaltes, dass es dafür internationale Vergleichsmaßstäbe gibt. Ich nenne den so genannten Gini-Koeffizienten, den die Vereinten Nationen benutzen, um eine solche Kluft deutlich zu machen. Nach diesen Kriterien ist Thailand beileibe kein Problemfall! Es ist hier in der Vergangenheit durchaus versucht worden, diese Kluft durch politische und wirtschaftliche Maßnahmen zu verringern. Das ist auch ganz eindeutig Ziel dieser Regierung bei ihrem Dienstantritt im Dezember 2008 gewesen – man schaue nur auf das erste Konjunkturprogramm. Also: Keine schwarz-weiß Malerei, bitte! Man muß hinter die Kulissen gucken – oder es zumindest versuchen. 

Es ist viel Hass entstanden: Die einen beklagen tote Demonstranten, die anderen die Brandschatzung Bangkoks. Verschärft das den sozialen und gesellschaftlichen Grundkonflikt so sehr, dass ein Untergrundkrieg droht?

Mit solchen Begriffen sollte man sehr vorsichtig sein. Diese Regierung hat den Schlüssel in der Hand, das zu vermeiden. Sie muss die richtigen Maßnahmen treffen. Sie darf die Demonstranten nicht verteufeln. Sie muss das Gefühl, dass viele sich um ihre demokratische Stimme betrogen fühlen, ernst nehmen. Entscheidend ist, dass die Regierung Abhisit die richtigen Schlüsse aus diesen Vorgängen zieht und nicht einseitig auf Bestrafung und Verteufelung setzt, sondern die Hand ausstreckt zu denjenigen, die als geistige Führer hinter den Demonstrationen stehen. Es gab erkennbar Persönlichkeiten, die von vornherein auf friedliche Demonstrationen gesetzt hatten. Und ich meine, es ist an der Zeit, hier einen Dialog zu führen, um die Kluft, die sich in der thailändischen Bevölkerung erkennbar aufgetan hat, zu überwinden. Wenn das nicht geschieht, könnte das Land darunter ernsthaft leiden. Und zum Dialog gehören zwei Seiten: Warum nimmt die Opposition die Regierung, die von „nationaler Versöhnung“ redet, nicht beim Wort? Ich vermisse hier konkrete Ansätze. Maximalpositionen dienen nicht dem Interesse des ganzen Landes.

Ist das, was wir hier erleben, eine Entladung im Rahmen eines normalen Prozesses in der Entwicklung eines Landes?

Schaut man auf die thailändische Geschichte der letzten 30 Jahre, oder auch seit 1932, seit dem Sturz der absolutistischen Monarchie, ist diese ja immer wieder durchzogen von Militärputschen und auch  gewaltsamen Niederschlagungen von Demonstrationen. Also Gewalt in der Auseinandersetzung ist in diesem Lande nichts Neues. Dass die Regierung auf die Ängste und Sorgen, die sich in einem solchen Ausbruch dokumentieren, in der richtigen Weise eingeht und man nicht einfach versucht, den Deckel draufzulegen und all diese Sorgen zu unterdrücken, das ist der Maßstab, den man anlegen muss. Ich bin hoffnungsvoll, was die guten Absichten der derzeitigen Regierung anbelangt! Es gibt in diesem Land berechtigte Sorgen großer Bevölkerungsgruppen, und darauf muss eine demokratisch gewählte Regierung auch Rücksicht nehmen. Letztlich meine ich, dass der Konflikt nur durch einen ordnungsgemäß organisierten Ablauf von Neuwahlen gelöst werden kann – deren Ergebnis dann aber auch von allen akzeptiert werden muss. Hierzu hat der Premierminister ja den richtigen Vorschlag gemacht. Ich hoffe, dass er, wenn der Staub sich gelegt hat, darauf auch zurückkommen wird. Sein Auftreten mit dem gesamten Kabinett vor der internationalen Presse und dem Diplomatischen Korps am 29. Mai war ein bemerkenswerter Vorgang. Ich bin überzeugt: Nicht viele Regierungschefs in Asien, Afrika und anderen Teilen der Welt hätten den Mut dazu gehabt.

Halten Sie Stabilität auch für gewährleistet, wenn die Opposition an die Macht käme? Wären Neuwahlen überhaupt eine Lösung für den Konflikt? Braucht Thailand eine große Koalition? Oder eine nationale Regierung?

Ich glaube, in jedem Land gibt es diese undefinierbare Sehnsucht nach der „großen Koalition“, dem Zusammenschluss aller politischen Richtungen zum Wohle des Landes. Das ist unrealistisch, so etwas gibt es in der Politik nicht, zumal nicht in einem so großen Land. Das sehen wir doch auch in Deutschland. Grundsätzlich ist das Ergebnis einer demokratischen Wahl zu akzeptieren! Man sollte erst einmal abwarten, wie so ein Ergebnis in Thailand aussieht. Jede Regierung, die danach an die Macht kommt, sollte sich hüten, die Spaltung in diesem Lande weiter zu betreiben. Es wäre ihre allererste Priorität, die politisch verfeindeten Lager zu versöhnen – und daran müsste man auch die Opposition messen, wenn sie als Sieger aus den Wahlen hervorgehen sollte.

Kann die internationale Gemeinschaft in Thailand helfen?

Thailand ist unser Partner innerhalb des Dialoges zwischen der Europäischen Union und ASEAN, und zwar schon seit über 30 Jahren. Die thailändische Regierung hat jedoch mehr als deutlich gemacht, dass sie diesen Konflikt nicht internationalisieren, sondern intern lösen möchte. Das haben wir zu akzeptieren. Wir sind zur Unterstützung bereit, wenn dies gewünscht wird.

Wie beurteilen Sie die Berichterstattung der internationalen, auch deutschen Medien? In Thailand wird vielfach kritisiert, dass diese sehr einseitig zugunsten der Rothemden erfolgte.

Medienschelte ist immer schlecht. Pressefreiheit heißt auch, dass verschiedene Meinungen geäußert werden. Es ist bedauerlich, wenn Darstellungen zu einseitig erfolgen. Aber ich meine, es ist vor allen Dingen Aufgabe einer objektiven und aktiven Öffentlichkeitsarbeit von Seiten der Regierung, eine umfassende Information sicherzustellen. Ich sage das ganz vorsichtig: Hier ist die Arbeit der thailändischen Regierung sicher verbesserungswürdig. Ich finde es nach meinen nun fast zwei Jahren in Thailand im Vergleich zu anderen Ländern, in denen ich als Botschafter gedient habe, faszinierend, wie viele Ausländer, innerhalb und außerhalb des Landes, sich kompetent fühlen, über Thailand eine sehr dezidierte Meinung zu äußern und Partei zu ergreifen. Ich meine, das wird der Komplexität dieses Landes nicht gerecht. Ich habe dafür noch keine Erklärung. Es gibt sicher viele persönliche, private Verbindungen zwischen thailändischen und deutschen bzw. anderen Staatsangehörigen, und daraus erzeugt sich wohl das Bewusstsein, über dieses Land auch urteilen zu können. Wenn ich für meine eigene Meinung sowohl gelobt wie in Grund und Boden verdammt werde, kann ich eigentlich nicht so schlecht liegen.

Würde der jetzt als Terrorist gesuchte ehemalige thailändische Premierminister Thaksin Shinawatra, sollte er Deutschland betreten, verhaftet und an Thailand ausgeliefert werden?

Was die Prüfung von Terrorismusvorwürfen angeht, warte ich in Ruhe ab, was die thailändische Regierung entscheidet. Sie muss das dann mit einem internationalen Haftbefehl an Interpol weitergeben und es ist dann entsprechend der Regeln von Interpol jedem einzelnen Staat überlassen, wie er darauf reagiert. Diese Prüfung werden wir dann auch in Deutschland noch zu führen haben.

Es besteht ein Einreiseverbot für Thaksin in die Schengenstaaten ... Herr Thaksin wurde aber während der Ausschreitungen in Paris bei Louis Vuitton beim Shoppen gesehen ...

Sie kennen die Situation in Europa, unsere innerstaatlichen Grenzen sind frei, man wird dort wenig kontrolliert. Auch in Paris ist Thaksin in dem Moment, als die französische Regierung auf seinen Aufenthalt aufmerksam wurde, gebeten worden, das Land zu verlassen – weil er nämlich auch dort eine große Pressekonferenz plante, um in die Demonstrationen einzugreifen. Weiter möchte ich mich zu seinen persönlichen Umständen nicht äußern.

Vize-Regierungschef Suthep sagt, dass die Demonstrationen und Ausschreitungen systematisch geplant waren und dass die Rothemden-Führer direkt von Thaksin befehligt wurden. Er kritisierte, dass sich ausländische Diplomaten mit Rothemden und Thaksin-Alliierten getroffen haben. Gab es Kontakte von deutscher Seite zu den Protestlern?

Das Verhalten von Kollegen kommentiere ich nicht. Es ist das Recht ausländischer Diplomaten und sollte auch im Interesse jeder Regierung sein, sich in einem Land umfassend zu informieren und dazu auch Kontakte mit Gruppen und Vertretern der verschiedenen Oppositionsgruppierungen zu haben. Die Frage ist, in wieweit man das dann auch öffentlich macht. Selbstverständlich hat auch die deutsche Botschaft Kontakte mit allen Gruppierungen. Kontakte, die es uns erlauben, ein Urteil über die politische Entwicklung dieses Landes zu fällen.

Leiden die bilateralen Beziehungen zwischen Thailand und Deutschland? Ist der Dialog eingeschränkt?

Nein, das glaube ich nicht. Ich erinnere an das letzte Statement der Hohen Repräsentantin der Europäischen Union für Außenpolitik, Lady Ashton, die nach Auflösung der Demonstrationen der thailändischen Regierung Unterstützung und Kooperation angeboten hat. Dies ist gewürdigt worden. Thailand bleibt für uns ohne jeden Zweifel ein wichtiger Partner. Wir haben hier nicht nur eine große deutsche Auslandsgemeinde mit privaten Verbindungen. Thailand ist gerade für uns Deutsche ein wichtiger Wirtschaftsstandort, und die Bedeutung dieses Wirtschaftsstandortes ist erst wieder Anfang Mai bei der Asien-Pazifik-Konferenz der deutschen Wirtschaft in Singapur noch einmal nachdrücklich betont worden.

Sehen Sie deutschen Export nach Thailand gefährdet?

Man konnte zeitweise den Eindruck bekommen, zwischen der Entwicklung der Wirtschaft und der Entwicklung in der Politik bestehe eine Brandmauer in Thailand. Die Zahlen für das erste Wirtschaftsquartal sind rekordverdächtig. Thailand hat durch die Ereignisse der letzten Monate international einen Ansehensverlust erlitten – da muss man nicht drumherum reden. Entscheidend ist nun, dass die äußeren Rahmenbedingungen für Investitionen hier bestehen bleiben und Beschwerden auch aus der deutschen Wirtschaft über Bürokratie und andere hinderliche Maßnahmen ernst genommen werden. Das Problem Map Ta Phut ist nach wie vor nicht gelöst. Der Premierminister hat beim Treffen mit dem Diplomatischen Korps zugesagt, hier zu helfen.

Glauben Sie, dass deutsche Investitionen in Thailand aufgrund eines Imageschadens oder aus Angst vor einer außer Kontrolle geratenen Situation schrumpfen werden?

Hier ist die Kammer sicher kompetenter, über diese Frage zu urteilen. Ich sehe dafür allerdings bisher keine Anzeichen. Im Gegenteil: die Zahlen des Board of Investment belegen eher das Gegenteil.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Botschafter.

Mark Sonntag


FACHBEGRIFFE Gini-Koeffizient Der Gini-Koeffizient ist ein statistisches Maß zur Darstellung von Ungleichverteilungen, zum Beispiel von Einkommen oder Vermögen. Thailand liegt hier international gesehen im Mittelfeld, zwischen Ländern wie Großbritannien und den USA. Lèse majesté Lèse majesté bedeutet Majestätsbeleidigung und steht in Thailand unter Strafe. Im Gegensatz zu anderen Ländern (auch in Deutschland ist die Verunglimpfung des Bundespräsidenten nach § 90 StGB strafbar) wird der entsprechende Paragraph vergleichsweise häufig und streng angewendet. BÜRGERBEWEGUNGEN UDD: Die Rothemden Die National United Front of Democracy Against Dictatorship (Nationale Demokratische Front gegen Diktatur) ist eine Gruppierung, die den ehemaligen Premierminister Thaksin Shinawatra und die Partei Pheu Thai unterstützt, die aktuelle Nachfolgerpartei von Thaksins verbotener Partei TRT. Im Volksmund werden die Anhänger der Bewegung „Rothemden“ genannt. „Men in Black“ Die Regierung geht davon aus, dass eine militärisch geführte Fraktion der Protestbewegung mit Kriegswaffen ausgestattet ist und terroristische Mittel anwendet. Sie soll auch für Scharfschützen-Angriffe auf Soldaten und Zivilisten verantwortlich sein. PAD: Die Gelbhemden Die People‘s Alliance for Democracy (Volksallianz für Demokratie) ist eine Gruppierung, die 2005 gegründet wurde, um gegen den damaligen Ministerpräsidenten Thaksin zu protestieren und diesen abzusetzen. Im Oktober 2008 belagerten die Gelbhemden das Parlament und im Dezember besetzten sie die Flughäfen Bangkoks, um die nach dem Putsch 2006 gewählte Nachfolgepartei der Thaksin-Partei zu stürzen. Die Flughafenbesetzungen endeten mit der Regierungsbildung unter Abhisit. MINISTERPRÄSIDENTEN Abhisit Vejjajiva Abhisit Vejjajiva (45) ist seit dem 15. Dezember 2008 Premierminister Thailands. Er studierte an der Oxford Universität Wirtschaft und Politik und lehrte anschließend an der Thammasat Universität. Seit 1992 Politiker, und seit 2005 Parteivorsitzender der ältesten Partei Thailands, der Demokraten. Nachdem sein Vorgänger zurücktreten musste, wurde Abhisit im Dezember gegen den Kandidaten der Puea Thai Partei, Polizei-General Pracha Promnok, vom Parlament zum Premierminister gewählt. Thaksin Shinawatra Thaksin Shinawatra (60) war von Februar 2001 bis September 2006 Premierminister Thailands. Bis 1987 war er Polizist, dann gründete er die Telekommunikationsfirma AIS, deren Monopolstellung beim Mobilfunk dem Unternehmen sagenhafte Gewinne bescherte. Es laufen Ermittlungen wegen Wettbewerbsverzerrung. Thaksins populistisch-nationalistische Politik war bei der ärmeren Bevölkerung beliebt. Seine Wirtschafts- und auch Sozialpolitik wies einige Erfolge auf, auch wenn die Nachhaltigkeit angezweifelt wurde. Er stand für Recht und Ordnung, wobei ihm heute vorgeworfen wird, dass seine Politik viele Todesopfer durch hartes Vorgehen gegen Separatisten im Süden und gegen Drogenhandel im Norden gefordert hat. Amnesty International sagt, von den fast 2.500 Toten seines Drogenkrieges 2003 seien viele außergerichtlich exekutiert worden. Da Thaksin während seiner Amtszeit praktisch alle Massenmedien unter Kontrolle brachte und das Vermögen seiner Familie sich in dieser Zeit vervielfachte, wird er häufig mit Silvio Berlusconi verglichen. Als seine Familie Anfang 2006 den Konzern an den Staat Singapur verkaufte und dank seiner selbstgeschriebenen Gesetze keine Steuern dafür zahlen musste, wurde der Protest gegen seine Regierung immer lauter und es kam zu Massendemonstrationen in Bangkok und anderen Städten. Am 19. September beendete das Militär die Regierungszeit Thaksins mit einem unblutigen Putsch. Inzwischen wurde Thaksin in Thailand wegen Korruption und Amtsmissbrauch verurteilt und ist flüchtig. Sein thailändischer Pass wurde eingezogen, er reist derweil mit nicaraguanischem und montenegrinischem Pass. Als das Oberste Gericht Thailands am 26. Februar 2010 einen Teil von Thaksins eingefrorenem Vermögen im Wert von 46 Milliarden Baht (mehr als 1 Milliarde Euro) konfiszierte, begannen die aktuellen Proteste der Thaksin-Unterstützer (Rot-hemden) gegen die Regierung. DIE EREIGNISSE IM ÜBERBLICK 26. Februar: Ein Teil des Vermögens Thaksins wird konfisziert 27. Februar: Granatangriffe auf Filialen der Bangkok Bank 12. März: Die UDD fordert den Rücktritt Abhisits, Demonstrationen beginnen in Bangkok 14. März: Zehntausende Demonstranten versammeln sich in der Altstadt 17. März: Rothemden verschütten Blut vorm Haus des Premierministers 3. April: Rothemden besetzen das Geschäftszentrum der Stadt (Ratchaprasong-Kreuzung), daraufhin können Zehntausende nicht ihrem Job nachgehen, die größten Shoppingcenter und viele bedeutende Hotels bleiben wochenlang geschlossen 8. April: Rothemden stürmen das Parlament, Ausnahmezustand wird verhängt 9. April: Rothemden stürmen eine Satellitenstation 10. April: Blutige Zusammenstöße zwischen Armee, Demonstranten und bewaffneten Gruppen, es sterben 25 Menschen (Soldaten und Demonstranten) 22. April: Granatenangriffe der Regierungsgegner in der Silom Road, 1 Mensch stirbt, 86 werden verletzt 29. April: Rothemden stürmen das Chulalongkorn-Krankenhaus, alle Patienten werden evakuiert 3. Mai: Abhisit bietet Neuwahlen am 14. November an, gemäßigte Rothemden wollen das Angebot annehmen, radikale Kräfte lehnen es ab 13. Mai: Unbekannte Scharfschützen erschießen den militärischen Führer der Rothemden 15. Mai: Sicherheitskräfte beginnen, das Quartier der Demonstranten abzuriegeln, Gefechte zwischen Regierungstruppen und paramilitärischen Gruppen unter den Regierungsgegnern beginnen 19. Mai: Das Militär setzt gepanzerte Fahrzeuge ein und startet eine Offensive, die mit der Kapitulation oder der Flucht der Führer der Rothemden endete; die militanten Gruppen unter den Demonstranten setzen 36 Gebäude in der Innenstadt in Brand, unter anderem das größte Shoppingcenter Thailands, CentralWorld, das komplett ausbrennt und teilweise einstürzt. Auch das Rathaus in Udon Thani wird niedergebrannt. Es kommt zu Plünderungen. Ausgangssperre in Bangkok und 23 Provinzen (bis 29. Mai) Insgesamt kamen seit dem 12. März mindestens 88 Menschen ums Leben, fast 2000 wurden verletzt. Der Schaden wird auf mindestens 5 Milliarden Euro geschätzt. INFO ZUM FOTOGRAFEN Florian Witulski Der junge, deutsche Journalist berichtete während der Krise unter anderem für Aljazeera und France 24 direkt aus den Brennpunkten Bangkoks. Er betreibt seinen eigenen Blog auf deutsch, englisch und thai: www.vaitor.com

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