Abenteuer News:

Macao im Freien Fall

Ein Bungee-Sprung aus 233 Metern Höhe – ohne Helm!


Gestern war mein Geburtstag. Heute stehe ich auf einer koffergroßen, recht dünnen Aluminium-Bungee-Plattform, die aus dem Aussichtsdeck des Macao-Towers ragt, 233 Meter über dem Boden.
Hier stehe ich, gerade 59 Jahre alt geworden, entsetzt und mit weichen Knien. Dies ist der 61. Stock, der höchste Punkt in Macau. Mit einer tollen 180-Grad-Aussicht über die Inseln, das südchinesische Meer und Hongkong im fernen Dunst. Darunter: Der Abgrund, die unsichtbare Schwerkraft, und 233 Meter unter mir die rot-weissen, harten Betonfliesen. Augenblicke zuvor wurde ich angebunden und mein Gewicht wurde gemessen. Zwei Ziffern: 77, für 77 Kilo, mit einem dicken schwarzen Filzstift auf meine Hand geschrieben. 77 – meine Glückszahl …
Das vulkangraue, synthetische Seil, dicker als mein Unterarm, ist an meinen Fersen festgemacht. Bevor ich auf die Absprungstelle trete, bekomme ich eine A. J. Hackett-Bordkarte. Der Sprungmeister sagte nüchtern: „Du wirst gleich fliegen – du brauchst eine Bordkarte.”
Der Himmel ist dunstig, blau-grau. Windgeschwindigkeit: 7,2 Km/h Nord. Temperatur: 27,6 Grad Celsius, kühle Luft vom chinesischen Festland, ohne die typische Luftfeuchtigkeit des tropischen Asiens. Der junge, neuseeländische Sprungmeister mit dem hippen Schlurf checkt nochmals das Bungee-Seil an meinen Fersen. Wir sind zu dritt in der „off limit” Sprungzone: Ich, der „Springer”, der Sprungmeister und sein Assistent. Wir alle tragen Gurtzeug. Niemand einen Helm. Es gibt kein Geländer, um sich festzuhalten. Alles ist niet- und nagelfest.
Wir stehen zwischen Stahlkabeln und einer riesigen, blauen Seilwinde. Ich kann die Besucher auf der Aussichtsplattform hinter den dicken Fenstern winken sehen. Sie halten die Daumen hoch, lächelnd. Und denken, er muss verrückt sein ... Hier stehe ich nun, mit Gurten an den Fersen festgebunden. Hilflos wie ein Gefangener an der Kette. Der letzte halbe Meter, Zentimeter für Zentimeter schiebe ich mich dem beängstigenden Rand zu, tollpatschig wie ein Pinguin.
An der Kante – die Zeit bleibt stehen. Ich fühle wie sich mein Magen umdreht und ein Schauer meinen Rücken bis in die Beine runterjagt. „Hey! It‘s jumping time!!!“, sagt der Bungee-Boss fröhlich. Aus den Lautsprechern tönt Hip-Hop. Am Horizont sehe ich eine Boing 737, die sich dem Flughafen Macao nähert.

Furchteinflössend

Die Höhe ist furchteinflößend. „Schau in die Kamera!”, instruiert mich ein Crew-Mitglied, aber ich bin zu verängstigt (und starr vor Angst), um mich in Richtung DVD-Rekorder zu drehen. Dennoch schaffe ich es, ein angespanntes Lächeln zustande zu bringen, während ich den Arm des Assistenten zu fassen kriege, ihn beinahe zerquetsche. Philip, der Springmeister, hält sein Walkie-Talkie und sagt „Steh, Kopf hoch, Kinn hoch und Arme ausgestreckt!” (um zu verhindern dass ich eine akute Höhenangst-Attacke erleide und heftig brechen muss), und ohne weitere Umstände startet er den Countdown:

5-4-3-2-1…BUNGEE…!

In der nächsten Sekunde falle ich in die weite Tiefe. Kopf voran. Beschleunigend. Der Wind in meinen Ohren – wie auf einer Kawasaki ohne Helm bei 190 km/h Endgeschwindigkeit. Der Boden stürzt mir entgegen. Dann kommt der Rebound. Swoosh! Und nochmal. Ich spüre den Ruck an meinen Fersen. Ich schnelle zurück und schwinge dann wie ein Pendel am Ende des Seils. Sekunden später nähere ich mich dem Landeplatz, einem großen, rechteckigen aufgeblasenem Kissen mit dem hellen A.J.-Hackett-Logo (einer der neuseeländischen Bungee-Pioniere). Das Boden-Team funkt mit dem Tower: „Zehn Meter – fünf Meter – Touchdown!” Sie fassen meinen Gurtzeug, drehen mich im Uhrzeigersinn und ich bin zurück auf festem Boden. Ich neige meinen Kopf zurück und sehe den massiven Turm 233 Meter über mir in den Himmel ragen. Ich sehe albern aus, aber nichtsdestotrotz muss ich meine Faust in die Höhe strecken und lächeln! Schließlich bekomme ich mein offizielles Bungee-Zertifikat, auf dem zu lesen steht: „John K. Lindgren ist erfolgreich von der höchsten Bungee-Plattform der Welt aus 233 Meter Höhe hier beim Macao-Tower gesprungen und ist damit offiziell berechtigt die Welt zu fragen: Hast du das Zeug dazu?” Nach Vollendung meines todesmutigen, adrenalingetränkten Sprunges und mit dem Zertifikat und einer DVD in meinem Rucksack, sage ich Adieu zum A.J.-Hackett-Sprungteam.  Eine zierliche Japanerin und ihre Freundin kichern nervös während sie in der Schlange für ihre unvergessliche Macao-Erfahrung stehen. Noch ein Blick auf den Macao-Tower. NIEMALS! hätte ich gedacht, dass ich von dieser kleinen Plattform da oben hechten würde. Niemals! Ich habe den höchsten Sprung (Fall) meines Lebens vollendet und bin bereit für Macao!

Johannes Lindgren, Übersetzung Joachim Winkel


Springen kann jeder, der mehr als 40, und weniger als 110 Kilo wiegt – außer Schwangere. Preis ab 150 Euro (inklusive T-Shirt, Zertifikat und Mitgliedskarte). Der zweite Sprung kostet dann nur 60 Euro...

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