Asien:

Chinesisches Roulette in Macao

Macao: Das Las Vegas Asiens boomt.


Las Vegas ist ein Klacks dagegen und wer glaubt, singende Gondoliere gäbe es nur in Venedig, war noch nie in Macao. Die einstige portugiesische Kolonie ist innerhalb von fünf Jahren zur größten Spielhölle der Welt gewachsen und will noch mehr: Macao will zum Vergnügungsparadies für die ganze Region werden: Mit Fünfsterne-Resorts, Edel-Shoppingmeilen und Unterhaltungspalästen.
Das Wahrzeichen ist eine Fassade: Die Fassade einer Jesuitenkirche aus dem frühen 17. Jahrhundert, deren Rest längst einem Großbrand zum Opfer gefallen ist. Und irgendwie ist es bezeichnend, dass sich diese Stadt über nicht mehr als eine Fassade definiert: Denn Macao ist eine Scheinwelt, wie sie sonst nur in Filmstudios oder auf Theaterbühnen existieren. Eine Scheinwelt, die nur einem Zweck dient: der guten Unterhaltung. Aber auch eine Scheinwelt, die an Perfektion kaum zu überbieten ist.

Wenn die Gondeln Gucci tragen


Es ist beeindruckend, was innerhalb von nicht einmal zehn Jahren alles aus dem Boden gestampft werden kann. Wo vorher Meer war, steht heute eine kleine Stadt. Aus zwei Inseln ist eine geworden, verbunden durch einen Streifen Künstlichkeit, der an Superlativen kaum zu überbieten ist. Der so genannte Cotai-Strip. Wo sonst gibt es eine Halle, in der sowohl Motocross-Rennen in richtigem Dreck als auch Eiskunstlaufwettbewerbe, Weltklasse-Basketballspiele oder Zirkusvorführungen stattfinden. Und wo sonst kann man sich das ganze Jahr über bei angenehmen 25 Grad und garantiert ohne Regen vom singenden Gondoliere vom Prada-Shop, vorbei am Gucci-Schaufenster bis hin zur Häagen-Dazs Eisdiele fahren lassen?
Selbstverständlich ist dies nur ein kleiner Teil dessen, was Macaos neuste Kunstwelt alles zu bieten hat. Den eigentlichen Kern dieser Scheinwelt bildet das Venetian, das nichts weniger als das größte Casino der Welt ist. Mit 800 Spieltischen, die pro Tag zusammen sieben bis acht Millionen US-Dollar abwerfen, haben die Betreiber eine Marke gesetzt, die beachtlich ist und die alte Spielstädte wie Las Vegas oder Atlantic City alt aussehen lässt. Seit 2003 vermeldet Macaos Casinoindustrie jedes Jahr eine Umsatzsteigerung von bis zu 70 Prozent. Ein Reingewinn von sieben Milliarden US-Dollar war es im Jahr 2006, der vom letzten Jahr dürfte noch einmal weit darüber liegen und vom diesjährigen wird noch gar nicht geredet. Denn er wird der erste sein, bei dem das Venetian erstmals ein volles Jahr zum Geldsegen beigetragen hat.

Die Lunte brennt

Doch auch in Macao ist nicht alles Gold, was glänzt. Nicht nur die Fassade der alten Jesuitenkirche bröckelt da und dort, auch die schöne neue Casinowelt zeigt erste Risse, noch bevor die Glücksräder alle richtig rollen. Der Casinokapitalismus, der die Stadt kurz nach der Rückgabe von Portugal an China erfasste, bereitet der Regierung schon langsam Kopfschmerzen. Prostitution, Drogenprobleme und eine immer größer werdende Schere zwischen Arm und Reich sind nur ein Bruchteil der Probleme mit denen sich Macao binnen nur gerade acht Jahre plötzlich konfrontiert sieht. Organisationen wie zum Beispiel die CARITAS warnen vor der Gefahr des schnellen Geldes. „Es ist eine Zeitbombe, deren Lunte schon zur Hälfte abgebrannt ist“, sagt Pun Chi Meng, der Direktor von CARITAS Macao. Er muss es wissen, denn die Caritas ist eine der wenigen Organisationen, die sich seit Jahrzehnten um Macaos Randständige kümmert. Eine ganz gefährliche Entwicklung sei die neue 24-Stunden-Gesellschaft, die durch die vielen Casinos entstanden sei. Dies habe eine unvorhersehbare Veränderung der ganzen Gesellschaft zur Folge, prophezeit der Sozialarbeiter. Probleme sieht er vor allem für Kinder und Jugendliche. Viele von ihnen würden plötzlich ohne jegliche Aufsicht der Eltern aufwachsen. „Die arbeiten Tag und Nacht in den Casinos und haben keine Ahnung, was ihre Kinder machen“. Die Zahlen geben ihm recht: 50.000 neue Arbeitsplätze sind in den letzten paar Jahren in Macao entstanden, die meisten davon in Casinos, Hotels und Unterhaltungsanlagen, die allesamt 24-Stundenbetrieb bieten. Bei einer Gesamtbevölkerung von gerade mal 520.000 Einwohnern ist unschwer nachzuvollziehen, dass dies gesellschaftliche Veränderungen zur Folge haben muss. „Viele Studenten verlassen vorzeitig die Schulen, da sie als Groupiers schnell viel Geld verdienen können“, sagt Pun Chi Meng weiter. Er ist einer der wenigen Kritiker dessen, was Pekings Regierung seit der Übernahme Macaos geleistet hat. Denn obwohl Macao wie Hongkong die Privilegien einer selbst verwalteten Provinz Chinas genießt, redet die Zentralregierung manchmal in wesentlichen Punkten mit. In Macao zum Beispiel, als es um das Privileg des erlaubten Glücksspiels ging.

Goldgräberstimmung hält an

Schon zu portugiesischen Zeiten war Macao eine Spielhölle, allerdings wurde sie bis 1999 praktisch von einem einzigen Mann kontrolliert: Dem Tycoon Stan Le Ho. Er war Herrscher über alle Casinos, die Pferde- und die Hunderennen in Macao und hatte als einziger eine Lizenz für Glücksspiele. Nach 35 Jahren Alleinherrschaft musste der Patriarch mit seinen vier Ehefrauen im Jahr 2000 Platz machen am größten Roulettetisch Asiens. Denn China als neuer Herr im Land wollte in Macao die Karten einmal kräftig neu mischen. Peking gestand Macao zwar weiterhin das Privileg des erlaubten Glückspiels zu, doch sollten nebst dem großen Stan Le Ho auch andere davon profitieren können. Die kommunistische Regierung wollte mit mehr Konkurrenz den Markt beleben. Und das ist ihr offensichtlich gelungen: So mischen heute nicht nur die größten Geldspiel-Firmen aus Las Vegas beim Kampf ums große Geld im Südchinesischen Meer mit, sondern auch Australier, Singapurer und Russen versuchen auf der kleinen Halbinsel ihre Glückstempel zu errichten. Und so lange Chinas Wirtschaft auch nur ein bisschen weiter wächst, wird wohl die Goldgräberstimmung in Macao anhalten. Zur Freude der Gewinner und zum Leid der Verlierer. Wie das eben so ist beim Spiel.

Pascal Nufer


Macao Info Fast 30 Millionen Besucher strömen jedes Jahr nach Macao, mehr als die Hälfte davon Festlandchinesen, die vor allem eins wollen: Spielen. Attraktiv ist aber auch der historische Teil der Stadt: Mittelalterliche Kirchen, ein Stadtzentrum, das aussieht wie irgendwo in Südeuropa und die vielen Überbleibsel der portugiesischen Kultur machen Macao zu einem unvergleichlichen Erlebnis. Viel zu sehen gibt es allerdings nicht und zwei bis drei Tage reichen, um ein paar Eindrücke mitzunehmen. Bummel durch die Altstadt Der eigentliche Kern und das historische Zentrum Macaos liegen auf der Halbinsel selber. Hier sind die Kirchen und Plätze aus dem 17. und 18. Jahrhundert zu finden. Hier steht auch das Wahrzeichen, die Fassade der Kirche des St. Paul’s College. Vom Senado Square aus, dem eigentlichen historischen Stadtzentrum lässt man sich am besten einfach treiben. Durch Shoppingarkaden, in kleine Seitengässchen, von Kirche zu Kirche vorbei an kleinen Straßenmärkten, chinesischen Teehäusern und portugiesischen Restaurants. Tipp: St. Paul’s Fine Art, die kleine Galerie zu Fuße der großen Treppe bei der St. Paul’s Kirche. Hier stellen nicht nur lokale Künstler ihre Werke aus, die Bar auf der Dachterrasse des historischen Gebäudes ist auch ein Treffpunkt interessanter junger Leute aus Macao und bietet einen perfekten Ausblick auf die berühmte Fassade der Kirche. St.Paul’s Fine Art, Travessa de S. Paulo No. 3, 5, 7 Macanesisch So bezeichnen die Leute in Macao nicht nur die Abkömmlinge von portugiesisch-chinesischen Mischehen, sondern auch das Essen, das diese zu kochen wissen. Diverse Restaurants behaupten von sich, den besten Mix aus der traditionell fleischlastigen portugiesischen Küche und der unerschöpflichen chinesischen Esskultur zu kreieren. Ausprobieren lautet die Devise und als Faustregel gilt: Je einfacher das Lokal desto größer die Authentizität. Tipp: „A Vencedora“ an der 264 Rua do Campo. Tel: 28355460 Portugiesisch Wer gerne einmal richtig portugiesisch isst, ist auf der Insel Taipa richtig. Das Taipa Village war das einstige Fischerdorf der Insel und liegt heute längst nicht mehr am Meeresufer. Denn wo einst die Brandung gegen die Fischerboote schlug, ist heute künstliches Festland und Haltestelle für die Busse, welche die Touristen in die neuen Spieltempel Venetian  & Co bringen.  Wenige verirren sich allerdings in die kleinen Gässchen von Taipa Village, das vor allem von Expatriates bewohnt und besucht wird. Hier gibt es nebst diversen portugiesischen auch italienische und verschiedene chinesische Restaurants, die einen Besuch wert sind. Tipp: „A Tasca Do Luis“ an der Rua Correia de Silva No. 57-59, Tel: 28827636 Coloane So heißt die kleinste und am wenigsten überbaute Insel Macaos. Wer genug hat vom Grün der Baccara- und Roulettetische ist hier richtig. Die kleine Insel im Süden hat einen kleinen Strand, ein hübsches Fischerdorf und ganz nette kleine Fischrestaurants am Meer. Ein Spaziergang durch Coloane Village lohnt sich nur schon für einen kurzen Zwischenstopp in der  Lord Stow’s Bakery, der angeblich besten portugiesischen Bäckerei Macaos. Hier unbedingt die Spezialität der Insel kosten: Die warmen Eierkuchen sind spitze. Casinos Es gibt mittlerweile über 20 Casinos in Macao. Der größte Komplex ist das Venetian auf dem Cotai Strip, das nebst einer Shoppingmall, Hotel und Unterhaltungsanlagen (bald hat hier auch der Cirque du Soleil seine erste Asien-Residenz) demnächst auch eine Schönheitsklinik beherbergt. Die weiteren Riesentempel sind das Crown (hier unbedingt die Bar im 38. Stock besuchen), das Sands, das MGM Grand, das WYNN und das berühmte Lisboa, die älteste von Macaos Geldvernichtungsmaschinen. Geld Ist die wichtigste Nebensächlichkeit in Macao. Bezahlt wird entweder in Patacas, der lokalen Währung oder in Hongkong-Dollar, die im Verhältnis 1:1 angenommen werden. Geldautomaten gibt es in allen Casinos, Maestrokarten und alle gängigen Kreditkarten sind geläufig. Ein- und Anreise Für die Einreise nach Macao reicht ein gültiger Reisepass, Visum braucht man als EU-Bürger oder Schweizer keines. Macao liegt nur 45 Minuten per Speedboat von Hongkong entfernt und lohnt sich auch als Tagesausflug. Der internationale Flughafen ist aber auch bestens an Bangkok angebunden. (Air Asia und Bangkok Airways haben tägliche Direktflüge) Hotels Fast alle Casinos haben auch ein Vier- oder Fünfsternehotel mit auf dem Gelände. Demnächst eröffnet werden ein Four Seasons-, ein Grand Hyatt-, ein Mandarin Oriental-, ein Shangrila- und ein Ritz-Carlton-Hotel.

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