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Nordthailand:

Es geht auch ohne Menschenzoo

Bergvölkertourismus auf die sanfte Art im Norden von Thailand.

Lahu, Akha, Lisu, Karen oder Hmong – mindestens eines dieser Bergvölker im Norden Thailands steht auf dem Programm praktisch jeder Pauschal-Tour rund um Chiang Mai oder Chiang Rai. Was in den meisten Fällen zur reinen Massenabfertigung für Busladungen von Touristen verkommen ist, geht aber auch anders. Ein Besuch in einem Bergdorf muss nicht zwangsläufig dem Besuch eines Menschenzoos gleichkommen.

Es ist eine Reise in eine vergangene Zeit, eine Reise in eine andere Welt und eine Reise an einen Ort, von denen es in Thailand nicht mehr viele gibt: Unser Ziel heißt Muang Noy: Ein kleines Dorf in einem Seitental an der Hauptverkehrsachse zwischen Chiang Mai und Chiang Rai. Hier leben Leute von mindestens vier verschiedenen Volksstämmen seit Jahrzehnten friedlich nebeneinander und miteinand

Urwaldriesen und Farnplantagen

Man würde es kaum glauben, dass man nur 60 Kilometer entfernt ist von der zweitgrößten Stadt Thailands. Eine Asphaltstraße in schlechtem Zustand windet sich in Serpentinen ins Seitental hinein und mit jeder Kurve spürt man, wie die drückende Hitze der Nachmittagssonne etwas erträglicher wird und wie man sich von der Hektik des Alltags entfernt.

Schon nach wenigen Kilometern erreichen wir ein Dorf mit den hier typischen Bambushütten auf Stelzen. Es ist Doi Mod, ein kleines Lahu Dorf, das regelmäßig von großen Tourbussen besucht wird. Die Bewohner sind es dementsprechend gewohnt, gegen ein paar Baht ihre traditionellen Kleider anzuziehen und für Fotos zu posieren. Unsere Reise geht deshalb rasch weiter, vorbei an Doi Mod bis die Straße die letzte Windung nimmt und sich hinter einer Hügelkuppe eine kleine Hochebene öffnet.

Der Blick schweift nun über Bambuswälder, letzte Urwaldriesen, Blumenfelder und Farnplantagen. Es ist halb fünf und wir sind fast am Ziel. Die Sonne steht schon tief und es weht ein angenehmer Wind vom Talboden herauf. Die letzten Kilometer führen uns durch das Dorf Muang Noy, was übersetzt genau das heisst, was es ist: Kleines Dorf. Am anderen Ende der Siedlung, zu Fuße des buddhistischen Tempels stellen wir unser Auto ab: Wir sind in der Trekker Lodge angekommen, der einzigen Touristenunterkunft im Dorf.

Big Ben lässt grüssen

Es ist eine Wohltat für die überreizten Sinnesorgane: Minute um Minute gewöhnen sich die Ohren mehr an die feinen Töne der Grillen, das Summen der Bienen und das Zwitschern der Vögel. Der Duft von frischem Gras mischt sich mit der leicht modrigen Note des Dschungels, der links und rechts die Hügel bedeckt. Plötzlich wird die Idylle von einem lauten Knacken unterbrochen, es folgt eine billige elektronische Version des berühmten Big Ben Glockenspiels, das offensichtlich vom Dach des nahen Tempels kommt.

„Es ist fünf Uhr“ ruft uns eine Frau entgegen, die lachend die Treppe herunter zu rennen kommt und sich als Coo vorstellt. Ihr Vollmondgesicht sieht nicht thailändisch aus. Sie ist vom Stamm der Hmong, wie sie uns später erklärt. Coo Saelee ist die Besitzerin und Managerin der Trekker Lodge, sie lebt schon seit bald zehn Jahren hier oben und kennt die Region wie ihre eigene Westentasche.

Vom Opium zum Biodiesel

Mit Unterstützung des Engländers Oszey Calland führt sie das kleine Gästehaus mit den vier Bungalows auf eine Art, wie man es sich oftmals nur wünschen würde. „Wir wollen hier einen sanften Tourismus betreiben und achten darauf, als gutes Beispiel voranzugehen“, bestätigt auch Oszey, der im Moment gerade für ein paar Wochen hier ist und mit Coo zusammen neue Ideen für die nächste Saison bespricht. Die Trekker Lodge ist so etwas wie das Scharnier zwischen der lokalen Bevölkerung im Tal und den Touristen, die hierher kommen. „Wir wollen den Austausch fördern, damit sowohl die Besucher, als auch die Leute von hier etwas davon haben“, erklärt Coo ihr Konzept. Konkret geht es im Moment um die Landwirtschaft.

Immer mehr Chemie finde auch den Weg in diese versteckte fruchtbare Hochebene, beklagt sich die umweltbewusste Lodge-Betreiberin. Das Tal war einmal ein Vorzeigeprojekt des thailändischen Königs. Denn hier wurde noch vor gut 20 Jahren Schlafmohn angebaut für die Produktion von Opium und Heroin. Das Königsprojekt sollte die Bauern weg vom Opium und hin zu einer nachhaltigen Produktion von Gemüse, Blumen, Kaffee und Tee bringen. Was anfänglich sehr gut funktionierte, ist innerhalb der letzten drei Jahre aber gekippt. Anstelle von Biolandbau wechseln immer mehr Bauern zu Monokulturen von Mais und Zuckerrohr. Die Ernte verkaufen sie dann an Produzenten von so genanntem Bio-Diesel und streichen kurzfristig eine höhere Rendite ein als mit Bio-Blumen oder Bio-Gemüse.

Bei Coo haben längst die Alarmglocken geklingelt. Sie selber kämpft gegen diese Entwicklung und den Ausverkauf ihrer Oase an. Sie versucht nicht nur mit den Leuten über die Gefahren zu reden, sondern geht auch als Vorbild voran:

„Auf den Tellern meiner Lodge landen nur Produkte aus biologischem Anbau. Es sind Produkte aus der Region und Produkte, die zum Teil in meinem Garten wachsen. Ohne jegliche Chemie!“

Wissen bewahren

Und damit nicht genug. Oszey will mit der Lodge längerfristig noch weiter gehen: „Wir wollen eine Art Zentrum für alternative Medizin werden. Mit Yoga- und Reikikursen und allem, was zu einem ganzheitlichen Ansatz gehört.“ Denn das Wissen über die Kraft der lokalen Heilkräuter gehe im Moment gerade verloren, erklärt der Brite. Im Lahu-Dorf Huay Nam Rin, das unmittelbar hinter der Trekker-Lodge liegt, lebe noch ein richtiger Schamane und die Leute hätten ein enormes Wissen über die Heilkräfte der Natur. Es sei sehr wichtig, sie darin zu bestärken, dass dies ein Schatz sei, den sie hüten sollten.

Coo und Oszey wollen das kleine Anwesen mit den vier Bungalows und der eigenen Teeplantage künftig denn auch neu benennen. „Wir haben uns verändert über die Jahre. Unsere Trekker-Zeiten sind vorbei und wir sind irgendwie älter und weiser geworden“, sagt Coo mit einem breiten Grinsen im Gesicht. „Orchids and Butterflies“ passt doch heute irgendwie besser!“  sagt sie und serviert uns einen selbstangebauten Grüntee. Ich genieße den warmen Tee und lasse meinen Blick über die friedliche Ebene schweifen. Die Zikaden laufen zur Hochform auf und scheinen das ganze Tal in eine scheppernde Blechpfanne zu verwandeln, während die letzten Sonnenstrahlen dieses schwülheißen Juli-Tages langsam hinter der Hügelkette im Westen verschwinden.

Coo und Oszey erzählen mir an diesem Abend noch bis spät in die Nacht hinein von ihren Plänen, wie sie die Dörfer um die Trekker Lodge wieder mehr zur Natur zurück bringen wollen.  Sie hoffen, dass das Tal schon bald wieder zur grünen Oase zurückfindet, wie es dies vor wenigen Jahren noch war. Eine Oase, sowohl für die Leute die immer dort leben, als auch für Leute wie mich, die hier nur für ein paar Tage Erholung und Natur suchen.

Von: Pascal Nufer Fotos: Pascal Nufer

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