Südostasien-Experten:

Looses Lust auf Thailand

Die Südostasien-Experten Stefan und Renate Loose haben schon ganze Generationen von Urlaubern durch Thailand geführt – und werden einfach nicht müde.


Mit Blick in einen tristen Berliner Hinterhof und auf einer geliehenen Schreibmaschine, aber beseelt vom exotisch-bunten Asien entstand vor 30 Jahren ihr erster Südostasien-Reiseführer: Stefan (63) und Renate Loose (56) gelten als Eltern des klassischen Traveller-Handbuchs und haben schon Generationen von Urlaubern an die Hand genommen. Die von ihnen gegründete, orangefarbene Globetrotter-Reihe umfasst heute an die 40 Titel, während sie mittlerweile selbst zu einer Legende geworden sind. Noch immer sind die beiden Asien-Fans als Autoren auf Recherche unterwegs – zuletzt drei Monate in Thailand, zu dem sie eine besonders intensive Beziehung entwickelt haben.

Können Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit Thailand erinnern?


Stefan: Ja, es muss wohl im August 1973 gewesen sein, als ich mit Freunden im Norden Thailands gereist bin – also noch zu den spannenden Zeiten des Vietnamkriegs. Leider war der Monsun in jenem Jahr besonders ausgeprägt, und im wahrsten Sinne des Wortes ist Vieles ins Wasser gefallen.

Was macht für Sie den besonderen Reiz des Königreichs aus?


Renate: Thailand ist das Tor nach Süd-ostasien. Es bietet eine angenehme Mischung aus Bekanntem und Exotik sowie eine gewachsene und hervorragende touristische Infrastruktur. Besonders genießen wir die exzellente Thai-Küche – und das Wiedersehen mit vielen Freunden und Bekannten, die wir teilweise schon seit Jahrzehnten kennen.
Stefan: Mich beeindruckt immer wieder die erstaunliche Vielfältigkeit der Menschen – von der malaiischen Minderheit im Süden über die Bewohner des laotischen Isan bis hin zu den Lanna-Thai und Bergvölkern im Norden oder auch die modernen Thais in Bangkok.

Haben Sie ein Lieblingsziel in Thailand?


Stefan: Am meisten fasziniert mich die Bergwelt im Norden. Orte wie Mae Sariang, Mae Salong aber auch Nan oder Phayao liegen zwar nicht an den ausgetretenen Touristenpfaden, bringen dem Besucher aber die Kultur, Geschichte und Mentalität der Menschen weitaus näher als die einschlägigen Urlaubsorte. Ohnehin sollte man herausfinden, was das Land für einen persönlich bereit hält. Wer seine eigene Route findet, wird viel Neues entdecken – auch über sich selbst.
Renate: Auf dem Weg von Ratchaburi nach Damnoen Saduak hat mich die idyllische Landschaft des Mae Klong-Flusses rings um Amphawa begeistert – mit etlichen geruhsamen Dörfern, kleinen schwimmenden Märkten und einer wunderbaren Kathedrale. Aber natürlich tauche ich auch immer wieder gern in den dichten Dschungel von Bangkok ein, in dem es ständig Neues zu entdecken gibt.

Was ist von der Recherche-Reise in besonders guter Erinnerung geblieben?


Renate: Gerade in abgelegenen Gebieten haben uns immer wieder die unglaubliche Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen begeistert, aber auch ihre grundsätzlich positive Lebenseinstellung, die wirklich ansteckend sein kann.

Gab es auch Negativ-Erlebnisse?


Stefan: Was es leider reichlich gab, waren Negativ-Schlagzeilen über Thailand – das sogar über mehrere Wochen hinweg und in der ganzen Welt. Blutige Nasen in Bangkok und vermummte Gestalten auf internationalen Flughäfen sind für ein Urlaubsland nun mal keine besonders gute Werbung. Erst recht nicht während einer globalen Wirtschafts- und Tourismuskrise.
Renate: Man sollte nicht den Ast absägen, auf dem man sitzt … Wir haben unterwegs zum Beispiel viele Reisende getroffen, die über Land eingereist sind und nur noch ein 14-tägiges statt wie bisher 30-tägiges Visum für Thailand bekommen haben. Derart verschärfte Einreisebestimmungen wirken in Zeiten wie diesen natürlich völlig unverständlich – und absolut kontraproduktiv.

Hat sich das Reiseverhalten im Laufe der Jahrzehnte verändert?


Stefan: Ja – sogar sehr, denn in den 1970er Jahren gab es keinen Massentourismus. Der typische Thailandurlauber war Individualtourist, das Herumreisen hier noch abenteuerlich und anstrengend. Zudem bringen die meisten Traveller heute weniger Zeit mit, aber mehr Geld. Das brauchen sie auch. An den meisten Stränden sind die einfachen Hütten längst luxuriösen Bungalows gewichen.
Renate: Die jüngere Generation ändert ihre Reiseziele heute unterwegs sehr viel spontaner, während sich auch die Informationen immer rasanter ändern. Deshalb stellen wir auch ständig aktuelle Updates auf unsere Internetseite.

Welche Spezies reist „sanfter“ –  Individual- oder Pauschaltouristen?

Stefan: Das ist letztendlich eine Frage des Feingefühls … Wer wie ein Elefant im Porzellanladen auftritt, wird wohl in jeder Kultur zerstörerische Einflüsse hinterlassen. Andererseits kann der Tourismus auch zur Belebung von Traditionen beitragen, die im Aussterben begriffen sind.

Fühlen Sie sich eigentlich mitverantwortlich, dass aus idyllischen Hippie-Zielen wie Koh Samui Massendestinationen geworden sind?

Stefan: Als Autoren können wir die Entwicklung zwar in gewisser Weise mit beeinflussen, aber letzten Endes nicht steuern. Wir haben uns oft verkniffen, über bestimmte Dinge zu schreiben, wenn es die lokalen Verhältnisse nicht vertragen hätten. Aber obwohl wir zum Beispiel die Umweltzerstörung auf Koh Phi Phi immer drastisch geschildert haben, sind unsere Leser trotzdem dorthin gefahren.

Sicher ist Ihr Auftauchen mancherorts gefürchtet. Reisen Sie eigentlich anonym oder melden Sie sich an?

Renate: Sofern möglich, reisen wir anonym, denn die unabhängige, kritische Prüfung gilt ja schließlich als Qualitätsmerkmal der Loose-Reiseführer. Sich in hunderten Hotels anzumelden wäre ja allein vom Aufwand her gar nicht zu schaffen.
Stefan: Am liebsten tauchen wir spontan auf. Manchmal ist es schwierig, anonym zu bleiben – wie zum Beispiel auf Busbahnhöfen. Hier will man uns oft lieber in den nächsten Bus schieben, als mit den notwendigen Infos zu Abfahrtszeiten und Preisen beliefern.

Was machen Sie am Ende eines Recherchetages – geben Sie ein Bier aus, wenn Sie in der Kneipe einen Loose-Leser entdecken?

Stefan: Früh morgens stehen das Tourist Office und der Busbahnhof auf dem Programm, tagsüber die Inspektion von 50 Unterkünften und abends dann die Restaurants.  Danach gibt es nichts schöneres, als Loose-Lesern bei einem kühlen Bierchen noch Geheimtipps zu geben, um dann zwischen 1 und 3 Uhr morgens auf dem Bett in einem hellhörigen Backpacker-Zimmer den Papierkram zu erledigen …
Renate: Mal ganz im Ernst: Wir haben schon Leuten am Nachbartisch erstaunt zugehört, die erzählten, sie hätten den Loose gerade im Flugzeug getroffen, was natürlich nicht den Tatsachen entsprach – und uns köstlich amüsiert hat.

Empfinden die Urlauber Ihre dicken Handbücher im Zeitalter der Elektronisierung nicht eher als Ziegelsteine im Gepäck?

Stefan: Was die neuen technischen Möglichkeiten angeht, so bleiben wir natürlich am Ball. Der Informationsabruf über das Mobilnetz dürfte enorm zunehmen. Deshalb wird schon unsere nächste Ausgabe verstärkt mit den digitalen Medien verknüpft sein. Schließlich kann man bereits mit Handys seine E-Mails abrufen oder surfen und sich über die GPS-Funktion ja heute schon durch Thailand navigieren lassen.
Renate: Trotz der neuen Technologien hat die Buchform bemerkenswerte Vorteile und gehört für viele Reisende einfach zum Urlaubserlebnis. Unterwegs entwickeln sie ein persönliches Verhältnis zu ihren Handbüchern, die ihnen ja stets auch ein Stück Sicherheit bieten. Nicht wenige stellen ihre Reiseführer hinterher ins Regal – als Erinnerung und authentische Ergänzung der Urlaubsfotos.

Wann wird der neue Reiseführer erscheinen – und in welcher Form?

Stefan: Nach all den Jahren erarbeiten wir keine weitere Neuauflage, sondern von Konzept, Inhalt und Layout her einen komplett neuen Thailand-Reiseführer. Er wird rechtzeitig zur Saison im November erscheinen.

Welche Reisepläne hegen Sie für den Rest des Jahres?

Renate: Wir freuen uns, nun erst einmal wieder für einige Zeit in Berlin bleiben zu können – zumal ja auch die ganzen Schreibarbeiten erledigt werden müssen. Doch möchten wir in 2009 auf jeden Fall noch einige Inseln jenseits von Bali erkunden und in den östlichen Himalaya zurückkehren, wo wir mit Freunden in Sikkim und Bhutan trekken wollen. Demnächst geht es aber erst einmal auf Familienbesuch nach New York, um das erste Enkelkind zu besichtigen.

Volker Klinkmüller

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