Thailand:

Saksith Saiyasombut
Saksith Saiyasombut

"Wir sind ein gespaltenes Land"

Wie denkt ein 24-Jähriger, der in Deutschland aufgewachsen ist, über die Politik im Land seiner thailändischen Eltern? Ein Interview mit dem Blogger Saksith Saiyasombut.


Saksith Saiyasombut ist Thai-Hanseate. Seine Eltern kommen aus Thailand, aufgewachsen ist er in Bremen. Er hat eine tiefe Stimme, die von vielen gehört wird. Vor allem im Internet: Der 24-Jährige schreibt für den renommierten Blog Siam Voices über Politik in Thailand. Er hat sein Studium der Asienkunde an der Uni Hamburg derzeit unterbrochen und ist nach Bangkok gereist, um bei den Wahlen ganz nah dran zu sein.
Bei seiner Reiseplanung bewies er politisches Gespür: Seinen Flug hatte er bereits im Februar gebucht, als der Wahltermin noch gar nicht feststand. thaizeit.de hat sich mit ihm unterhalten.
Was ist der größte Unterschied zwischen thailändischen und deutschen Politikern?
Die thailändischen Politiker sind unverhohlener, wenn es um Dreistigkeiten geht. Sie machen sich zum Beispiel weniger Mühe, Selbstbereicherungen zu verdecken. Der Hauptunterscheid ist aber, dass sich thailändische Politiker weniger um Interessenskonflikte scheren.
Woran liegt diese offene Unverhohlenheit? Müssen Politiker in Thailand weniger Konsequenzen fürchten?
Ja.  Ich glaube, dass die Gesellschaft und die Medien sich hier weniger zutrauen, etwas anzuprangern.
Welche Szenarien hältst Du nach der Wahl für möglich?
Wenn man den Umfragen glaubt, steht es außer Frage, dass die Pheu-Thai-Partei gewinnen wird. Wenn sie die absolute Mehrheit erringt, kommt es darauf an, wie die außerparlamentarischen Kräfte reagieren. Ob zum Beispiel das Militär das zulässt.
Wenn Pheu-Thai  die absolute Mehrheit verfehlt, kommt es darauf an, wer mit wem eine Koalition bilden kann. Dann kann es sein, dass die Demokratische Partei  in der Regierung bleibt.
Droht Thailand ein Chaos nach den Wahlen?   
Ich glaube nicht, dass es direkt nach den Wahlen ein Chaos geben wird. Es hängt davon ab, was die neue Regierung machen wird. Wenn Pheu-Thai zum Beispiel ihre Amnestie-Vorhaben durchprescht und einen Blankoscheck  an alle – inklusive Thaksin – ausstellt, wird es bestimmt einen  Aufschrei geben und die Anti-Thaksin-Kräft werden aufmarschieren.
Wenn die Demokratische Partei wieder an die Macht kommt, obwohl Pheu-Thai mehr Stimmen hat oder wenn eine außerparlamentarische Kraft eine Pheu-Thai-Regierung verhindern will, dann gehen die Rothemden bestimmt wieder auf die Straße.  
Es ist sehr schwer zu sagen, was passieren wird. Aber solange die Probleme der vergangenen Jahre nich t gelöst werden – die Folgen des  Militärputsches, die unaufgeklärten Toten nach den Unruhen 2010, die offensichtliche Politisierung der Armee – dann wird in irgendeiner Art und Weise etwas passieren.
Wie haben die Proteste von 2010 Thailand verändert?
Meiner Meinung nach kann Thailand sich nicht mehr vormachen, dass wir ein geeinigtes und friedliches Land sind. Wir sind zum Teil ein gespaltenes Land und die Politik ist sehr explosiv.
Was muss geschehen, damit der Traum von der Versöhnung in Erfüllung geht?
Das Problem mit der Versöhnung ist, dass das in Thailand bedeuten würde, alles unter den Teppich zu kehren und weiterzumachen wie bisher. Ich denke, echte Versöhnung kommt nur durch faktenbasierte Aufklärung. Durch Wahrheit.
Die Wahrheit ans Tageslicht zu bringen gehört zu den Aufgaben der Medien. Wie objektiv und investigativ berichten die Medien in Thailand Deiner Meinung nach über Politik?
Die englischsprachigen Medien, wie die Bangkok Post oder The Nation machen ihren Job in meinen Augen nicht gut. Es kommt zu Verzerrungen in der Berichterstattung.  Ich will nicht sagen, dass die Thai-Medien viel besser arbeiten, aber es gibt zumindest eine größere Meinungsvielfalt. Das thailändische Fernsehen tendiert dagegen vorzugsweise zur Regierung.
Wie würdest Du die politische Kultur in Thailand beschreiben?
Ich glaube schon, dass seit den vergangenen Ereignissen ein politisches Bewusstsein in allen Gesellschaftsschichten  entstanden ist. Da tut sich was. Auf der anderen Seite kann ich es niemandem verübeln, wenn er müde von der Politik ist. Es gibt diese thailändische Floskel: "Politik spielt". Das bezieht sich auf die Berufspolitiker, die den Kontakt zum Volk verloren haben. Für viele Leute ist Politik damit eben nur eine Sache, die ein paar reiche Männer unter sich ausmachen.
Könnten die Proteste und die Wahlen so etwas wie einen Urknall in Thailand auslösen und für ein neues politisches Bewusstsein sorgen?  
Ja, es könnte eine Initialzündung geben. Man muss aber bedenken, dass es dabei nicht um wirtschaftliche Gleichheit geht, sondern um poltische Mitbestimmung: Die Menschen in Bangkok empfinden das nicht so sehr, weil Thailand sehr zentralistisch ist. Aber die Rothemden auf dem Land fordern nun auch ihr Recht auf Mitbestimmung. Natürlich wollen manche von ihnen auch einfach nur Thaksin zurück, obwohkl sie sich bewusst sind, dass er einer der schlimmsten Politiker war, den das Land je gesehen hat.
In Umfragen kommt zum Ausdruck, dass ein großes Misstrauen gegen die Wahlkommission herrscht.
Grundsätzlich gibt es große Vorbehalte der Bevölkerung gegen alle staatlichen institutionen. Man muss bedenken, das nach dem Militätputsch von 2006 der gesamte Staatsapparat auf den Kopf gestellt und umstrukturiert wurde. Zum Beispiel wird dem Verfassungsgericht und der Justiz vorgeworfen, dass sie stark vom Militär beeinflusst werden und von Grund auf gegen Thaksin eingestellt sind. Und die Chefin der Wahlkommission hat selbst schon resigniert und öffentlich gesagt, dass Wahlen nichts ändern können und sie eigentlich die Schnauze voll habe von ihrem Job. Das erweckt natürlich auch nicht gerade Vertrauen.  
Du bist bei Twitter sehr aktiv. Welche Rolle werden die sozialen Onlinenetzwerke Deiner Meinung nach bei der Wahl in Thailand spielen?
Keine besonders große. Social Media wird in Thailand etwas überschätzt. Thailand ist nicht Ägypten oder Iran: Dort ist sind die Gesellschaften viel jünger, fast ein Drittel ist unter Dreißig. Es gibt eine größere urbane Bevökerung und eine größere Internetdichte. In Thailand herrscht dagegen eine große digitale Spaltung. Der Großteil der Internetaktivitäten konzentriert sich auf Bangkok. Die Rothemden haben 2010 ihren Protest auch nicht mit Twitter und Facebook organisiert, sondern per SMS.
Was für Social Media spricht: Social Media ist dann nützlich, wenn die traditionellen Medien versagen. Und das tun sie in mancher Hinsicht voll und ganz. Das bietet uns Bloggern die Möglichkeit, unsere Meinung kund zu tun und eine andere Perspektive reinzubringen. Von den Medien spricht man vierte Gewalt im Staat; jetzt gibt es aber auch eine fünfte, und das ist die Zivilgesellschaft: Aktive und gut vernetzte Bürger, die sich über Twitter, Facebook und Blogs  zu Wort melden.
Welche Überschrift würdest Du gerne nach den Wahlen über einen Blogeintrag von Dir schreiben können?
"Ich arbeite jetzt bei Al-Jazeera"
Christoph Stockburger


Der Blog von Saksith: saiyasombut.wordpress.com

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