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Innovationskraft für Thailand

Im Gespräch: Der ehemalige Wirtschaftsminister Dr. Narongchai Akrasanee, heute Vorstandsvorsitzender der Export-Import Bank of Thailand (EXIM) und der ehemalige Außenminister Prachuab Chaiyasan, heute Beiratsvorsitzender der Ramkhamhaeng Universität.


Als Minister hatten beide unabhängig voneinander viel mit Europa zu tun. Heute ist Dr. Narongchai Akrasanee Vorstandsvorsitzender der staatlichen Export-Import Bank, die thailändische Exporteure und Investoren unterstützt. Prachuab Chaiyasanist ist Beiratsvorsitzender der Ramkhamhaeng Universität, mit 525.000 Studenten eine der größten Unis der Welt.

Wie beurteilen Sie die deutsch-thailändischen Beziehungen?


Dr. Narongchai: Ich sehe Deutschland in erster Linie als großes Land innerhalb der Europäischen Union. Wir pflegen freundschaftliche Beziehungen und Deutschland verhält sich freundlich gegenüber Thailand, es gibt da kaum Probleme. Die Franzosen sind wegen ihrer starken Landwirtschaft stärker im Wettbewerb mit Thailand als Agrarland, aber Deutschland betrifft das nicht so sehr, hier überwiegen die Interessen der Industrie. Und wir sehen natürlich auch viele deutsche Touristen in Thailand. Die deutschen Urlauber sind beliebt, weil sie kaum negativ auffallen, auch im Gegensatz zu anderen Nationalitäten. Wir pflegen gute Beziehungen mit Deutschland.

Wie wichtig ist der deutsche Markt für thailändische Exporteure?


Dr. Narongchai: Ohne die exakten Daten für Deutschland zu kennen, ist die größte Volkswirtschaft der Europäischen Union natürlich wichtig und der größte thailändische Handelspartner innerhalb der Union. In die EU gehen etwa 15-16 Prozent der thailändischen Exporte, das kann man mit der Bedeutung der USA vergleichen. Aber wo genau welches thailändische Produkt im Warenkorb landet ist schwer zu sagen, wir liefern nach Rotterdam oder Frankfurt und Waren verteilen sich. Aber offensichtlich sind deutsche Produkte viel in Thailand zu finden, insbesondere Automobile und Maschinen. Aber wo wurde welches Einzelteil gefertigt? Nationale Identität verliert in Zeiten der Globalisierung an Bedeutung.

Nach einigen Jahren mit überwiegend negativer Presse über Thailand in Deutschland haben viele Deutsche Angst vor Reisen oder Investitionen in Thailand. Wie denken Sie darüber?


Dr. Narongchai: Thailands Bild in den Medien als Urlaubsziel und Investitionsland sollte besser sein. Ich hoffe, die Urlauber sind nicht zu besorgt. Sie haben gar nichts mit der politischen Situation zu tun haben, das sind interne Probleme. Thailand erlebt eine Phase des Umbruchs, in der viele Menschen sich politisch stärker einbringen wollen. Da kommt es natürlich zu Konflikten mit anderen Interessengruppen. Das ist eine natürliche Entwicklung, die auch andere Gesellschaften in der Welt durchlebt haben, und so müssen auch wir da durch – manchmal ist es einfach, manchmal schwierig. Im letzten Jahr ging es natürlich viel zu weit, als die Flughäfen besetzt wurden. Ich glaube aber nicht, dass das von langer Hand geplante Aktionen waren, sondern dass Dinge im Überschwang der Gefühle und Ereignisse passiert sind. Ich schätze die Verantwortlichen als nicht so dumm ein, aber wenn es geplant war, müssen diese zur Rechenschaft gezogen werden.

Damals waren deutsche Urlauber betroffen, bei den Demonstrationen in diesem Jahr war das nicht so. Ist die Lage jetzt stabil?


Dr. Narongchai: Nein, nicht völlig stabil, aber so etwas Dummes wie die Flughafenbesetzung wird nicht wieder vorkommen.

Wie beurteilen Sie die Situation für Investoren?


Dr. Narongchai: Ein anderer Bereich ist das ausländische und natürlich auch deutsche Interesse an Thailand als Geschäftspartner. Hier geht es um die gesetzlichen Rahmenbedingungen für Ausländer, die in Thailand Geschäfte machen wollen. Natürlich müssen wir dem positiv gegenüberstehen, aber es gibt dabei politische Probleme. Daher ist Thailand für ausländische Investoren immer noch streng reglementiert, viele Dienstleistungen sind komplett ausgeschlossen. Das ist bedauernswert. Die Regierung hat sicher die Absicht, Dinge zu liberalisieren, darum funktionieren ja auch die Strohmänner-Umwege schon so lange so gut. Es ist ja recht bequem, politisch nein zu sagen und praktisch ja. Der Hintergrund sind natürlich wirtschaftliche Interessen. Nachdem allerdings Strohmänner nun viel mit Ex-Premierminister Thaksin Shinawatra in Zusammenhang gebracht werden, ist eine moralische Diskussion darüber entbrannt und man sucht Auswege. Das Gesetz ohne politische Probleme zu ändern und Ausländern mehr Beteiligungsmöglichkeiten zu gewähren wäre gut, insbesondere in diesen Zeiten der Globalisierung.

Und Landbesitz?


Dr. Narongchai: Das ist ein anderes Thema. Ausländer sollten pachten, Besitz ist ein heikles Thema. Erlaubte man Ausländern Landbesitz, kauften reiche Ausländer natürlich viel auf und Thailänder hätten immer weniger Chancen, die guten Lagen zu erwerben. Erbpacht ist eine gute Lösung, wobei 30 Jahre zu wenig sind. Ich halte 50 Jahre für einen guten Zeitrahmen.

Glauben Sie, dass Thailand im Vergleich zu anderen Ländern in einer guten Ausgangsposition für den Wettbewerb um Investitionen ist?

Dr. Narongchai: Thailand hat viele geographische und landschaftliche Vorzüge, daher kommen Ausländer seit Jahrhunderten hierher. Sie wollen hier sein. Daher konnte Thailand auch nie kolonialisiert werden; die europäischen Mächte hätten sich niemals einigen können. Die Frage ist, wie wir von diesen Vorzügen am besten profitieren können. Der Schlüssel ist eine bessere Infrastruktur.

Glauben Sie, dass Thailand sich gut vermarktet?

Dr. Narongchai: Nicht gut genug.

Könnte das Board of Investment mehr machen?

Dr. Narongchai: Nein, das BOI macht schon viel. Es geht vielmehr um Infrastruktur, da sind Entscheidungen und Investitionen der Regierung gefragt, das dauert zu lange oder ist wegen der schwierigen politischen Lage gar nicht möglich. Dinge werden zu oft verschoben, das ist nicht gut.

Aber die Konjunkturpakete stellen viel Geld für Infrastrukturprojekte zur Verfügung …

Dr. Narongchai: Das ist geplant und ich hoffe, es funktioniert. Premierminister Abhisit Vejjajiva ist ein schlauer Mann, er wird Vorteile aus der Krise ziehen. Er kann so viele Investitionsprojekte vorziehen um die Wirtschaft anzuregen. Dabei muss er nicht langwierige Budgetierungswege beschreiten, sondern kann die Abkürzung nehmen und Ausgaben im Parlament absegnen lassen. So kann er einen Vorteil aus der Krise ziehen; ich hoffe er hat Erfolg damit. Vielleicht ja, aber wer weiß wie? Am wichtigsten ist daher das Management in Krisenzeiten. Abhisit weiß nichtmal selbst, wie lange er Premierminister bleiben wird. Wir investieren gerade viel Geld, aber wer wird es später verwalten? Er wird sicher auf eine schnelle Umsetzung drängen. Mir wurde gesagt, ab Oktober können wir Gelder vergeben. Prachuab: Eilige Entscheidungen sind nicht typisch Thai. Ich fürchte um die Effektivität bei den Investitionen, was wird letztlich dort ankommen, wo es gebraucht wird? Die Regierung könnte hier von Vorgängerregierungen lernen, fürchtet aber wahrscheinlich Gesichtsverlust. Dr. Narongchai: Die Thaksin-Regierung wird der Korruption beschuldigt, aber nichts ist bewiesen. Es gibt keinen richtigen Rechtsfall. Aber dennoch kann die jetzige Regierung die wirtschaftlichen Modelle der Vergangenheit nicht übernehmen, sie muss sich unterscheiden. Prachuab: Noch mal zurück zur Ausgangsfrage. Es gibt gute Beispiele, wie Wirtschaft stimuliert werden kann. Ein Beispiel ist das Distributionszentrum für thailändische Lebensmittel in München und die Kooperation mit dem Flughafen München. Thailändische Früchte, Blumen und Gemüse werden eingeflogen und europaweit verteilt. Das Modell ist sehr erfolgreich. Es könnte sogar noch besser laufen, wenn die deutschen Importeure von den Japanern lernen würden. Die haben innerhalb der letzten 25 Jahre ihre thailändischen Partner darin geschult, nur beste Produkte nach Japan zu exportieren. Dabei haben sie sich auf Mango, Kokosnuss und Spargel konzentriert. Hohe japanische Standards, Disziplin und Technologie machen Thai-Früchte in Japan erfolgreich.

Auch deutsche Unternehmen bringen Know-how nach Thailand, zum Beispiel Siemens in in Kooperation mit der King Mongkut’s Universität...Wie kann Deutschland Thailand in derheutigen Situation am besten helfen?

Dr. Narongchai: Thailand hat kein Geld-Problem, wir brauchen Know-how. Wenn deutsche Finanzinstitute nach Thailand kommen wollen, um sich an Projekten zu beteiligen, sollten Sie Wissen mitbringen und nicht Geld. Ich hoffe, die Regierung wird ausländischen und insbesondere auch deutschen Unternehmen erlauben, sich aktiv bei Projekten insbesondere in den Bereichen Energie, Infrastruktur und Finanzwesen zu engagieren. Und abgesehen davon geht es um Bildung, insbesondere im Bereich Innovation. Wir brauchen Innovation in Thailand! Hier wäre es fantastisch, mit Deutschland eng zu kooperieren, denn Deutschland ist gut in Innovation, seit Hunderten von Jahren. Prachuab: Kooperationen zwischen Universitäten und der Industrie können helfen. Einrichtungen, zum Beispiel für Forschung und Entwicklung, könnten gemeinsam betrieben werden, Studenten könnten parallel zum Studium in Unternehmen arbeiten, Studiengänge auf die Bedürfnisse der Industrie angepasst werden. Man könnte voneinander lernen.

Letzte Frage, Thema Wirtschaftskrise. Wie schätzen Sie die allgemeine Entwicklung ein?

Dr. Narongchai: Asien produziert und der Westen konsumiert, Asien spart und der Westen gibt aus. Hier müssen sich einige Dinge ändern. Die Finanzkrise betrifft uns in Asien kaum, aber wir spüren natürlich sehr deutlich die Wirtschaftskrise, unsere Exporte brechen ein. Positiv: Die Konjunkturpakete helfen weltweit, sind gute Maßnahmen, und der asiatische Binnenmarkt ist gigantisch, insbesondere angesichts unserer Freihandelsvereinbarungen. Auch Asien beginnt jetzt im großen Stil zu investieren und sich auch vom Finanzsystem her etwas unabhängiger vom Westen zu machen. Das sind gute Entwicklungen.

Mark Sonntag

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