Bangkok:

Tanzt Tango!

THAIZEIT erkundete die Tangoszene Bangkoks.


Paare sind versunken in der Musik, in ihren Schritten, den fließenden Bewegungen. Beim Tanzen werden sie zu einer Einheit, bewegen sich gemeinsam; der Mann weiß immer, wo die Frau gerade steht, auf welchem Bein sie ihr Gewicht hat. Er entscheidet, in welche Richtung es weitergeht, im Einklang mit der Musik.
Argentinischer Tango wird für viele zur Sucht. Sobald sie einmal Blut geleckt haben, wollen sie mehr, und Tango wird innerhalb kürzester Zeit zu ihrem Lebensmittelpunkt. Sie lernen in Workshops, in Tanzkursen, in freien Unterrichtsstunden sowie bei den „Milongas“, den Tanzabenden. Für viele führt der Weg irgendwann nach Buenos Aires, der Heimat des Tangos, wo sie ihre Sucht mit weiteren Unterrichtsstunden und freiem Tanzen zu stillen versuchen.
Der Tanz entwickelte sich in Argentinien bereits im 19. Jahrhundert und erlebte dort zur Zeit des Zweiten Weltkrieges seinen Höhepunkt. Doch Mitte des 20. Jahrhunderts war die Jugend eher an Rock’n’Roll interessiert, Tango galt als altmodisch. Das Revival kam in den 80ern, als große Bühnenshows internationalen Ruhm ernteten und sich in vielen Ländern eine Tangoszene zu entwickeln begann. In Europa entstanden die ersten Tangoschulen parallel in Amsterdam und Berlin.
Mittlerweile wird in sämtlichen Metropolen der Welt getanzt, wenn auch der Tango in Argentinien als einzigartig beschrieben wird – und sich zu einer wichtigen Einnahmequelle für das südamerikanische Land entwickelt hat. Im Mutterland des Tangos ist der Tanz nicht auf Show und große Posen ausgelegt, sondern wird zum Teil auf engstem Raum getanzt – unspektakulär und ruhig. Im September 2009 verlieh die UNESCO dem Tango schließlich und verdientermaßen den Status eines der „Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit“.

Tango ist Weltkulturerbe


Auch Asien konnte sich dem Tangofieber nicht entziehen. Bereits Anfang des letzten Jahrhunderts ging eine Tangowelle durch Japan. Mit internationalen Tourneen argentinischer Bühnenshows erreichte der Virus erneut den asiatischen Kontinent. Mittlerweile werden hier jedes Frühjahr asiatische Meisterschaften im Bühnen- und Salontango ausgetragen. In Bangkok loben die aktiven Tänzer zunächst die Möglichkeiten in Hong Kong, Seoul und Taiwan und betonen immer wieder, wie klein ihre Gemeinde doch noch ist. Mag sein, dass sie mit rund 50 Aktiven noch nicht viele Mitglieder umfasst, aber jeder Einzelne ist leidenschaftlich und mit dem Herzen dabei. Bei den wöchentlichen Milongas treffen sich durchschnittlich 25 bis 30 Personen. Hier sind auch immer wieder durchreisende Touristen dabei, die ihren Aufenthalt in Bangkok nutzen, um ihrer Leidenschaft nachzukommen.

Bangkok tanzt


Ähnlich wie in Deutschland vereint auch in Bangkok die Liebe zum Tango eine sehr heterogene Gruppe: Alter, Beruf, Herkunft verlieren beim Tanzen ihre Bedeutung. Welche andere Musikrichtung schafft es, eine Altersspanne von über 50 Jahren anzuziehen? Egal ob 25 oder 75 Jahre alt – bei einer Milonga wollen alle das Gleiche – tanzen und schöne Musik hören. Obwohl der Tanz für Außenstehende sehr vertraut wirken mag, ist er doch weniger intim als Salsa. Es ist üblich, auch mit Fremden zu tanzen – auffordern und aufgefordert werden, gehört dazu, auch wenn man mit einem Partner gekommen ist.
Im Vergleich zu Deutschland ist die Altersspanne in Bangkok zwar nicht so ausgeprägt, dafür vereint der Tanz hier eine größere Vielfalt an Nationen. Der Amerikaner und Südafrikaner, die Norwegerin, Japanerin und Schweizerin wollen genauso Tango tanzen wie die Thais, die rund die Hälfte der Gruppe ausmachen. Dennoch erreicht der Tanz leider noch nicht genug Einheimische. Die Thailänder, die sich bei den Milongas einfinden, scheinen alle eine sehr westliche Einstellung zu haben, sprechen sehr gut Englisch und haben zum Teil selbst schon im Ausland gelebt.

Deutscher Tanzlehrer

Die Begeisterung in Bangkok haben wir Andreas Lehrke zu verdanken. Der deutsche Tanzlehrer begann in Bangkok, Tango zu unterrichten und Tanzabende zu veranstalten. Er brachte innerhalb kurzer Zeit eine Gruppe von Neulingen dazu, Tango so sehr zu lieben, dass sie ihn nun aus eigener Kraft kultivieren. Als Lehrke 2008 aus Thailand wegzog, hatten sich einige Schüler so weit entwickelt, dass sie nun selbst die Rolle des Lehrers einnehmen können, wie die Thailänderin Suk. Der argentinische Botschafter Felipe Frydman kam tatsächlich als blutiger Anfänger zu Lehrke und ist mittlerweile nicht nur begeisterter Tänzer, sondern veranstaltet selbst Tanzabende oder lädt Lehrer aus dem Ausland ein, wie zuletzt Hugo Paez mit seiner Partnerin Romana. Mittlerweile kann man in Bangkok an einigen Tagen der Woche Tango tanzen. Ich sammelte passenderweise im Xperience meine ersten thailändischen Tangoerfahrungen. Jeden Dienstag kann man hier ab 19.30 Uhr bei Suk Unterricht nehmen. Eine Stunde später beginnt das offene Tanzen. Suk spricht nicht nur sehr gut Englisch, sondern kann auch beeindruckend gut die führende Rolle des Herrn einnehmen. Später lerne ich, dass sie nicht die einzige Frau ist, die dies kann. Schließlich gibt es zwar nicht bei den Milongas, aber zum Teil bei den Workshops oftmals Männermangel.

A tango night in Bangkok

Ich sitze alleine an einem Tisch und beobachte zwei übende Paare beim Unterricht. Während es auf 20.30 Uhr zugeht, füllt sich das Restaurant mit Leuten, die sich unterhalten, ihre Alltagsschuhe durch Tanzschuhe ersetzen und einen Cocktail, ein Bier oder ein Essen zu sich nehmen. Spätestens mit der Ankunft einer 15-köpfigen Tangoreisegruppe aus Deutschland ist die Tanzfläche an diesem Abend mit Tanzpaaren gut gefüllt. Neben der ausgewogenen Musikmischung von modernen Stücken und Klassikern beeindruckt mich das durchweg hohe Tanzniveau. Viele der Männer und Frauen tanzen den Tango gerade mal seit ein paar Monaten. Sie hätten mir genauso erzählen können, sie würden seit zehn Jahren jede Woche üben, ich hätte es ihnen geglaubt. Die Stimmung im Xperience ist offen und freundlich, der Umgang unter den Gästen ist vertraut und angenehm. Ich werde von vielen herzlich begrüßt, in Gespräche verwickelt und zum Tanzen aufgefordert. Nach drei weiteren Abenden in der Tangogemeinde Bangkoks fühle ich mich nicht nur willkommen, sondern aufgenommen und integriert. Ich empfehle meine Erfahrungen jedem weiter, der in Bangkok lebt oder die Stadt auch nur besucht. Selbst wenn man nie in Erwägung ziehen würde, selbst zu tanzen, sollte man sich die Milonga im Xperience mal anschauen, um die besondere Atmosphäre kennen zu lernen. Aber sagen Sie danach nicht, Sie wären nicht vor der Suchtgefahr gewarnt worden!

Jule Kunkel


Tango in Bangkok Ausführliche Informationen zu Milongas, Unterricht und der Tangoszene in Bangkok sowie den Terminplan finden Sie hier: www.tangobangkok.com www.siamtango.com Tanzlehrerin Suk Tel: 081 8473822 E-Mail: tangobangkok@gmail.com Milonga im Xperience Wo: Thonglor-8-Gebäude, BTS Thonglor. Wann: Jeden Dienstag ab 20.30 Uhr. Eintritt: Mindestverzehr von 250 Baht. Inklusive Unterricht ab 19.30 Uhr: 400 Baht.

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