Thailand Wirtschaft und Politik:

Für mehr Verständnis zwischen Deutschland und Thailand

THAIZEIT sprach exklusiv mit dem kommenden Botschafter Thailands in Deutschland, Dr. Charivat Santaputra.


Wir sind verabredet in einem edlen, intimen Besprechungsraum, direkt neben der Vithet Samoson Hall, der prunkvollen Empfangshalle des Außenministeriums. Eilig schreite ich den breiten Gang mit edlem Parkettboden, wertvollen Gemälden, Skulpturen und goldenen Verzierungen entlang – und laufe direkt an meinem Gesprächspartner vorbei, so bescheiden wartet der stellvertretende Staatssekretär Dr. Charivat Santaputra vor dem Raum auf mich, flankiert von Vertretern der Abteilungen für Kultur und Presse.
Dr. Charivat Santaputra wird der nächste Botschafter Thailands in Deutschland sein. Derzeit ist die Position nicht besetzt, weil sein Vorgänger, Botschafter Sorayuth Prompoj (siehe Interview in THAIZEIT Nr. 27), bereits in Pension gegangen ist und Dr. Charivat noch auf seine offizielle Ernennung durch Seine Majestät den König wartet. Sobald es soweit ist, geht er nach Berlin. Er lernt bereits Deutsch.
Der 58-jährige Diplomat hat Wirtschaft, Jura und internationale Politik studiert und arbeitet seither für das Außenministerium. Er hat Thailand in New York bei den Vereinten Nationen vertreten und war bereits Botschafter in Nairobi und Kairo. Viele Auszeichnungen schmücken seine Brust, wenn er die weiße Paradeuniform der königlich-thailändischen Regierung trägt.
„Verständnis ist der Schlüssel zum Miteinander”, sagt Dr. Charivat. Deshalb will er sich in seiner Arbeit in Deutschland für ein besseres Kennenlernen zwischen unseren Kulturen stark machen. Er will sich intensiv um die thailändische Community in Deutschland kümmern und sich für eine bessere Integration einsetzen.
Verständnis sei auch auf politischer Ebene entscheidend. Daher begrüßt der kommende Botschafter hochrangige bilaterale Treffen, wie sie am 8. Mai in Berlin stattgefunden haben. Er betont jedoch, dass politische Gespräche zwischen Thailand und Deutschland immer stattgefunden hätten und die Beziehungen gut seien. Die offiziellen Kontakte auf höchster Ebene seien nicht unbedingt entscheidend, sollten jedoch fortgesetzt werden, um das gute Miteinander zu untermaue

Soziale Verantwortung der Wirtschaft


Dr. Charivat setzt insbesondere auf die Wirtschaft. Die begleitenden Delegationen seien sehr wichtig für die Entwicklung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen unseren Ländern. Insgesamt wünscht er sich eine regere deutsche Beteiligung an Bewerbungen für die großen Infrastrukturprojekte in Thailand. Außerdem sollten die deutschen Unternehmen ihr Know-how im Anschluss an ausgeführte Projekte an die Thais übertragen, damit diese selbst die Wartung und den Ausbau vornehmen können. Das gehöre auch zur sozialen Verantwortung, die ausländische Unternehmen in Thailand mit Ihrem Engagement übernehmen sollten, und die ein sehr wichtiger Faktor in der bilateralen marktwirtschaftlichen Vernetzung sei.
Ich frage Dr. Charivat, warum Premierminister Abhisit Vejjajiva schon zweimal in England, aber noch nicht in Deutschland war. Erstaunlich offene Antwort: Natürlich habe Abhisit eine besondere Bindung und Beziehung zu England, weil er dort geboren wurde und aufwuchs, Freunde dort hat und immer besonders herzlich willkommen geheißen wird. „Würde er so ein Willkommen auch in Deutschland erleben?”, fragt Charivat. Außerdem: Deutschland sei zwar der größte Handelspartner, England schicke aber die meisten Touristen, nämlich 800.000 statt rund 500.000 aus Deutschland. Wichtiger als Abhisit Vejjajiva sei für die Tagung in Berlin ohnehin die Teilnahme von Korbsak Sabhavasu gewesen, der als Vizepremier für die Wirtschaft zuständig ist. Schließlich handelte es sich um eine Sitzung des Deutsch-Thailändischen Gemischten Wirtschaftsausschusses. Außenminister Kasit Piromya, der einst Botschafter in Deutschland war, wäre gern auch nach Berlin gereist, man habe aber entschieden, dass ein Top-Kabinettsmitglied genug sei.
Deutschlands Einfluss in Thailand könne gestärkt werden, wenn Deutschland mehr Studienplätze für Thais zur Verfügung stellen würde. Vielleicht würde so ein kommender Premierminister in Deutschland studiert haben und entsprechend gepolt sein.

Vertrauen zurückgewinnen


Das Image Thailands hat in den letzten Jahren im Ausland gelitten. Auch in Deutschland sind die politischen Unruhen nicht ohne Vertrauensverlust für Thailand geblieben. Dr. Charivat sieht es daher als dringen erforderlich an, das Vertrauen wieder herzustellen. Dazu bittet er um einen weiteren Vertrauensvorschuss. Man habe zwar bereits im Dezember nach den Demonstrationen der Gelbhemden und der folgenreichen Flughafenbesetzung versprochen, dass sich so etwas nicht wiederholen könne. Nach der unblutigen Niederschlagung der Proteste der Rothemden sei aber die Lage nun tatsächlich unter Kontrolle.

Unruhen überstanden

Dr. Charivat versteht, dass es jetzt etwas länger dauern wird, bis das Vertrauen komplett zurück sein wird. Daher ist es ihm wichtig, jetzt zu kommunizieren, dass während der Proteste niemals Ausländer in Gefahr waren und auch nicht verletzt wurden. Die Geschäfte seien ganz normal weiter getätigt worden. Er bezeichnet die Proteste als „Schluckauf“, der sich mal ereignen könne in einer Demokratie und fordert die Welt auf, nach Thailand zu kommen, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Viele Touristen fürchtet er allerdings nicht zu verlieren, die derzeitige Reisezurückhaltung sei eher auf die weltweit geschwächte Wirtschaft und die Angst vor der Schweinegrippe zurückzuführen. Auf die Frage nach möglichen Fehlern beim Umgang mit den Protestanten antwortet der künftige Botschafter, der Umgang mit den gewalttätigen Demonstranten sei anfangs nicht entschlossen genug gewesen. Der Sturm auf das Konferenzzentrum in Pattaya und die Attacke auf den Wagen des Premierministers hätte man nicht durchgehen lassen dürfen, hier hätte der Staat sein Recht auf Selbstverteidigung konsequent nutzen sollen. Allerdings sei die Strategie, keine Gewalt anzuwenden, politisch angeordnet und im Nachhinein erfolgreich gewesen: Es wurde schließlich niemand getötet, die Proteste aber dennoch beendet. Eine Eskalation sei verhindert worden. Dennoch habe man aus Fehlern gelernt. „Heute ist es aber leicht, alles besser zu wissen. Wir alle waren von den Übergriffen in Pattaya total überrascht, damit hat niemand gerechnet“, so Charivat. Hier hätte man härter vorgehen müssen. Er betont, dass neben den friedlichen Demonstranten bezahlte Schlägertrupps das Bild geprägt hätten. Derzeit berate die Regierung neue Gesetze, die Demonstrationen regeln sollen. So etwas gäbe es in Thailand nämlich noch nicht. Die neuen Verordnungen sollten sich an europäischen Gesetzen orientieren.

Der Botschafter als Fußballfan

Charivat ist Fußballfan, sein Herz schlägt für Manchester United, die gerade wieder die Meisterschaft gewonnen haben, und auch Leeds United ist eine seiner Lieblingsmannschaften. Auch er hat seine England-Bindung durch sein Studium dort erhalten. In Deutschland bewundert er Bayern München und will sich auch Spiele von Herta BSC anschauen. Was er außer Fußball an Deutschland möge? Wurst natürlich, diese esse er immer, wenn er in Deutschland sei. Er wolle in Deutschland aber auch für die Thai-Küche werben. An Deutschland bewundert er die Technologie, die Qualität, die Methodik und die Effizienz und will davon möglichst viel nach Thailand importieren. Es gebe bereits gute Beispiele wie die deutsch-thailändische Uni King Mongkut‘s University of Technology North Bangkok und die angeschlossene Thai-German Graduate School. Dr. Charivat Santaputra antwortet auf die Frage, ob er eine Botschaft für THAIZEIT-Lesern habe: „Lernt mehr über die andere Kultur, wir brauchen mehr Verständnis untereinander. Urteilt nicht vorschnell, sondern versucht erst, die Dinge wirklich zu begreifen. Kommt nach Thailand, um es selbst erleben. Begegnet einander mit Wertschätzung und Respekt. Lasst uns an den Beziehungen arbeiten und Vorurteile vergessen! Thailand ist auch dieser Tage nicht unsicher. Thailand bietet ein tolles Preis-Leistungs-Verhältnis, nicht nur für Urlauber, sondern auch für Investoren! Die Botschaft wird versuchen, die Probleme zu lösen und ihr bestes geben, den Beziehungen unserer Länder und dem Königreich in Deutschland zu dienen.”

Mark Sonntag


LEBENSLAUF Dr. Charivat Santaputra • Geboren am 25. März 1951 • Verheiratet • Bachelor-Studium der Wirtschaft und des Rechts am University College of Wales, Aberystwyth, U.K. • Master-Studium und Dissertation in Internationaler Politik an der University of Southampton, U.K. • ab 1982 Beginn der Tätigkeit fürs Außenministerium • ab 1986 Königlich-Thailändische Botschaft in Kuala Lumpur • ab 1990 verschiedene Positionen im Außenministerium • ab 1994 Vertretung Thailands bei den Vereinten Nationen in New York • ab 1998 Stellvertretender Generaldirektor der Abteilung für internationale Organisationen • ab 2001 Botschafter in Kenia • ab 2003 Botschafter in Ägypten • ab 2006 Stellvertretender Staatssekretär Dr. Charivat Santaputra trägt die Chakrabarti Mala Medaille und die Großen Ritterkreuze Erster Klasse des Höchsten Ordens des Weißen Elefanten und des Noblen Ordens der Krone Thailands.

Wie gefällt dir dieser Beitrag?

Keine Bewertung

Deine Meinung ist uns wichtig! Bewertung abgeben


Weitere interessante Artikel