Wirtschaftsnews:

Steigender thailändischer Energieverbrauch fordert Regierung heraus

Von Alexander Hirschle, Germany Trade & Invest.


Der Anstieg des thailändischen Stromverbrauchs wird sich Fachleuten zufolge in den kommenden Jahren wieder auf einem höherem Niveau bewegen. Sie befürchten mittel- bis langfristig einen Nachfrageüberhang in dem Königreich. Die Regierung forciert als Reaktion hierauf Maßnahmen für mehr Energieeffizienz sowie den weiteren Ausbau der Erzeugungskapazitäten.

Pläne für mehr Effizienz und Kapazitätsausbau


Hieraus werden sich in Thailands Energiesektor für eine Reihe von Ausrüstungen in den kommen Jahren gute Lieferchancen ergeben.
Thailands staatliche Gesellschaft Metropolitan Electricity Authority (MEA) schätzt, dass der Stromkonsum in ihrem Einzugsgebiet 2011 um etwa 3,1% zulegen wird. Im Vorjahr belief sich das Plus auf 7,8% und wurde in erster Linie von den steigenden Exporten sowie dem florierenden Verkauf von Wohnimmobilien angekurbelt. Insgesamt sollen sich der Stromverbrauch MEA zufolge 2011 auf 46,4 Mrd. Kilowattstunden (kwh), die Einnahmen auf 157 Mrd. Baht (B; circa 3,8 Mrd. Euro; 1 Euro = 41,86 B) belaufen.
Allerdings gehen Branchenexperten davon aus, dass die Prognosen für 2011 sehr konservativ angesetzt sind und voraussichtlich im Jahresverlauf übertroffen werden. Der Stromverbrauch gilt als guter Indikator für die gesamtwirtschaftliche Situation und das Abschneiden von Sektoren, insbesondere der Kfz-, Stahl- und Elektronikindustrie.
Die Werte liefen zuletzt fast im Gleichschritt mit der konjunkturellen Entwicklung. Die Wirtschaft des südostasiatischen Landes hatte sich 2010 mit einem geschätzten realen Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in Höhe von 7,9% nach der Talfahrt im Vorjahr wieder überraschend schnell aus der Krise herausgearbeitet. Für 2011 belaufen sich die Prognosen auf eine BIP-Steigerung von real 3 bis 5%.
Das Einzugsgebiet von MEA umfasst die thailändische Hauptstadt Bangkok sowie die Städte Nonthaburi und Samut Prakan. Ingesamt versorgt die Gesellschaft 3,5 Mio. Haushalte beziehungsweise 15 Mio. Menschen und zeichnet für rund 70% des Stromverbrauchs im Königreich verantwortlich. Die restlichen 73 Provinzen des Landes werden von der Gesellschaft Provincial Electricity Authority mit Strom beliefert.
Nach Angaben von MEA-Verantwortlichen in der lokalen Presse möchte das Unternehmen seine Aktivitäten langfristig auf andere Bereiche, wie beispielsweise Informationstechnik, Telekommunikation und Ingenieurdienstleistungen, ausrichten, die höhere Margen als das Kerngeschäft versprechen.

Die Prognosen des staatlichen Branchenriesen Egat (Electricity Generating Authority of Thailand) zum Stromverbrauch liegen mit einem voraussichtlichen Anstieg von 5,5% über denen der MEA. Gemäß einer Studie der Siam Commercial Bank soll der Verbrauch bis 2020 im Schnitt um 4% per annum zulegen, bei Wohnungen um 5% jährlich. Im letzten Jahrzehnt hatte sich die durchschnittliche Steigerungsrate noch auf 3,5% belaufen. Die erwarteten höheren Werte sind gemäß der Studie darauf zurückzuführen, dass die lokalen Konsumenten im Zuge sukzessive steigender Einkommen vor allem mehr elektrische Haushaltsgeräte erwerben. Die Zahl der Haushalte, die über ein Fernsehgerät verfügen, soll sich bis 2020 um mehr als 70% erhöhen. Bei Mikrowellen, Klimaanlagen und PCs erreichen die erwarteten Steigerungsraten sogar mehr als 200%. Ebenso übernimmt die thailändische Landbevölkerung immer stärker städtische Lebensweisen, was zu einem tendenziell höheren Energieverbrauch führt. Nach der Studie ist vor allem problematisch, dass in Thailand die Steigerungsrate des Verbrauchs über derjenigen des Produktionszuwachses liegt. Nach Einschätzung von Experten droht deshalb die Gefahr von Versorgungsengpässen. Die Siam Commercial Bank rechnet damit, dass davon in erster Linie die Hauptstadt Bangkok und andere Ballungsräume betroffen wären. Da der Aufbau neuer Kapazitäten nur langsam vorankomme, müsse die Bevölkerung daher bald möglichst mit der Umsetzung von Stromsparmaßnahmen beginnen. Die privaten Haushalte zeichnen in Thailand für rund 15% des Energieverbrauchs verantwortlich. Energieeffizienzmaßnahmen sind nach Einschätzung des Finanzinstituts das geeignete Mittel, um einem Nachfrageüberhang vorzubeugen. Vor allem bei den stark verbreiteten Klimaanlagen ergibt sich ein enormes Einsparpotenzial: Allein durch die Verwendung stromsparender "Air Conditioner" könne in Thailand auf den Bau eines 800-MW-Kraftwerks im Wert von rund 20 Mrd. B verzichtet werden. Auch durch die regelmäßige Reinigung der Anlagen im Halbjahresrhythmus würde sich ein Einsparpotenzial von 400 MW ergeben. Das Energieministerium will daher seine Bemühungen im Bereich Energieeffizienz intensivieren. Im Mittelpunkt sollen insbesondere die Bereiche Industrie und Logistik stehen, die für jeweils 36% des Verbrauchs verantwortlich zeichnen. Nach Vorstellung der Regierung können in den beiden Sektoren bis zu 10% Energie eingespart werden, falls die entsprechenden Effizienzmaßnahmen zügig umgesetzt würden. Um diese schneller auf den Weg zu bringen, will die Behörde EPPO (Energy Policy and Planning Office) gemeinsam mit dem Verband FTI (Federation of Thai Industries) im 1. Quartal 2011 circa 100 Unternehmen auswählen, denen 30% der Anschaffungskosten für Ausrüstungen und Technologie finanziert werden. Dies könnte auch GPS-Module umfassen, da in Thailand der Straßenverkehr allein 80% des Energieverbrauchs im Logistiksektor ausmacht. Vertreter des Fachverbands bemängeln in diesem Zusammenhang, dass die Transportkosten durchschnittlich 36% der Firmenausgaben umfassen, während der internationale Schnitt bei 20 bis 25% läge. Auch im Immobiliensektor plant das Energieministerium, privaten Eigentümern Sparmaßnahmen über finanzielle Anreize und technische Unterstützung von Seiten der Behörden schmackhaft zu machen. Gleichzeitig ist ein Ausbau der Erzeugungskapazitäten geplant. So ließ die staatliche Egat bereits Ende 2010 verlauten, dass sie ihr Investitionsbudget bis 2014 um 30 Mrd. auf 70 Mrd. B nach oben geschraubt hat. Circa 20 Mrd. B der Gesamtsumme sind Presseangaben zu Folge für den Bau eines 800-MW-Gaskraftwerks im Norden von Bangkok und 10 Mrd. B für die Ausweitung des Transmissionsnetzes vorgesehen. Darüber hinaus sind Kapazitätsaufstockungen der Kraftwerke in Songkhla und Ayutthaya um jeweils 740 MW geplant. Nach Einschätzung von Marktanalysten war die Revidierung der Egat-Investitionspläne eine direkte Folge der hohen Steigerungen des Stromverbrauchs im Jahresverlauf 2010. Darüber hinaus will die Regierung die starke Abhängigkeit von gasbetriebenen Kraftwerken in Thailand und Wasserkraftanlagen im benachbarten Laos reduzieren. Impulse dürften auch von einer 2010 erfolgten Ausschreibung für den Aufbau von Kapazitäten in Höhe von 1.980 MW durch kleine Stromproduzenten (SPP, Small Power Producers) kommen. Ebenso befinden sich viele alte Anlagen nach Aussagen von Branchenvertretern in schlechtem Zustand und müssen dringend modernisiert oder sogar komplett neu gebaut werden. Auch die Transmissions- und Distributionsleitungen müssen erweitert werden, da das existierende Netzwerk den künftigen Ansprüchen nicht mehr gewachsen sein wird. Diesen Informationen zu Folge ist die Egat aufgrund des hohen Bedarfs auf der Suche nach neuen Zulieferfirmen, da bei den derzeit unter Vertrag stehenden Unternehmen die Kapazitäten nicht mehr ausreichen.

Gute Lieferchancen für deutsche Firmen

Hervorragende Lieferchancen bieten unter anderem Bereiche wie Hochspannungsschaltelemente, Kontrollschränke, Automatisierungstechnik, Turbinen und Scada-Software. Aber auch für Ingenieurbüros und Consultants wird der thailändische Energiesektor als sehr attraktiv eingestuft. Deutsche Produkte und Dienstleistungen können nach Einschätzung von Fachleuten aufgrund ihrer hohen Qualität und innovativen Ansätze zum Zug kommen und etwaige preisliche Nachteile überkompensieren. Als Hauptkonkurrenten werden andere Unternehmen aus Europa, aus Japan und aus den USA genannt. Die VR China spiele im Hochtechnologiesegment noch keine entscheidende Rolle.


GERMANY TRADE AND INVEST (GTAI) GTAI ist die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland für Außenwirtschaft und Standortmarketing. Die Gesellschaft vermarktet den Wirtschafts- und Technologiestandort Deutschland im Ausland, informiert deutsche Unternehmen über Auslandsmärkte und begleitet ausländische Unternehmen bei der Ansiedlung in Deutschland. www.gtai.de

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