Birma Spezial:

„Helfen kann man überall“

THAIZEIT sprach mit dem Mitbegründer von Asian Trails, Laurent Kienzle, über sein persönliches Engagement in Birma.


Laurent Kuenzle hat das getan, was die Menschen in Birma so dringend benötigen, nachdem der Zyklon Nargis ihnen vor mehr als einem Jahr alles genommen hat, was sie besassen: Er hat Aufbauarbeit geleistet und hat die Finanzierung des Baus einer Schule organisiert. Aus Liebe zum Land und zu den Menschen. Sein Verhältnis zu Birma ist ein besonderes; das wird sofort deutlich. „Birma hat mein Herz berührt, seit ich zum ersten Mal dort war“, sagt Kuenzle. „Das Bild, das man über die Medien vermittelt bekommt, ist ein völlig verzerrtes. Angsterfüllte Gesichter, überall Militär – dieses Image ist absolut falsch. Die Burmesen sind offen und freundlich, gehen auf einen zu, wollen die Ausländer kennenlernen, suchen den Dialog, fragen viel und erzählen aus ihrem Leben. Das Lächeln, mit dem sie einem begegnen, ist ein warmherziges, echtes. Wahrscheinlich, weil dort Kommerzielles völlig fehlt, ihnen Gier und Neid vollkommen fremd sind.“ Kuenzle rät, Vorurteile abzulegen und sich mit einer Reise nach Birma selbst ein Bild von der dortigen Situation zu machen – auch, um den Menschen im Land zu helfen.
„Der Tourismus ist einer der größten privaten Geldgeber dieses Landes, bringt den Menschen auf direktem Wege Geld. Wer Birma bereist, unterstützt automatisch die Bevölkerung.“ Angst vor Polizeikontrollen, Militärsperren, spürbar spannungsgeladener Atmosphäre und allgegenwärtiger permanenter Furcht müsse man nicht haben, erklärt Kuenzle. „Sicherheitstechnisch ist eine Reise nach Birma für Touristen überhaupt kein Problem, ist nicht gefährlicher als eine andere Urlaubsreise auch. Der einzige Ratschlag, den ich geben kann, ist der, sich ganz normal zu verhalten, so wie in jedem anderen Land, das man als Tourist bereist.“


Tourismus unterstützt die Bevölkerung



Wohin und auf welche Weise Touristen in Birma reisen sollten, hängt ganz davon ab, welche Art von Urlaub sie erleben möchten. „Entweder geht man in die touristisch erschlossenen Gebiete und steigt in schönen Hotels ab, beispielsweise in Yangon, Mandalay oder Bagan. Oder aber man wählt die abenteuerlichere Reisevariante, bewegt sich außerhalb dieser Orte, hat es mit einer sehr einfachen Infrastruktur zu tun, fährt auf katastrophalen Straßen, muss bei Kerzenschein ein Buch lesen, weil es keine Elektrizität gibt, begegnet Menschen, die kaum mit Touristen zu tun haben. Dieses Reisegefühl ist unbeschreiblich“, schwärmt Kuenzle. „Was man unabhängig von der bevorzugten Art zu reisen unbedingt gesehen haben sollte, sind die Tempelstätte Bagan und die Region in der Nähe des Inle Sees, wo man den Minoritäten begegnet – Bergvölkern beispielsweise, bei denen sich in den letzten 200 Jahren überhaupt nichts verändert hat.“ Auf die Frage, was Kuenzle so fasziniert an Birma, antwortet er sofort: „Die Menschen und ihre Herzlichkeit. Die Eindrücke, die man in diesem Land sammelt und die unglaubliche landschaftliche Schönheit.“


Eine grosse Leistung der Burmesen



Der Zyklon hat die Lebensgrundlage der Birmesen vernichtet, „hat auf einen Schlag 200 000 Menschen getötet und den Überlebenden alles genommen, ihre Häuser, Felder und Tiere. Etwa vier Millionen Birmesen waren davon betroffen“, erklärt Kuenzle. „Erste Hilfe haben die Birmesen selbst geleistet. Ganz Yyangon hat Hilfsgüter in die Autos geladen, um die Menschen im Delta mit Zelten und Medizin zu versorgen.“ Großartiges haben die birmesischen NGOs geleistet, wie Kuenzle erläutert. „Viele von ihnen waren schon nach dem Tsunami 2006 im Delta, um den Menschen zu helfen. Auch nach dem Zyklon Nargis haben sie Unvorstellbares geleistet, waren die ersten im Delta, haben alles getan, um den Menschen mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zur Seite zu stehen. Nur leider hat niemand darüber berichtet. Das ist sehr schade und traurig.“ Kuenzles Firma hat auch Angestellte in Birma. „Als Erstes haben wir uns um diese Angestellten gekümmert, haben Geld gesammelt, damit sie ihre Häuser wieder instand setzen können. Für diejenigen, die alles verloren haben, haben wir zunächst einmal Häuser angemietet. Alle unsere birmesischen Angestellten, die selbst nichts haben, haben Geld gesammelt und sind ins Delta gefahren, um zu helfen.“

Den Vergessenen helfen

Für weiterführende, große Hilfsprojekte wurde dringend Hilfe von außen benötigt, was vom Militärregime jedoch erschwert wurde: „Die Generäle haben die Tür nicht gerne und erst spät geöffnet. Man wollte kontrollieren, wer ins Land kommt.“ Problematisch war auch, dass die Hilfsgelder ausschließlich auf den Deltabereich verteilt wurden. „Alle anderen Regionen und Menschen, die auch Hilfe benötigten, wurden schlichtweg vergessen“, so Kuenzle. „Zwar wurden Schulen gebaut, aber nur in den Hauptorten; an abgelegeneren Orten wurde nichts unternommen. Man musste Prioritäten setzen.“ Genau da zu helfen, wo vergessen wurde, das war Kuenzle wichtig, wurde zu seinem „persönlichen Projekt“, wie er erklärt. Er hat es geschafft, ausschließlich mit Spendengeldern von Familie und Freunden den Bau einer Schule für 300 Kinder in Aphaung Village, Pyapon Township zu finanzieren. Kuenzle und die anderen Geldgeber wollten einen Beitrag dazu leisten, die Ausbildungsmöglichkeiten für Kinder zu verbessern. „Schulen sind deshalb so wichtig, weil sie die Zukunft der Kinder vorbereiten. Diesen jungen Menschen muss eine Möglichkeit gegeben werden, ihre Zukunftschancen zu verbessern.“ Die Dorfbewohner haben die Schule selbst gebaut. Material und fachkundige Hilfe wurden ihnen zur Verfügung gestellt. „Sie haben es sehr gerne gemacht. So ist es jetzt wirklich ihre Schule geworden.“

Ein Traum für die Zukunft

Für die Zukunft hat Kuenzle weitere Projekte geplant. „Ich habe einen großen Plan, der zwar noch nicht durchgekommen ist, aber ich werde es schaffen. Ich möchte den Menschen mehr geben, als sie vorher schon hatten und habe vor, eine Mittelschule zu bauen, damit die Kinder die Möglichkeit haben, etwas anderes zu tun als nach Abschluss der Primarschule auf dem Land zu arbeiten, bis sie sterben. Die Nachfrage ist da. Viele Menschen aus den Dörfern erzählen mir, dass sie ihre Kinder gerne auf weiterführende Schulen schicken würden.“ Zwar gibt es im Delta Mittelschulen, allerdings nur in den größeren Regionen. Kuenzle möchte in den kleinen Regionen bauen, so wie beim Projekt in Aphaung Village. „Mein größter Traum ist, dass die Kinder irgendwann einmal auf die Universität in Yyangon gehen können – auch wenn ich weiß, dass so ein Projekt noch in weiter Zukunft liegt.“ Kuenzle legt keinen Wert darauf, dass sein Name überall erwähnt und seine Leistung besonders hervorgehoben wird. Ihm geht es einfach darum zu helfen, Möglichkeiten zu schaffen, den Grundstein für ein besseres Leben zu legen. „Man kann nicht allen Menschen helfen. Aber man muss irgendwo anfangen, und diesen Menschen hat man dann wirklich geholfen.“

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Laurent Kuenzle und Asian Trails Laurent Kuenzle ist Mmitbegründer von Asian Trails und Geschäftsführer der Unternehmensgruppe außerhalb Thailands. Asian Trails ist eines der führenden touristischen Unternehmen in Südostasien und vielfach als beste Reiseagentur Thailands ausgezeichnet worden. Rund mehr als 550 Mitarbeiter kümmern sich um rund 420.000 Touristen pro Jahr. Asian Trails unterhält Büros in Birma, China, Indonesien, Kambodscha, Laos, Malaysia, Thailand und Vietnam. Mehr Infos unter www.asiantrails.net Birma, Burma, Myanmar? Alle Namen entstammen dem Wortstamm Bama, der Bezeichnung der größten Bevölkerungsgruppe des Landes. Der offizielle Staatsname ist Myanmar, gebräuchlich sind aber bis heute auch Burma (englischsprachiger Raum) und Birma (deutschsprachiger Raum). Wir folgen der Empfehlung der deutschen Presseagenturen und verwenden Birma. Daten und Fakten Die ehemalige Kolonie Großbritanniens (bis 1948) liegt auf einer Fläche von fast 700.000 Quadratkilometern zwischen Indien, China und Thailand und beherbergt fast 48 Millionen Menschen. Die größte Stadt Rangun hat 4,5 Millionen Einwohner. Regierungssitz ist Naypyidaw. Birma ist ein überwiegend buddhistischer Vielvölkerstaat und wird seit 1962 von einer Militärregierung beherrscht.

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